„Wir warten zu lange – und die Gebäude verfallen“

Schon bald Geschichte: Der alte Durchfahrtshof in der Imster Floriangasse. RS-Foto: Matt

Gemeinderat Imst: Erneute Diskussion um das Verschwinden alter Bausubstanz innerhalb des Stadtgebiets

Auf eine lange Geschichte können die Imster zurückblicken, ist ihre Heimat doch bereits seit der Bronzezeit besiedelt und führt mittlerweile über 100 Jahre das Recht, eine Stadt zu sein. Doch die alten Gebäude, diese stummen Zeugen der Vergangenheit, würden zunehmend verschwinden, warnten mehrere Mandatare in der jüngsten Sitzung des Gemeinderats.

Von Manuel Matt

Über 20 Punkte standen auf der Tagesordnung und doch ging es vergangenen Dienstagabend im Imster Gemeinderat recht zügig und einstimmig voran – zumindest bis Punkt 19, betreffend des Bebauungsplans einer Wohnanlage mit zwölf Einheiten im Bereich Stadplatz und Eisplatzle. Eigentlich gemeindepolitisches Tagesgeschäft, doch aufgrund der sensiblen Lage ein wunder Punkt, der bereits in weiter zurückliegenden Sitzungen für Unstimmigkeiten sorgte. Immerhin soll mit dem Bau der Wohnanlage ein bestehendes, im Kern jahrhundertealtes Gebäude abgetragen werden – und die Grundsatzdebatte über den Umgang mit alter Bausubstanz entbrannte erneut.

Opposition.

Abermals verschwinde ein historisches Gebäude, bedauert Gemeinderat Helmuth Gstrein („IFI – Initiative für Imst“), der gleich zu Beginn seine Enthaltung verkündete. Zugleich regte Gstrein die Gründung eines Beirats an, der sich künftig mit dem Schicksal alter, noch stehender Gebäude befassen soll. Ähnlich sieht es seine Listenkollegin Andrea Jäger. Wertvolles sollte erhalten bleiben, so die Gemeinderätin, wobei aber klar sei, dass nicht alle Eigentümer in der Lage seien, allein für kostspielige Instandsetzungen und Erhaltungsarbeiten finanziell aufzukommen. Jäger plädiert dafür, ein Anreizsystem seitens der Stadt zu schaffen. Schützenhilfe kam von Stadtrat Friedl Fillafer, aber auch von freiheitlicher Seite, in Person von Josef Gomig. „Wir warten zu lange – und die Gebäude verfallen“, fordert Gomig ein schnelleres, entschiedeneres Handeln, um zumindest einen kleinen Teil der historischen Gebäude zu erhalten. Gemeinden wie Silz hätten immerhin mit Dorfkernrevitalisierungen positive Erfahrungen gemacht.

Eigentum bleibt Eben Eigentum.

„Ankaufen und Herrichten“ sei seitens der Stadtgemeinde jedenfalls schwierig, dämpfte Bürgermeister Stefan Weirather die Erwartungen. Imst werde in zehn, zwanzig Jahren eben anders aussehen, erklärt das Stadtoberhaupt, das sei der Lauf der Zeit. An einem Ensembleschutz sei bereits gearbeitet worden, der nach anfänglichen Erfolgen aber wieder ins Stocken geriet. Ein Eigentümer wiederrief seine Zustimmung und für einen Ensembleschutz müssten alle in einem Gebiet mitmachen. „Eigentum bleibt eben Eigentum“, so Weirather, der aber zuversichtlich bleibt, dass es in Zukunft womöglich doch noch mit dem Ensembleschutz klappt. Eine „Signalwirkung, die vielleicht nicht in Ordnung ist“, sieht Gstrein in den vergangenen Beschlüssen im Gemeinderat, „wenn nach einem Abriss die dreifache Dichte“ bewilligt werde. Er sei „Fan von Verdichten“, erklärt der Bürgermeister und verweist darauf, dass bebaubare Flächen in Tirol ein rares Gut darstellen. Letztlich fällt die Entscheidung mit 17 Ja-Stimmen zu zwei Enthaltungen zugunsten des Bauprojekts.

Historiker.

Der Gegenstand der Diskussion steht etwas abgelegen vom Stadtplatz und zählt bereits zur Floriangasse. Der Verfall ist sichtbar, doch in seinen Grundfesten reiche das Gebäude mit imposantem Stadel als Kopfschmuck bis in das 16. oder 17. Jahrhundert zurück, erklärt der Imster Historiker Stefan Handle, streicht liebevoll mit einer Hand über die alten Mauern und schüttelt den Kopf. „Es ist schlimm, was hier geplant ist, denn es handelt sich um ein seltenes Beispiel eines Durchfahrtshofs, von denen es nur wenige in Imst gibt“, zeigt sich Handle bestürzt, aber auch zornig. Die Stadtgemeinde ziehe sich aus der Verantwortung, sagt er, dabei brauche es aber ein klares Bekenntnis zum baulich kulturellen Erbe. „In Silz hat es ja auch funktioniert“, unterstreicht der Historiker mit einem besonderen Interesse an der Architektur seiner Heimatstadt, um dann mit traurigen Augen auch auf einen der beiden Wege zu blicken, die sich um das Haus schlängeln. Zumindest einer der verschlungenen Pfade wird mit Abriss und Neubau wohl verschwinden – und mit ihm ein Teil des mittelalterlichen Wegenetzes, das an dieser Stelle zumindest bis in das 14. Jahrhundert zurückreicht, erklärt Handle. „Auch das wird zerstört, sehr tragisch“, sagt Handle, „und wofür? Für einen Wohnblock, der von Hamburg bis Neapel überall stehen könnte.“