Zeit für das Wesentliche

Bei den „Exerzitien im Alltag“ spielen heuer auch Betrachtungen zu farbigen Kirchenfenstern eine wichtige Rolle – hier aus der katholischen St. Anna-Kirche in Reutte. RS-Fotos: Gerrmann

Die Fastenzeit gewinnt wieder an Bedeutung – auch im Außerfern gibt’s „Exerzitien im Alltag“. Durch Verzicht kann man auch gewinnen – nicht zuletzt ist dies für viele die Botschaft der Fastenzeit. Gerade in einer Zeit des Überflusses wenden sich immer mehr einer alten Übung zu, die schon fast in Vergessenheit zu geraten schien. Nun aber von immer mehr Menschen neu entdeckt wird.

Von Jürgen Gerrmann

Das Kirchenfenster der evangelischen Dreieinigkeitskirche in Reutte.

Bei den evangelischen Christen stand das Fasten über Jahrhunderte hinweg nicht gerade hoch im Kurs. Das lag laut Reuttes protestantischem Pfarrer Mathias Stieger natürlich auch an Martin Luther. Der hatte in seinem kleinen Katechismus gesagt: „Fasten und leiblich sich bereiten ist zwar eine feine äußerliche Zucht.“ Dann jedoch das „Aber“ hinzugefügt: Viel wichtiger sei es, an die Worte der Einsetzung des Abendmahls zu glauben – dass Leib und Blut von Jesus „für Euch“ zur Vergebung der Sünden gegeben und vergossen worden seien. Dieses Wort erfordere „nichts als gläubige Herzen“. Keine besondere Übung.
Zudem habe der Reformator schon in seiner ersten These festgehalten, dass das ganze Leben Buße (also eine Umkehr) sein solle. Nicht nur die Fastenzeit.

Sieben Wochen Verzicht.

Doch diese Einstellung zum Fasten habe sich mittlerweile auch bei vielen evangelischen Christen gewandelt: „In einer Gesellschaft, die übersaturiert ist, muss ja auch das Komplementäre kommen.“ Deswegen gebe es jetzt ja auch in evangelischen Kirchen wieder Fastentücher zur Verhüllung des Altars. Und die 1983 vom Hamburger Pressepastor Hinrich Westphal am Stammtisch geborene Aktion „Sieben Wochen ohne“, bei der jährlich auf etwas anderes verzichtet werden soll (heuer – was besonders schwierig ist – zum Beispiel auf das Lügen), ist zu einem absoluten Renner geworden. Stieger selbst wirbt in der Dreieinigkeitskirche auch für die gemeinsame ökumenische Aktion „Autofasten“ – und auch für die katholische Aktion „plusminus“, die ebenfalls zum „Verzicht auf Zeit“ aufruft.

Geistlichen Impulsen nachspüren.

Eine ökumenische Gruppe gibt es auch bei den „Exerzitien im Alltag“: Das ist eine Initiative der Diözese Innsbruck, die sich seit rund einem Dutzend an Jahren der spirituellen Vertiefung widmet: „Die Idee knüpft an Ignatius von Loyola an“, sagt Dekanatsassistent Alois Gedl, der die Sache im Außerfern koordiniert. Der Ordensgründer habe seinen Jesuiten immer wieder geistliche Übungen ans Herz gelegt. In deren größter Form ziehen sich die Mönche für 40 Tage zurück, um sich geistlichen Impulsen hinzugeben. Papst Pius XI. hat wohl nicht zuletzt deswegen den bereits 300 Jahre zuvor Heiliggesprochenen zum Schutzpatron der Exerzitien erklärt.
War jemand zu beschäftigt, so konnte er auch die „kleinen Exerzitien“ absolvieren, die täglich eine Stunde erfordern. Und hier setzte vor etwa 30 Jahren die katholische Kirche in Tirol an: Man etablierte für im Berufsleben stehende Menschen die „Exerzitien im Alltag“.
Dafür wird gemeinsames Material angeboten, das unter einem bestimmten Motto steht – wobei man laut Gedl durchaus auch sein eigenes Thema wählen kann. Die meisten nehmen diese Orientierungshilfe indes sehr gerne an.

Gedanken zu Seligpreisungen.

Heuer spielen die Seligpreisungen aus der Bergpredigt, aber auch das päpstliche Schreiben „Gaudete et exsultate“ („Freut euch und jubelt!“) – „Über den Ruf zur Heiligkeit in der Welt von heute“ – eine ganz zentrale Rolle. Das Begleitmaterial liefert dazu Impulse über insgesamt fünf Wochen. „Die Gruppenabende sind nur ein Teil davon“, erklärt Alois Gedl. Die große Linie soll sein, sich „täglich für geistliche Betrachtungen, für das Wesentliche und Wichtigste daheim Zeit zu nehmen!“ Der Theologe: „Deswegen heißt es ja ,Exerzitien‘.“ Er ist überzeugt: „Die Sache braucht Regelmäßigkeit, dann wird’s gut. Dann verankert und vertieft sie sich.“

Faktbox „Exerzitien im Alltag“.

Im gesamten Außerfern werden die geistlichen Impulse für die Fastenzeit angeboten. Hier die Termine der Gruppenabende, bei denen man gemeinsam die Gedanken vertiefen und miteinander teilen kann:
Breitenwang: Jeweils Mittwoch, um 19.45 Uhr im Pfarrstadl (vom 13. März bis 3. April)
Ehrwald: Jeweils Dienstag, um 19.30 Uhr in der oberen Sakristei (vom 12. März bis 9. April)
Elbigenalp: Jeweils Mittwoch, um 20.15 Uhr im Schwesternhaus (vom 13. März bis 3. April)
Grän: Jeweils Donnerstags, um 20 Uhr in der Wendelinstube im Pfarrhaus (vom 21. März bis zum 11. April)
Lähn: Jeweils Montag, um 19.30 Uhr im Mehrzweckgebäude im Dorf (vom 18. März bis 8. April)
Reutte: Jeweils Mittwoch, um 19.45 Uhr im kleinen Saal von St. Anna (von 13. März bis 10. April) sowie ökumenisch jeweils Donnerstag, um 20 Uhr im Gemeindesaal der evangelischen Kirche (vom 14. März bis 4. April)
Wängle: Jeweils Montag, um 19 Uhr im Jugendraum im Widum (vom 18. März bis 8. April)
Weißenbach: Jeweils, Freitag um 20 Uhr im Begegnungsraum (vom 15. März bis 5. April)
Finale: Am Samstag nach Ostern gibt es eine gemeinsame Wanderung über die Stuibenfälle zum Frauenbrünnele.

Fastensuppenessen.
Das Service-Team Marlies Ginther, Manuela Königsrainer, Uschi Brutscher, Mary Moosbrugger und Elisabeth Brutscher (v.l.) beim Austeilen der Fastenwuppen. RS-Foto: Gerrmann

Zu einem absoluten Fix-Termin ist für viele Außerferner das Fastensuppenessen am Aschermittwoch in Ehenbichl geworden: Auch bei der elften Auflage der guten Sache strömten Hunderte in den Versammlungsraum der Gemeinde, um sich an Kartoffel-, Karotten-Ingwer-, Knoblauchcrème-, Apfel-Sellerie- und Tomatencrèmesuppe zu laben und damit auch etwas Gutes zu tun. Das Service-Team Marlies Ginther, Manuela Königsrainer, Uschi Brutscher, Mary Moosbrugger und Elisabeth Brutscher (v.l.) hatte alle Hände voll zu tun, um dem Ansturm zu Beginn der Fastenzeit gerecht zu werden – und wie in jedem Jahr waren dann 120 Liter Suppe ratzeputz weg. Mit den freiwilligen Spenden für die Köstlichkeiten wurde das Projekt der Katholischen Familienpflege unter dem Motto „Teilen macht stark“ unterstützt. Damit will man (so Organisatorin Brigitte Reinstadler) Frauen in der Dritten Welt helfen, selbstständig zu werden. Speziell ging es auch um den Bau von Lehmöfen, die nicht nur helfen, Holz zu sparen, sondern auch den Rauch minimieren und dadurch die Luftbelastung geringer werden lassen.

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Die Oberländer Rundschau ist die regionale Wochenzeitung für die Bezirke Imst, Landeck, Reutte und Telfs im Tiroler Oberland.