Wo der Gelbe Enzian blüht

Neben der Heilkraft der Wurzel besticht die Pflanze auch durch die Schönheit der Blüte. RS-Foto: Pfurtscheller

Galtür leistet Pionierarbeit beim Enziananbau

 

Der Paznauner Luftkurort Galtür bietet die perfekten -Voraussetzungen für die Kultivierung des Gelben Enzians. Mit dem erfolgreichen Gemeinschaftsprojekt rund um den Enziananbau auf einem Acker beschreitet Galtür absolutes Neuland.

 

Von Irmgard Pfurtscheller

 

Das Graben und das Brennen der Wurzel des Gelben Enzians hat in Galtür eine Jahrhunderte alte Tradition. Bereits um 1705 wird das Grabrecht urkundlich erwähnt und Mitte des 20. Jahrhunderts stand das Graben nach Enzianwurzeln bei den Galtürer Familien auf der Tagesordnung. Da konnten pro Grabung schon bis zu 1000 kg Wurzeln geerntet werden, berichtete Wendelin Juen, Fachbereichsleiter der Landwirtschaftskammer, Bereich Spezialkulturen und Markt. Anfang der 90er-Jahre war das Graben der unter Naturschutz stehenden Pflanze generell verboten, in Galtür kommen aber verbriefte Grabrechte zum Einsatz, die jährlich verlost werden. 13 Familien erhalten damit das Recht, bis zu 100 kg Wurzeln zu graben, sind danach aber für drei Jahre vom Los ausgeschlossen. Aus 100 kg Wurzeln lassen sich sechs bis sieben Liter des kostbaren Destillates brennen. Der Preis für einen Liter Enzianschnaps beläuft sich auf rund 250 Euro, die geringe Menge wird jedoch vor allem für den Eigenbedarf verwendet. Genossen wird der Enzianschnaps bei besonderen Anlässen und als bewährtes Heilmittel bei Verdauungsbeschwerden und Husten. Ausschlaggebend dafür sind die einzigartigen Bitterstoffe der Wurzel. „Es gibt keinen bittereren Stoff auf der Welt“, versicherte Elisa Gius, die dem Projekt mit fachlicher Kompetenz als Referentin für Kräuterkulturen beisteht.

Arbeitsintensives Projekt. Den idealen Ansprechpartner für dieses einzigartige Projekt im alpinen Raum fand Juen in Hermann Lorenz, Schnapsbrenner und Enzianliebhaber. 12000 Jungpflanzen wurden im Juni 2017 von Lorenz und seinem zwölfköpfigen Team in zwei Tagen in Galtür angepflanzt. Geliefert wurden die Pflanzen von der Jungpflanzenproduzentin Centa Kirsch aus Freising. Da es zu der Zeit sehr trocken war, musste alle zwei Tage bewässert werden, auch mit Hilfe der örtlichen Feuerwehr. Auch das Unkraut, hier vor allem die Meisterwurz, sorgte mit seinem starken Wachstum für ständigen Arbeitseinsatz. „Bis zum heurigen Sommer wurde also unermüdlich gejätet, was nur geschafft wurde, weil alle bei dem Gemeinschaftsprojekt zusammenhalfen“, so Lorenz. Der neue Einsatz eines Bändchengewebes zwischen den Pflanzenreihen bringe große Erleichterung, doch gejätet müsse dennoch regelmäßig werden. Heuer kamen noch einmal 6000 Pflanzen dazu und somit gibt es 18000 Enzianpflanzen, die betreut werden müssen. Belohnt wurde diese aufwändige Arbeit heuer von wunderschönen gelben Enzianblüten, die nicht nur die Bienen entzücken, sondern auch eine Augenweide für Einheimische und Gäste darstellen. Bis es jedoch zu einer realen Wertschöpfung kommt, wird noch etwas Zeit vergehen. Frühestens 2021 kann geerntet werden, dann rechnet man mit drei bis vier Tonnen Wurzeln je 1000 Quadratmeter, was einer Wertschöpfung von 60.000 bis 80.000 Euro entspricht, ohne die Arbeitsleitung einzurechnen.

Es braucht Durchhaltevermögen. Laut Juen wären die Tiroler ja großteils recht ideenreich, doch mit der Realisierung sehe es nicht so gut aus. Denn um die Ideen dann auch in die Tat umzusetzen, dafür bräuchte es neben idealen Voraussetzungen auch Durchhaltevermögen. Von dem unglaublichen Durchhaltevermögen aller Beteiligten bei diesem Vorzeigeprojekt zeigte sich Juen beeindruckt. Der Erfolg daraus könnte auch Anreiz für die vielen kleinstrukturierten Tiroler Landwirtschaftsbetriebe sein, als Marktnische und auch als ein Beitrag zur Vielfalt.

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