Wider der Verkehrslärmbelastung im Außerfern

Die Protagonisten der Diskussionsrunde im gerappelt vollen Stanzacher Gemeindesaal: Fritz Gurgiser (Transitforum Tirol), Helmut Mittermayr (TT, Moderation), Reinhard Oberlohr („Xund’s Lechtl“), Andrea Kärle (Anrainerin), Peter Lercher (Sozialmediziner) und Heiner Ginther (Obmann des Naturparks Lechtal, Bgm. Elmen) (v.li.). RS-Foto: Zeller

„Xund‘s Lechtl“ lud zur Diskussionsrunde rund um Verkehrslärm ein

Im Bezirk Reutte hält der Sommer nie allein Einzug: Sobald die Passstraßen freigegeben sind und die Sommersaison startet, vermehrfachen sich das Verkehrsaufkommen und die damit verbundene Lärmbelastung drastisch. Zur ausführlichen Diskussion der Lärmproblematik und potenzieller Lösungen am vergangenen Mittwoch lud daher „X’unds Lechtl“, eine Interessensgemeinschaft, die sich für den Lärmschutz des ganzen Außerferns einsetzt.

Von Jenni Zeller

Zur Eröffnung des Abends hielt Univ.-Prof. Dr. Peter Lercher der Medizinischen Universität Innsbruck einen informativen Vortrag zu den gesundheitlichen Aspekten der Lärmbelastung. In seinen Augen bestehe Aufholbedarf im gesetzlichen Bereich, da Lärmkartierungen sowie internationale Richtlinien die besonderen Gegebenheiten der Schallausbreitung in Tälern nicht ausreichend berücksichtigen. Denn speziell im Gebirgsraum wird Fahrzeuglärm nicht nur beim unmittelbaren Vorbeifahren wahrgenommen, sondern hallt er nach und weiter. Hinzu komme noch, dass die gewohnten Geräusche für Bewohner ländlicher Gebiete leiser seien als die in Städten, wodurch das größere Verkehrsaufkommen – speziell Motorräder – im Sommer als noch störender empfunden wird. Außerdem stelle Verkehrslärm eine Problematik für sich dar, da die Lärmbelastung auf allen Frequenzen stattfindet und schwer dämmbar sei. Fest stehe in jedem Fall, dass Lärm langfristig der Gesundheit schaden kann. Je nach Empfindlichkeitsgrad wird die Lebensqualität Belästigter durch negative Emotionen, Schlafstörungen, Bluthochdruck oder Herzkrankheiten verringert. In den Augen Prof. Lerchers können Lösungen in drei Bereichen stattfinden: direkt an der Lärmquelle, an effektiver Planung oder Bebauung der Straßen oder durch die Erstellung und Einhaltung von Gesundheitsrichtlinien.

„BITTE, MIR BRAUCHEN’S A BISSL LEISER!“

So lautete der Konsens vieler Anwesenden, die sich nicht nur in ihrer Wohnqualität eingeschränkt fühlten, sondern sich auch um die Ruhe in der Natur als Erholungs- und Freizeitraum sorgten. Anrainer aus dem Lechtal ärgerten sich über Sommernachmittage, die bei gutem Wetter nicht mehr im Garten verbracht werden könnten und Peter Zotz, Inhaber des „Laterndl Hofs” im Tannheimer Tal, berichtete: „Wir sind mittlerweile schon froh, wenn es am Wochenende regnet!“ TVB Lechtal-Obmann Marc Baldauf erinnerte jedoch auch daran, dass viele Gastwirte und Vermieter vom Verkehr profitieren. Trotz mehrfacher Beteuerung, es ginge nicht darum, Motorradfahrer zu Sündenböcken zu machen, standen diese doch im Mittelpunkt. Ein Anwohner aus Bschlabs berichtete von 4 000 Motorrädern pro Tag im Sommer, während andere Anrainer gerade getunte Motorräder beklagten. Ein Südtiroler E-Motorradfahrer meinte ergänzend, dass solche Biker statt Ohrstöpseln ihren Auspuff am Ohr haben sollten, um mehr Verständnis für Lärmbelästigung aufbringen zu können. An dieser Stelle beteuerte ein Biker aus Innsbruck, dass die Motorradfahrer in seinem Bekanntenkreis sich des Problems bewusst sind und ihrem Hobby dementsprechend nachgingen. Er gab jedoch auch zu bedenken, dass alle, die der Verkehrsordnung entsprechen, ein Recht auf die Straßenbenützung haben und appellierte für ein Miteinander statt ein Gegeneinander.

LÖSUNGSANSÄTZE UND SCHWIERIGKEITEN.

Ein weiteres Miteinander wäre zwar schön, sei aber schwer umsetzbar. Als Traumlösung nannte Fritz Gurgiser vom Transitforum Tirol ein Motorradfahrverbot für etwa den Hahntennjochpass, während Heiner Ginther, Obmann des Naturparks Lechtal, ein Wochenendfahrverbot als wünschenswert befand. Jedoch sei für derartige Ansätze die rechtliche Lage schwierig. Die bisherige Vorgehensweise mit vermehrten Polizeikontrollen, Überholverboten und Geschwindigkeitsbeschränkungen sei zumindest ein erster Schritt. Jedoch, wie der stellvertretende Bezirkspolizeikommandant Walter Schimpfössl wusste, auch nur, wenn sich Einheimische genauso wie Gäste an die Limits halten würden. Zur Sprache kamen außerdem noch Lärmschwellen und Aufklärungsarbeit zur Lärmbelastung bei Motorradfahrern. Am besten kam der innovative Vorschlag von Marc Baldauf an: Ähnlich den deutschen Umweltzonen könnten als Pilotprojekt Pickerl für das Außerfern entwickelt werden, gemäß derer nur Fahrzeuge unter bestimmten Dezibelzahlen gemäß Zulassung erlaubt sind. Ob dies jedoch gegen Tuner wirkt und im gesetzlichen Rahmen machbar ist, muss sich erst herausstellen. Ein Problempunkt, der im Zuge der Debatte nur am Rande angesprochen wurde, besteht zudem darin, dass seitens der Landespolitik dem Problem der Lärmbelastung in Seitentälern bislang wenig Beachtung geschenkt wurde. In vergangenen Landtagswahlkämpfen wurde vor allem die Verkehrsbelastung im Inntal und am Brenner thematisiert, die dort primär durch Lkw verursacht wird. Bezüglich der Problematik im Außerfern, speziell in den Tälern, herrschte meist Stillschweigen. Interessanterweise verkündete der NEOS-Landtagsklub vorletzte Woche, sich der Lärmproblematik in Tiroler Seitentälern widmen zu wollen. Als ersten Schritt wird eine Erweiterung der Tiroler Lärmkarten betrachtet, auf denen bisher lediglich Autobahnen und Schnellstraßen erfasst sind. Der Bezirk Reutte könne als Modellregion hierfür dienen. Ob die angesprochenen Lösungsvorschläge und politischen Versprechungen – wenn vorhanden – Früchte tragen werden, wird sich zeigen.

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Die Oberländer Rundschau ist die regionale Wochenzeitung für die Bezirke Imst, Landeck, Reutte und Telfs im Tiroler Oberland.