„Wir haben es sehr gut“

Mag. Hannes Parth, seit 1982 bei der Silvrettaseilbahn AG und seit 1987 Vorstand, geht heuer in Pension. RS-Foto: Haueis

Rekordergebnis der Silvretta Seilbahn AG – Hannes Parths letzte Generalversammlung

 

Der Jahresabschluss 2017 der Silvretta Seilbahn AG geriet gleichzeitig zur Bilanz eines ganzen Seilbahnmanagerlebens – jenes von Hannes Parth. Es gab einen Rekordgewinn.

 

Von Daniel Haueis

 

Fünf Jahre zuvor waren es noch nicht einmal 70 Millionen Euro, 2017 setzte die Silvretta Seilbahn AG mit ihren 29 Liftanlagen, dem Silvretta Center und Silvretta Sport-Court nun fast 80 Millionen um: 79,951 Millionen Euro sind ebenso Rekord wie die 18,7 Millionen Euro Jahresgewinn. Investiert wurden über 24 Millionen, wobei Lifte und Seilbahnen (13,8 Mio.) und Beschneiung (6,8 Mio.) den Löwenanteil ausmachen. Die Eigenkapitalquote beträgt über 90 Prozent, das Vermögen beläuft sich auf 306 Millionen Euro. Das kommt raus, wenn die Aktionäre auf die Auszahlung einer Dividende verzichten und die Gesellschaft den Gewinn verwenden kann. Und das kommt raus, wenn man einen Vorstand Hannes Parth hat.

 

STEHENDE OVATIONEN. Er könne guten Gewissens gehen, weil er ein gutes Haus hinterlasse, sagte Parth bei der letzten Aktionärsversammlung unter seiner Führung am Freitag im Pardorama im Skigebiet. Er hatte mit Emotionen zu kämpfen, als ihm stehende Ovationen für seine 32-jährige Tätigkeit als Vorstand der Silvretta Seilbahn AG entgegenbrandeten. Ischgls Aufstieg ist untrennbar mit ihm verbunden, denn Parth hat das Unternehmen so geführt, wie es oft nur in Familienbetrieben geschieht – mit wirklichem Herzblut. Und allen Widrigkeiten im geschäftlichen Alltag, strengeren Auflagen und anderen Unwägbarkeiten zum Trotz hat er beherzigt und auch erreicht, was die Vorfahren einmahnten: Den Kindern sollte es einmal besser gehen. Heute kann Parth sagen: „Wir haben es besser (als die Vorfahren, Anm.), wir haben es sehr gut.“ Und auch er gibt den Nachfahren einen Gedanken mit: „In Zukunft müssen wir schauen, dass alle Gesellschaftsschichten vom Tourismus profitieren“ meint der 62-Jährige, der mit Jahresende in Pension geht, z. B. mit Bezug auf die Immobilienpreise.

 

SILVRETTATHEREME“ AB 2022. Mag. Hannes Parths Nachfolger ist bereits bestimmt: Mag. Günther Zangerl. Der 43-jährige Jurist und verheiratete Familienvater aus Ischgl war 15 Jahre im öffentlichen Dienst (etwa als Büroleiter des ehemaligen Landesrats Erwin Koler) und seit zwei Jahren bei der SSAG. Mit DI (FH) Markus Walser bildet er ab Jahresbeginn 2019 den (dann wieder) Zweier-Vorstand. Zangerl präsentierte bei der Jahreshauptversammlung die „Silvrettatherme“: das Hallenbad mit Poolbar, Freibecken, Sauna, Fitnessbereich, Kegelbahn, 620 Sitzplätze bietendem Veranstaltungssaal, Tiefgarage u. a. wird um 60 Millionen Euro am Schmittaboden errichtet. Bodenerkundungen werden noch heuer gestartet, Ende 2022 soll die „Silvrettatherme“ in Betrieb gehen.

 

Günther Zangerl (l.) folgt Hannes Parth nach und komplettiert das Vorstandsduo, dem Markus Walser (r.) seit rund eineinhalb Jahrzehnten angehört. RS-Foto: Haueis

 

 

Als ob es sich um meine eigene Gesellschaft handelte“

 

Hannes Parth erinnert sich an 32 Jahre an der Spitze der Silvretta Seilbahn AG

 

Mag. Hannes Parth, Vorstand der Silvretta Seilbahn AG, geht heuer in Pension. Mehr als drei Jahrzehnte stand er an der Spitze der Ischgler Seilbahn – er hat sie zum Vorzeigeunternehmen der Seilbahnbranche schlechthin gemacht.

 

Stehende Ovationen für (einen gerührten) Hannes Parth nach 32 Jahren an der Spitze der Silvretta Seilbahn AG. RS-Foto: Haueis

RUNDSCHAU: 1982 bis 2018 – das ist eine lange Zeit im Dienste eines Unternehmens. Und es war eine erfolgreiche, wie allgemein bekannt ist. Wie fasst du diese Jahrzehnte bei der Silvrettaseilbahn AG zusammen?

 

Mag. Hannes Parth: 2014 wurde die Silvrettaseilbahn AG 50 Jahre alt und das Jubiläum wurde mit einer gelungenen Feier gebührend begangen. Die Gesellschaft ist nun 54 Jahre alt und 36 Jahre davon durfte ich die Entwicklung der Gesellschaft begleiten und maßgeblich mitbestimmen. Es ist eine glückliche Fügung des Schicksals, dass wir eine Zeit erleben durften, die geprägt war von einem stetigen Aufschwung. Den Ischglern ist das aber nicht einfach in den Schoß gefallen, diese positive Entwicklung war nur dank des enormen Fleißes der gesamten Bevölkerung möglich. 1983 hatten wir mehr als das Doppelte unseres Umsatzes an Schulden, gerade einmal zwei Sesselbahnen im ganzen Skigebiet und somit einen großen Investitionsbedarf. Jetzt sind alle Anlagen auf einem guten Niveau, ich kann mit einem Rekordergebnis meine Arbeit abschließen, die Gesellschaft ist schuldenfrei und die „Kriegskasse“ ist für die großen Herausforderungen der Zukunft gut gefüllt. In Hinblick auf Größe und Rentabilität gehören wir ohne Übertreibung zu den führenden Seilbahnunternehmungen der Welt. Das empfinde ich schon auch ein wenig als mein Verdienst und lässt mich beruhigt ausscheiden. Es war aber dies ganz wesentlich nur dank der Arbeit vieler Menschen, dem Verständnis der Aktionäre, die auf die Auszahlung von Dividenden verzichtet haben, und der Investitionsbereitschaft der Tourismusbetriebe in unserer Region möglich. Was nützen die schönsten und modernsten Anlagen, wenn die übrige Infrastruktur eines Ortes damit nicht Schritt hält? In diesen 36 Jahren wurden immerhin Investitionen in Höhe von € 544 Mio, unter Einreichung des Verbraucherpreisindex sind dies € 707 Mio., getätigt. Dahinter steckt viel Arbeit und es galt, viele Probleme und Schwierigkeiten zu überwinden. Heute besuchen uns Kollegen aus der ganzen Welt und viele schauen neidvoll zu uns auf. Wir können darauf durchaus stolz sein, dürfen aber nicht in Selbstgefälligkeit verfallen und uns auf den Lorbeeren ausruhen. Gerade der Tourismus ist ständigen Veränderungen unterworfen und die Zeitspannen und die Investitionszyklen werden immer kürzer. Trotzdem könnte sich der eine oder andere darauf besinnen, in welch gesegnetem Tal wir leben, wenn Kritik um der Kritik willen geübt wird.

 

RS: Du bist 1982 in die Gesellschaft eingetreten, als in der Seilbahn grundlegende Entscheidungen angestanden sind. Wie hast du die Situation erlebt?

 

HP: Damals war der Bau der neuen Silvrettabahn in der Warteschleife. Während KR Erwin Aloys lieber eine neue Pardatschgratbahn gesehen hätte, wollte die Mehrheit der Ischgler die Pendelbahn aus dem Jahr 1964 durch eine leistungsfähige Einseilumlaufbahn ersetzen. So wie in der Bevölkerung gab es auch im Vorstand eine Pattstellung und es herrschte immer eine gewisse Spannung. Als Luggi Kurz die Pläne der neuen Bahn präsentieren wollte, verfrachtete sie Erwin Aloys kurzerhand in den Papierkorb und versuchte dann, sie mit seinem großen Fuß dort einzustampfen, wobei er hängen geblieben ist und dann laut polternd mit dem Papierkorb an den Füßen durchs Büro stapfte. Die ganze Situation war für mich schon belastend, da ich ja politisch damals völlig unbedarft war und auch Aloys Erwin aufgrund seiner Verdienste sehr geschätzt habe. Sein erster Auftrag an mich war die Verfassung einer Berufung gegen eine Strafe der Bezirksforstinspektion, nachdem er es bei einer Abfahrt mit der sorgfältigen Entfernung der Bäume wohl nicht so genau genommen hatte. Damals verkehrte man mit den Behörden noch sehr förmlich, ich richtete aber am Ende der Berufung freundliche Grü.e aus. Meine Berufung hat er grundsätzlich lobend beurteilt, aber gemeint, dass man solchen „Trotteln“ keine freundlichen Grüße schickt. Der Abgang von KR Aloys war dann wohl für alle eine unbefriedigende Situation. Er hat mich später regelmäßig im Büro besucht, viel aus seinem bewegten Leben erzählt und mir auch gute Ratschläge erteilt. Einmal habe ich einen seiner Ratschläge in meinem jugendlichen Übermut als „Schnapsidee“ bezeichnet. Darauf wurde er richtig wütend. Als er sich wieder beruhigt hatte, habe ich gemeint, dass ich ihn beim nächsten Mal aus dem Büro werfen werde, wenn er auf meine ehrlich geäußerte Ansicht so unbeherrscht reagiert. Er hat sich dann wieder niedergesetzt, mich angeschaut und gemeint: „Ich glaube, du bist ein prima Bursch“. Das einfach so zu akzeptieren, hätte er wohl als Schwäche ausgelegt. Auch das zeigt die menschliche Größe des Erwin Aloys. Der Bau der Silvrettabahn erfolgte dann 1983 und hat einen starken Aufschwung gebracht, womit sich die Investitionsentscheidung letztlich als richtig und zukunftsweisend herausgestellt hat. Dass diese Bahn gebaut wurde, war sicher ein Verdienst von Vorstand Luggi Kurz.

 

RS: Dein direkter Vorgesetzter als Vorstand war Dir. Hölzl. Wie war die Zusammenarbeit mit ihm?

 

HP: Dir. Hölzl war bei der Gemeindeabteilung der Landesregierung beschäftigt und konnte somit seine Vorstandstätigkeit meist nur an den Wochenenden ausüben. Da mussten wir dann ebenfalls immer im Büro sein. Er war ein sehr genauer Mensch, was schon seine wie gestochene Handschrift zum Ausdruck brachte. Unser Büro war relativ klein und ich hatte auch keinen richtigen Schreibtisch. Als Kettenraucher ließ er seine Zigaretten nie ausgehen und wenn doch, wurde er ziemlich missmutig. Man konnte von ihm, was die damals äußerst notwendige Sparsamkeit, Genauigkeit und Disziplin betraf, viel lernen. Einmal haben wir fast einen ganzen Samstagvormittag zu Dritt – Dir. Hölzl, Elmar Zangerl und ich – eine Groschendifferenz gesucht, weil die Kontoauszüge der Kredite um eben diesen Groschen nicht mit der Buchhaltung übereinstimmten. Mein Vorschlag, dass es wohl billiger wäre, den Groschen einfach auszubuchen, brachte mir jedenfalls einen anständigen Rüffel ein. Die erste halbautomatische Schreibmaschine hat er nur deswegen genehmigt, da ich vorgerechnet habe, dass man sich damit teure Druckwerke einsparen kann und beim Kauf des ersten PC, gegenüber dessen Technik er äußerst misstrauisch war, musste ich schriftlich dafür garantieren, dass es vom ersten Tag an problemlos funktioniert und dass es ihm trotzdem möglich sein wird, die Buchhaltung zu kontrollieren. Er hat mich aber immer gefördert und gegen Angriffe verteidigt.

 

RS: Man sagt auch dir nach, sparsam zu sein. Allerdings nicht im Sinne von Pfennigfuchserei, sondern mehr nach dem Motto: Damit man’s hat, wenn man’s braucht. Und die Silvrettaseilbahn AG investiert praktisch dauernd.

 

HP: Wir wurden zu Hause zur Sparsamkeit erzogen und acht Jahre im Internat waren dafür wahrscheinlich vielleicht auch prägend. Ich habe bei der Silvrettaseilbahn AG noch Zeiten erlebt, in denen Sparsamkeit eine Notwendigkeit und auch die Finanzierung von Investitionen nicht so einfach war. Später war dann eigentlich immer genügend Kapital vorhanden, um die geplanten Investitionen aus Eigenmitteln zu finanzieren. Ich betrachtete dies aber nie als selbstverständlich und gerade in einer florierenden Gesellschaft ist Sparsamkeit ein Gebot der Stunde. Wenn man nicht beim laufenden Betrieb spart und auf die Kosten achtet, fehlt dieses Geld bei den Investitionen. Es sind aber die Investitionen, die die Wettbewerbsfähigkeit und diese wiederum die Arbeitsplätze eines Unternehmens sichern. Bei den Investitionen selbst wiederum ist das Beste gerade gut genug, wobei natürlich die Grenzen zu unnützem Luxus zu beachten sind.

 

RS: Was sind deine größten Erfolge, was hat dich am meisten bedrückt in den Jahren als Seilbahnvorstand?

 

HP: Der Kampf um die Seilbahn auf den Piz Val Gronda hat mich praktisch mein ganzes Berufsleben begleitet. Da habe ich viele Rückschläge hinnehmen müssen und die Politik hat uns viele Jahre an der Nase herumgeführt und Studien erstellen lassen, die viel Arbeit gegeben und viel Geld gekostet haben und anschließend in irgendwelchen Schubladen verstaubt sind. Die ganze Situation war nie völlig zu durchschauen und sogar im Aufsichtsrat gab es Stimmen, die vorschlugen, dass man sich davon besser verabschieden solle, da ohnehin nichts mehr daraus wird. Einmal bin ich nach einer Zusage des damaligen Landeshauptmannes, dass die Bahn jetzt genehmigt wird, voller Freude mit meiner Familie auf Urlaub gefahren und dort hat mich dann der Anruf erreicht, dass ein negativer Bescheid für das eingereichte Projekt ergangen ist. Damit war es mit dem Urlaub vorbei. Ich habe diesem Landeshauptmann dann bei seinem Abgang einen Brief geschrieben und er hat sich schriftlich entschuldigt. Über diese Geschichte ein Buch zu schreiben, wäre reizvoll. Es geht mir da aber wie Bgm. Häupl, der sinngemäß gemeint hat: „Das, was ich schreiben darf, wissen die Leute schon, und das, was die Leute wirklich interessieren würde, darf ich nicht schreiben“. Jedenfalls wäre meine Arbeit unvollkommen, würde auf diesen Berg jetzt keine Seilbahn führen. So würde ich das schon als einen großen Erfolg sehen. Manche Kritik war gut und wichtig und hat die Gesellschaft voran gebracht. Einiges an Kritik aber war persönlich motiviert und das habe ich immer schlecht verkraftet und es hat mir schlaflose Nächte bereitet. Das liegt vielleicht auch daran, dass ich die Arbeit nicht nur als Zweck betrachtet habe, um die Familie zu ernähren, sondern ich hatte immer die Einstellung, so zu agieren, als ob es sich um meine eigene Gesellschaft handelte. Besonders belastend waren die tödlichen Unfälle von Mitarbeitern und Gästen. Den Anblick der beiden Frauen, die mich beide schwanger und einem Kind an der Hand empfangen haben und denen ich die Meldung vom Absturz ihrer Männer bei der Fimbabahn überbringen musste, bringt man nie mehr wieder aus dem Kopf. Auch einige meiner Kollegen, die mich lange begleitet haben, sind zu früh verstorben. Es hat dies dann immer Umstellungen im Arbeits- und Verantwortungsbereich mit sich gebracht. Ich darf an dieser Stelle besonders an Luggi Kurz, Paul Wolf, Eugen Zangerl und Rudolf Wolf, der so etwas wie ein Mentor für mich war, erinnern.

 

RS: Tourismus ist eine Art Organismus – es müssen das Herz, die Seilbahnen, aber auch die übrigen Organe wie Hotellerie, Gastronomie oder Sportartikelhandel funktionieren und zusammenarbeiten. Worin besteht in dieser besonderen Konstellation deiner Meinung nach die Arbeit eines Bergbahnmanagers?

 

HP: Die Manager von Bergbahngesellschaften tragen eine große Verantwortung nicht nur für den eigenen Betrieb und die Mitarbeiter, sondern als Motor der Wirtschaft einer Region für eine Vielzahl von Betrieben samt deren Familien und damit für die Wertschöpfung und Prosperität einer Region. Es ist nämlich Tatsache, dass sich jene Regionen am nachhaltigsten und besten entwickeln, die die beste Infrastruktur am Berg anbieten können. Die dabei entstehenden unterschiedlichen Interessen unter einen Hut zu bringen, ist eine der großen Herausforderungen, denen sich ein Manager einer Seilbahngesellschaft stellen muss. Dies ist meist schwieriger und fordernder als die eigentliche Arbeit selbst, die so vielfältig und damit so spannend und interessant ist, wie sie kaum ein anderer Beruf bieten kann. Wichtig ist Vielseitigkeit, Offenheit für Neues und ein gewisses Maß an Diplomatie, aber auch Durchsetzungskraft, weil man immer mit den verschiedensten Interessen konfrontiert wird. Man sollte so ziemlich alles abdecken, was ein Beruf mit sich bringen kann, ohne ein Fachmann in allen Bereichen sein zu müssen. Ich war bei meinem Eintritt zwar in der Lage, die Bilanz zu erstellen oder Verträge zu machen, hatte aber keine Ahnung von Seilbahntechnik und nur wenig vom Bau. Beides hat mich aber interessiert und wenn ich nicht wusste, für was ein Ersatzteil auf einer Rechnung gebraucht wurde, habe ich mir das vom Betriebsleiter an Ort und Stelle zeigen lassen. Ein besonderes Hobby von mir war immer die Gastronomie, die inzwischen ja einen wesentlichen Teil unseres Unternehmens ausmacht. Obwohl vom elterlichen Betrieb vorbelastet, musste ich auch da noch viel lernen. Dafür gab es bei kurzfristigen Kündigungen von Geschäftsführern, als ich nebenbei den ganzen Einkauf erledigen und Mitarbeiter suchen und anstellen musste, ausreichend Gelegenheit. Die Restaurantbetriebe sind in gewisser Weise schwieriger rentabel zu führen als der Seilbahnbetrieb und die Kosten bedürfen wesentlich mehr an Aufmerksamkeit, da man schnell in die roten Zahlen rutscht. Trotzdem sollte die Qualität nicht leiden und da war ich, schon weil ich selber gerne gut esse, immer sehr kritisch. In den letzten Jahren hat sich vieles gewandelt. War früher der Bau einer neuen Seilbahn bereits Garant für einen Umsatzzuwachs, hat inzwischen Marketing enorm an Bedeutung gewonnen. Daneben geht ein großes Maß an Arbeitszeit für die Bewältigung bürokratischer Auflagen verloren und ich empfinde dies oft als sinnlose Vergeudung von Ressourcen an Zeit und Geld. Da haben meine jungen Kollegen, die damit aufgewachsen sind, mehr Geduld. Es hat dies alles aber inzwischen ein Ausmaß angenommen, das für kleine und mittelständische Unternehmen kaum noch bewältigbar ist und bei Nichteinhaltung von Vorschriften drohen zum Teil existenzbedrohende Strafen für den Vorstand.

 

RS: Welche Meilensteine gab es in der Entwicklung der Gesellschaft?

 

HP: Es gab in den vergangenen Jahren sicher einige einschneidende Entwicklungen. Wohl als erste Gesellschaft haben wir begonnen, Schlepplifte auf komfortable Sesselbahnen umzurüsten. Da haben wir uns einen Qualitätsvorsprung erarbeitet. Die Gäste haben das honoriert und wir hatten in Umfragen über den Komfort der Anlagen immer die besten Werte. Das hat sich ziemlich nivelliert und man kann sich damit, zumindest in Österreich, kaum noch stark von der Konkurrenz abheben. Inzwischen sind unsere Gäste so verwöhnt, dass sogar Sesselbahnen ohne Sitzheizung reklamiert werden. Trotzdem sind komfortable Anlagen immer noch ein wesentliches Kriterium zur Auswahl einer Destination. Bereits beim Bau der Funitel Silvretta 1997 haben wir uns einen Designer genommen und damit die Hersteller erstmals bei den Kabinen „gezwungen“, mehr Wert auf das Design zu legen. Das wurde dann sukzessive auf andere Anlagenteile erweitert. Auch dies hat zur Markenbildung von Ischgl beigetragen. Inzwischen wurden viele durch uns entwickelte Details bei den Bahnen von der Industrie übernommen und sind zum Teil schon Standard geworden. Das wichtigste ist aber Schneesicherheit. Ich wurde 1987 von den Ötztalern eingeladen, mit ihnen Skigebiete in Nordamerika zu besichtigen. Dir. Hölzl war der Meinung, dass ich das selber bezahlen müsse, was ich auch gemacht habe. Die Amerikaner hatten damals bereits großflächige Beschneiungsanlagen bis auf eine Höhe von 4.000 m. Das hat mich sehr beeindruckt und nach meiner Rückkehr ist man meinem Bestreben nach einem großen Ausbau der Beschneiungsanlage bis auf die Gipfel zunächst skeptisch begegnet. Man war der Meinung, dass in unserer Höhenlage punktuelle Beschneiung ausreichend ist. Und auch die politischen Widerstände gegen die Beschneiung waren damals sehr stark. Trotzdem haben wir das vorangetrieben und dann sind die schneearmen Winter gekommen und die Investitionen haben sich bezahlt gemacht, während andere, tiefer gelegene Skigebiete darunter gelitten haben. In den neunziger Jahren und zu Beginn dieses Jahrhunderts haben wir eine Qualitätsoffensive in den Restaurants gestartet. Es war klar, dass Bedienungsrestaurants kein großes Geschäft sein werden, aber eine Notwendigkeit, um ein kaufkräftiges Publikum im Ort zu halten. Außerdem fahren die Gäste durch die modernen Anlagen in kürzerer Zeit mehr Pistenkilometer und haben dadurch mehr Zeit, um ein gutes Essen zu genießen. Etwas, was immer noch eine Grundvoraussetzung für einen gelungenen Urlaub ist.

 

RS: Wie siehst du deine beruflichen Entscheidungen “im Rückspiegel”? Was würdest du nun anders machen?

 

HP: Im Nachhinein würde ich einige Entscheidungen wohl anders treffen und manchmal muss man die eigene persönliche Einstellung zurückstellen, um das Fortkommen der Gesellschaft zu ermöglichen. Es besteht dabei aber immer eine gewisse Gefahr, dass sich etwas vielleicht längerfristig negativ auswirkt. Wirklich gravierende Fehlentscheidungen, die ich hätte nicht treffen sollen oder können, fallen mir jetzt spontan nicht ein. Was ich aber sicher tun würde, wäre meiner Familie mehr Zeit zu widmen. Ich habe meine Kinder in den Anfangsjahren oft nur schlafend gesehen. Und auf den Urlaub habe ich die ersten Jahre fast ganz verzichtet und dann fast nie zur Gänze konsumiert. Da braucht es eine starke Frau, die das mitträgt. Wir hatten ja nebenbei immer einen kleinen Betrieb, der dann gewachsen ist und da blieb die meiste Arbeit bei meiner Frau hängen, die das alles ohne Diskussion und ohne Forderungen zu stellen bewältigt hat. Dies ist keineswegs selbstverständlich und nicht wenige unserer Mitarbeiter blieben aus diesem Grund zu Hause. Dafür bin ich meiner Frau sehr dankbar, da ich ohne Arbeit bei der Silvrettaseilbahn AG bestimmt kein so erfülltes Leben gehabt hätte.

 

RS: Du hast nebenbei viele Tätigkeiten übernommen, teilweise scheint es, dass du Synergien gesucht hast.

 

HP: Ich habe einmal nachgezählt und zu Spitzenzeiten waren es über 20 Positionen, vom Obmannstellvertreter der Österreichischen und der Tiroler Seilbahnen bis zum Pfarrkirchenrat. Man wächst da irgendwie hinein. Manches davon macht man gerne, anderes wiederum kriegt man aufgehalst oder macht es irgendwelchen Persönlichkeiten zuliebe. Auch wenn ich vieles abgelehnt habe. So etwa, als mich einige gedrängt haben, den Obmann der Österreichischen Seilbahnen zu übernehmen. Das wäre beim Arbeitspensum, das bei einer so aktiven Gesellschaft wie der Silvrettaseilbahn AG gefordert ist, auch gar nicht möglich. Vieles davon ist aber letztlich schon dem Betrieb zugutegekommen. Als Seilbahnvorstand hat man auch gewisse Verantwortung für die Gesellschaft und in der Vergangenheit hat sich gezeigt, dass es notwendig ist, dass Vertreter der Seilbahn in den örtlichen Gremien vertreten sind. Anderes ergab sich aus den Überlegungen zur Weiterentwicklung unserer Branche. So haben Jack Falkner und ich einmal zusammen mit einem ehemaligen Mitarbeiter der Firma Doppelmayr die Idee gehabt, eine Einkaufsgemeinschaft für die Seilbahngesellschaften zu machen. Da kann man sich dann anschließend nicht von der Arbeit drücken. Es ist aber eine Erfolgsgeschichte daraus geworden. Eine besondere Notwendigkeit sehe ich darin, dem ländlichen Raum und dem Tourismus als einzig zukunftsfähigem Wirtschaftszweig in unseren abgelegenen Seitentälern mehr Gewicht in der öffentlichen Diskussion zu geben. Aus diesem Grunde habe ich auch den Verein VITALPIN maßgeblich initiiert und dort den Obmann übernommen. Es kann nicht sein, dass Organisationen wie CIPRA, ÖAV etc., die meist von Städtern geführt werden, über unsere Projekte und damit über unsere Zukunft bestimmen und wir kein Gegengewicht haben. Da habe ich bereits breite Unterstützung aus der Industrie, von öffentlichen Organisationen und auch der Politik bekommen.

 

RS: Nun, kurz vor dem Abschied aus dem Vorstand: Wie bewertest du deine Zeit bei der Silvrettaseilbahn AG?

 

HP: Es war eine intensive, arbeitsreiche und spannende Zeit und es ist ein Glück, in einer Zeit, frei von Krieg und Unruhen und einer stetigen Aufwärtsentwicklung zu leben und arbeiten zu dürfen. Eine so lange Zeit des Friedens durfte vielleicht noch keine Generation vor uns erleben. Viele in Ischgl sind mir zu Beginn skeptisch gegenüber gestanden und ich darf sie heute zu meinen Freunden zählen. Die Arbeit bei der Silvrettaseilbahn AG hat es mir auch ermöglicht, vielen interessanten Menschen auf der ganzen Welt zu begegnen, von diesen zu lernen und zu profitieren. Ich habe im Wesentlichen immer viel Unterstützung und Verständnis erfahren. Dafür bin ich sehr dankbar, auch unseren Mitarbeitern, wo natürlich unterschiedliche Interessen aufeinander treffen. Ich war mit knapp 30 Jahren bereits Vorstand und da muss man schon daran arbeiten, akzeptiert zu werden. Gerade in meinem engsten Umfeld hatte ich immer Mitarbeiter, die mich mit ihrer Einstellung, ihrem Fleiß und ihrer Intelligenz beeindruckt haben, und ich war immer wieder überrascht, welch hohes Potenzial in den Menschen unseres Tales steckt. Ich hatte mit allen meinen Kollegen im Vorstand immer ein sehr konfliktfreies, kollegiales, ja sogar freundschaftliches Verhältnis. Im Aufsichtsrat gibt es einen ständigen Wechsel und es braucht immer wieder Überzeugungsarbeit, die Positionen, von denen man überzeugt ist, durchzubringen. Auch da gab es nur wenig Konflikte. Ein wesentliches Kriterium unseres Wirtschaftszweiges ist, dass wir unsere Geschäfte auf fremdem Grund und Boden ausüben. Sich für das gemeinsame Ganze bewusst zu sein, ist eine ständige Herausforderung für beide Seiten und ich glaube, dass dies letztlich bisher ganz gut gelungen ist. Ich müsste an dieser Stelle jetzt eigentlich vielen danken, das würde aber den Rahmen sprengen und ich möchte einfach pauschal und schlicht Danke sagen. So blicke ich im Großen und Ganzen zufrieden und mit mir im Reinen auf ein langes Arbeitsleben zurück.

 

RS: Die Zeit des Abschieds ist auch die Zeit der Prognosen und der guten Tipps: Wie entwickelt sich der Tourismus deiner Meinung nach allgemein? Was soll der Vorstand der Silvrettaseilbahn AG im Speziellen berücksichtigen?

 

HP: Der Tourismus war und wird auch in Zukunft immer im Umbruch sein. Jedenfalls gibt es eine klare Tendenz zum „Schönwetterskisport“. D.h. der Gast ist immer weniger bereit, bei Schlechtwetter auf den Berg zu kommen. Es braucht somit alternative Unterhaltungs- und Sportangebote. Mit dem geplanten Bau der Silvrettatherme sind diesbezüglich die ersten Weichen bereits gestellt. Es ist wichtig, dass vom Tourismus möglichst die ganze Bevölkerung profitiert und damit den notwendigen Projekten Verständnis entgegenbringt. Die starke Steigung der Immobilienpreise schränkt die Möglichkeiten junger Menschen immer mehr ein. Das wird sich auf das soziale Gefüge längerfristig negativ auswirken. Es war immer mein Ziel, die Gesellschaft von politischer Einflussnahme fern zu halten. Da gab es immer wieder Bestrebungen und genauso, wie sich das in der großen Politik schon nicht bewährt hat, so ist das auch im politischen Mikrokosmos unserer Gemeinde. Gerade in jüngster Zeit gab es diesbezügliche Begehrlichkeiten, die sich für die Gesellschaft in der Zukunft negativ auswirken werden. Es steht mir aber fern, jetzt den Besserwisser zu spielen und dem Vorstand gute Ratschläge zu erteilen und ich habe auch nicht vor, das in Zukunft zu tun. Jeder Mensch hat Stärken und Schwächen und ich bin überzeugt, dass alle das Beste für die Gesellschaft und damit unsere Region wollen.

 

RS: Und in der Pension machst du ….?

 

HP: Grundsätzlich bleibt weniger Zeit zu leben als ich bisher gelebt habe. Ich habe also nicht mehr viele Sü.igkeiten im Paket und habe es daher eilig, mit der Intensität zu leben, die nur die Reife geben kann (frei nach Mario de Andrade). Ich freue mich jedenfalls auf ein Leben ohne ständigen Termindruck und laufenden Blicken auf den Terminkalender. Zunächst werde ich meinen Resturlaub genießen und die nächsten Jahre noch einige Funktionen ausüben, die mir Freude machen, und mich dem Verein VITALPIN widmen. Ich werde mehr Ski fahren, mehr wandern und mehr auf die Jagd gehen, sofern es die Gesundheit zulässt. Und Italienisch lernen würde mich reizen. Vielleicht hole ich auch noch die Prüfung aus Völkerrecht nach, die mir zum Abschluss des Jusstudiums fehlt, sofern dies rechtlich möglich ist. Außerdem habe ich mich bei Huber Hermann in Galtür bereits angemeldet, um zu lernen, wie man Käse macht und Wild richtig zerlegt. Wahrscheinlich hat aber meine Frau bereits heimlich eine To-Do-Liste erstellt, die für all das gar keine Zeit lässt. Verhandlungen mit Politikern und den verschiedensten Interessensvertretern bestimmen einen wesentlichen Teil der Arbeit eines Seilbahnvostandes. Dabei gilt es trotz zuweilen unterschiedlicher Vorstellungen, den persönlichen Kontakt niemals zu verlieren.

 

RS: Danke