Warum siedelten Menschen im hinteren Ötztal?

Historische Aufnahme von Winterstall. Gut zu erkennen ist, dass der Siedlungsraum durch Lawinenstriche eng bemessen war. Foto: Ötztaler Museen

„Freitags im Museum“ beschäftigte sich mit der Siedlungsgeschichte des Ötztals

In der Reihe „Freitags im Museum“ gab Univ.-Prof. Dr. Kurt Scharr im Turmmuseum Oetz einen kompakten Überblick über die Siedlungsentwicklung des hinteren Ötztals. Am Beispiel vieler Karten und Bilder vermittelte Kurt Scharr den Siedlungsprozess im Zeitraum vom 13. bis zum 19. Jahrhundert am Beispiel der Ötztaler Alpen. Auf großes Interesse stieß der Vortrag, den Kurt Scharr spannend und gerafft auf seiner Dissertation aus dem Jahr 2001 aufbaute.

Von Friederike Hirsch

Der Andrang im Turmmuseum war enorm. Die Organisatoren hatten wohl nicht mit diesem großen Interesse an der Siedlungsgeschichte im Ötztal gerechnet. Der kleine Saal war restlos überfüllt und nicht alle konnten einen Sitzplatz ergattern. Dennoch verließ niemand den Vortrag, der von Kurt Scharr, Professor für österreichische Geschichte an der Universität Innsbruck, fesselnd und anschaulich präsentiert wurde. Die Besiedelung des Ötztals erfolgte in der Geschichte teils unter extremen Bedingungen, insbesondere an der Obergrenze des naturgegebenen menschlichen Siedlungsraumes. Kulturlandschaft entwickelt und verändert sich durch Ansiedlung, Verkehr und Wirtschaft. Kleine Übergänge, die zu Fuß zu bewältigen waren, sind dabei besonders wichtig. Für das hintere Ötztal bedeutend ist dabei, dass man Wege entdeckte, die von Meran in den süddeutschen Raum führten. Vent, die älteste Siedlung im Ötztal, wurde erstmals im Jahre 1241 urkundlich erwähnt. Die ersten Siedler waren Schafhirten aus dem heutigen Südtirol. Sie kamen nach Norden und siedelten sich in Vent an. Bereits vor 9000 Jahren wurde die Hochgebirgsregion des Innerötztals von steinzeitlichen Menschen durchstreift. Jäger, Hirten und Händler überschritten auf Pässen und Jochen den Alpenhauptkamm. Nicht alle gelangten an ihr Ziel, wie der sensationelle Fund des 5300 Jahre alten „Ötzi“ beweist. Neben diesem Fund entdeckte man bei archäologischen Ausgrabungen eine steinzeitliche Jägerstation. Diese wurde bereits 7600 v. Chr. genutzt und belegt damit auch die erste Begehung des Rofentals durch den Menschen. Auch beim „Hohlen Stein“ am Eingang des Niedertales wurden Spuren von steinzeitlichen Jägern gefunden. Die entscheidende Besiedelung des Ötztals erfolgte von Norden her durch die Bajuwaren, die zwischen Alpen und Donau erstmals um 550 nachgewiesen sind. Sie vermischten sich mit den dort ansässigen Rätoromanen. Erste urkundliche Nachrichten über eine Besiedelung des Tals sind aus dem 12. Jahrhundert erhalten. Im Mittelalter errichten die Fürsten „Bollwerke“, um den Weg von Süden nach Norden zu schützen. Schloss Tirol und das Kloster Stams begrenzten den Süd-Nord-Korridor. Innerhalb des Ötztals waren die Rofenhöfe und die Tisenhöfe der Garant für die Herrschenden. Diese ersten Urhöfe im Innerötztal sind zwischen 1288 und ca. 1370 n. Chr. erstmals urkundlich erwähnt worden. Der Siedlungsraum war eng bemessen. Muren, Berg- und Felsstürze, Lawinen und Hochwasser zwangen die Siedlungen dazu, sich anzupassen. Noch heute fragt man sich, warum die Menschen ausgerechnet da oder dort ansässig wurden. Als es im 19. Jahrhundert zu einer Krise in der Landwirtschaft kam, suchte man einen Ausweg. 1830 wurde in Obergurgl sogar der Beschluss gefasst, durch ein Heiratsverbot die Gründung weiterer Familien zu verhindern, weil der karge Boden eine Ernährung der Bevölkerung unmöglich machte. 1850 wurde es wieder aufgehoben. Anfang des 19. Jahrhunderts erfolgten die ersten dokumentierten Bergbesteigungen durch Botaniker. Die alpintouristische Erschließung der Ötztaler Alpen begann praktisch in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Die Erstbesteigungen der hohen Gipfel der Ötztaler erfolgten ebenfalls sehr früh. 1834 wurde der Similaun und 1861 der Hauptgipfel der Wildspitze bestiegen. Doch die Alpingeschichte von Vent und dem gesamten Ötztal wurde geprägt von Franz Senn, der als Mitbegründer des Deutschen Alpenvereins den Alpinismus förderte wie kein anderer. Er ließ Steige und Wege anlegen und Schutzhütten errichten. Durch die Einkünfte aus dem Fremdenverkehr verbesserte sich die wirtschaftliche Lage und die Lebensverhältnisse. Der Tourismus ist heute ein zentraler wirtschaftlicher Faktor im Tal. So schloss die vergangene Wintersaison im Ötztal mit einem erneuten Nächtigungsrekord ab. 2899197 Nächtigungen von November 2016 bis April 2017 konnten die Ötztaler verbuchen. Die Besiedlung der Ötztals zeigt deutlich, wie anpassungsfähig Mensch und Kulturlandschaft sind. Vom Kommunikationsraum für Jäger und Sammler, zum Siedlungsraum für Bauern bis hin zu einer touristischen Nutzung. Die kritische Frage sollte man sich aber dennoch stellen: „Wie weit darf und soll sich die Kulturlandschaft im Ötztal noch anpassen müssen?“

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