Weitere Hürde genommen

Im Rahmen der Erweiterung der Kraftwerksgruppe Sellrain-Silz ist ein zusätzlicher Speichersee (oben rechts) sowie ein Pumpspeicherwerk geplant. Fotomontage: Tiwag

Das Tiwag-Projekt Sellrain-Silz bekam grünes Licht von der UVP-Behörde

Bereits im Dezember 2009 reichte die Tiwag die Projektunterlagen zur Erweiterung der Kraftwerksgruppe Sellrain-Silz bei der UVP-Behörde ein. Am Dienstag vergangener Woche kündigte die Tiroler Landesregierung die Ausstellung eines positiven Bescheids erster Instanz an.

„Wir begrüßen diese Entscheidung. Es ist ein nächster, wichtiger Zwischenschritt auf dem Weg zum ökologisch verträglichen Ausbau der heimischen Wasserkraft“, rechnet Tiwag-Vorstandsvorsitzender Erich Entstrasser jedoch mit einer Verlängerung des Verfahrens in nächster Instanz vor dem Bundesverwaltungsgericht. Der Begutachtungsmarathon geht also weiter, auch wenn mit dem positiven UVP-Bescheid eine große Hürde genommen ist.

DAS PROJEKT. Im Rahmen des Projekts würden im Kühtai ein zusätzlicher Speichersee (31 Millionen m3 Fassungsvermögen) sowie ein Pumpspeicherwerk als zweite Oberstufe errichtet werden. Mithilfe des neuen Speichers würde die Wasserspeicherkapazität der Bestandsanlage um rund 50 Prozent erhöht. „Pumpspeicherkraftwerke sind die Partner aller anderen regenerativen Energieerzeugungstechnologien. Mit dem nachhaltigen Ausbau im Kühtai schaffen wir zusätzliche Speicherkapazitäten für eine flexible und unabhängige Stromversorgung in Tirol“, erklärte Vorstandsdirektor Johann Herdina dazu. Die seit 1981 in Betrieb stehende Kraftwerksgruppe Sellrain-Silz besteht derzeit aus den Kraftwerken Kühtai und Silz sowie den Speichern Finstertal (60 Mio. m3) und Längental (3 Millionen m3). Die Stromerzeugung beträgt im Regeljahr ca. 520 GWh/Jahr aus natürlichem Zufluss. Der Anteil der Wasserkraft am gesamten Energieaufkommen beträgt derzeit 19 Prozent. Im Jahr 2050 sollen es mehr als 50 Prozent sein. Sellrain-Silz würde einen Beitrag von rund zehn Prozent zum geplanten Ausbau der Wasserkraft leisten. Die Gesamtinvestition der Kraftwerkserweiterung Sellrain-Silz beläuft sich auf 500 Millionen Euro.

VON VIELEN SEITEN BEGRÜßT. „Heute ist ein guter Tag für die Zukunft Tirols – denn wir können heute berichten, dass es einen positiven UVP-Bescheid für die Erweiterung des Kraftwerks Sellrain-Silz gibt. Wir machen damit einen großen, wichtigen Schritt Richtung größtmöglicher Energieunabhängigkeit“, freute sich auch LH Günther Platter am Dienstag vergangener Woche im Anschluss an die Regierungssitzung. „Der ökologisch verträgliche Ausbau der Wasserkraft in unserem Land ist neben dem Stromsparen und der Effizienzsteigerung bestehender Anlagen eine zentrale Säule unseres Energieprogramms. Die verstärkte Nutzung des sauberen Potenzials der Wasserkraft zur Stromgewinnung bedeutet für Tirol Versorgungssicherheit, Selbstbestimmung und Unabhängigkeit. Durch stabile, niedrige Strompreise sichern wir auch den Wirtschaftsstandort Tirol und damit viele Arbeitsplätze im Land ab. Gleichzeitig leisten wir einen Beitrag zum Klimaschutz. In einem umfangreichen UVP-Verfahren wurde von der Behörde eine sorgfältige Abwägung zwischen den Interessen des Naturschutzes und dem Bedarf am Ausbau erneuerbarer Energieträger getroffen“, betonte Platter. Auch die politische Opposition ist über den Entscheid der UVP-Behörde erfreut, erlärt SP-Energiesprecher Georg Dornauer und bekräftigt einmal mehr das klare Bekenntnis der SPÖ zum verträglichen Ausbau der Wasserkraft. Auch WK-Präsident Jürgen Bodenseer begrüßt den positiven Bescheid: „Sellrain-Silz ist ein wichtiger Baustein für die angestrebte Energieautonomie in Tirol. Der positive Effekt für die Energieversorgung überwiegt bei weitem, die moderaten Eingriffe in die Naturlandschaft sind daher absolut vertretbar“. Er weist weiters auf die positiven volkswirtschaftlichen Effekte hin: „Mit dem Bau von Sellrain-Silz werden 500 Millionen Euro im Land investiert, was wichtige Impulse für die heimischen Betriebe und den Arbeitsmarkt bringt“. Wirtschaftsbundobmann Franz Hörl zum positiven UVP-Bescheid: „Die Stärkung der Energieunabhängigkeit und das Zurückdrängen von Öl, Kohle und Gas ist ein Zeichen und Auftrag unserer Zeit. Tirol schreitet hier mit großen Schritten voran und beweist damit Weitblick und Verantwortungsbewusstsein gegenüber Umwelt und natürlichen Ressourcen. Inklusive Steuern werden mit diesem Projekt zwei Milliarden Euro an die heimische Wirtschaft umgelenkt. Die Ankurbelung der Bauwirtschaft und die Förderung der Region sind mehr als nur Begleitfaktoren dieses Projekts.

STRENGE AUFLAGEN. Auf die zahlreichen Präzisierungen und auf die strengen Auflagen im Bescheid verweist LH-Stv.in Ingrid Felipe, die davon spricht, dass jetzt der Weg für die bereits ange-
kündigten nächsten Schritte freigemacht werde. Seitens der Behörde sei alles geprüft worden, was zu prüfen war – und das vorgelegte Projekt entspreche mit den Nachbesserungen dem gesetzlichen Rahmen der Umweltverträglichkeit. Die Ankündigung mehrerer dazu berechtigter Parteien, ihre Rechte nach Abschluss des Verfahrens gerichtlich geltend machen zu wollen, sei legitim und selbstverständlich zu respektieren. Der Versuch, den verschiedenen Gruppierungen eine Mediation vorzuschlagen, sei gescheitert. „Mir liegt an einer Klärung dieser offenen Fragen, über die es bis zuletzt unterschiedliche Auffassungen gab – und diese Klärung können nur die dazu befugten Gerichte treffen“, sagte LH-Stv.in Ingrid Felipe. Sie erinnert an 19 zusätzliche Gutachten, die letzten Herbst von der Konsenswerberin vorgelegt worden seien und daran, dass es bezüglich der Restwassermengen zu strengeren Vorschriften gekommen sei. Nach Auffassung der ExpertInnen der Landesverwaltung sei jetzt eine ökologisch verträgliche Umsetzung dieses Ausbauprojekts möglich.
„Die größte Nachbesserung betrifft ein Ausgleichbecken in Stams“, erklärt Tiwag-Vorstandsdirektor DI Johann Herdina gegenüber der RUNDSCHAU. Dass das UVP-Verfahren sieben Jahre in Anspruch nimmt, damit habe man von Seiten der Tiwag nicht gerechnet, sondern mit einem kürzeren Verfahren. Die Verfahrensdauer vor dem Bundesverwaltungsgericht schätzt Herdina auf zwei Jahre. Danach könnte das Projekt noch beim Verwaltungsgerichtshof landen. Vor 2019/20 könne man, laut Herdina, also nicht mit einem Baubeginn rechnen.
Im Rahmen der Erweiterung der Kraftwerksgruppe Sellrain-Silz ist ein zusätzlicher Speichersee (oben rechts) sowie ein Pumpspeicherwerk geplant. Fotomontage: Tiwag