Zwei Meister der leisen Töne

Walter Catulla und Christine Federspiel begeisterten bei der 29. Huanza-Kulturzeit ihr Publikum im Hotel „Maximilian“. RS-Foto: Gerrmann

Christine Federspiel und Walter Catulla begeisterten bei ihrem musikalischen Wiedersehen

Ein Déjà-vu der wunderschönen Art: Wie vor zwei Jahrzehnten im Café Beck verzauberten Christine Federspiel und Reuttes Gitarren-Legende Walter Catulla am Samstagabend, im Rahmen der 29. Kulturzeit der Kulturinitiative Huanza, im Hotel „Maximilian“ die Außerferner Jazz-Fans.

Von Jürgen Gerrmann

„Walter, Du wirst nicht alt“, hatte Christine Federspiel während der Proben zum gemeinsamen Programm, das an gute alte Reuttener Jazz-Zeiten anknüpfte, zu dem gesagt, dessen Name wohl hauptsächlich dafür gesorgt hatte, dass die Stühle im Saal des Hotels „Maximilian“ für die nicht ausreichten, die seinen musikalischen Dialog mit der herausragenden Sängerin miterleben wollten.
Und in der Tat: Walter Catulla ist 85 Jahre jung. Anders kann man es nicht formulieren. An Lebendigkeit, an Leichtigkeit, an Fingerfertigkeit, an Freude am Leben und an der Musik hat er nicht einen Hauch verloren, seit er als kleiner Bub seiner großen Lehrmeisterin, der Oma, zuhorchte, als sie schon virtuos die Gitarre spielte und Volkslieder für „die Fremden“ (wie man die Touristen damals nannte) sang.

Ein großer Erzähler.

Walter Catulla ist ein großer Erzähler. Nicht nur in seiner Autobiografie „Jazzmusik, das ist mein Leben“, die er gemeinsam mit Toni Reichart verfasst hat, sondern auch mit der Gitarre, mit der er die großen Gefühle widerzuspiegeln vermag. Ohne ein einziges Wort.
Aber mit viel Einfühlungsvermögen.
Da unterstreicht er zum Beispiel die Sehnsucht im Jazz-Standard „Autumn leaves“, das Christine Federspiel mit ihrer warmen Stimme so wunderbar zum Ausdruck bringt, nicht nur. Seine dahingehauchten Pizzicati konterkarieren die Stimmung des im Original französischen Chansons auch nicht. Sondern ergänzen sie. Runden sie ab. Denn zur Melancholie, die Federspiel hier im Gesang leben lässt, gehört eben auch die Erinnerung an das Schöne.
Das ist nur ein Beispiel von vielen für das wunder-volle Miteinander der beiden Akteure dieses faszinierenden Konzerts. Die beiden agieren als wahres Duo: Weder die eine noch der andere dominiert, weder der eine noch die andere muss sich unterordnen. Beide geben einander Raum, beide haben gerade durch dieses persönliche Zurücknehmen Platz, die eigenen Stärken zu entfalten.
Es waren wirklich Catulla und Federspiel, die da ihr Publikum verzauberten. Nicht Catulla mit Federspiel. Oder Federspiel mit Catulla.
Das ist ja gerade das, was große Künstler und Künstlerinnen auszeichnet: Dass sie eben nicht dem anderen in der Sonne stehen und meinen, ihn (oder sie) aus dem Rampenlicht drängen zu müssen, sondern einander Raum geben, sich dann zurücknehmen, wenn der andere brillieren kann.

Brillante Sängerin.

Weder Walter Catulla noch Christine Federspiel müssen sich irgendwas beweisen. Sie wissen, was sie können und schon geleistet haben. Und das lässt einen in sich selbst ruhen, gibt einem selbst und dem oder der anderen Sicherheit.
Daher konnte Walter Catulla immer wieder in seine musikalische Zauberkiste greifen und Virtuoses hervorholen (wie zum Beispiel bei seiner Improvisation über ein russisches Volkslied, mit der er noch den Letzten im Publikum mitriss). Da konnte Christine Federspiel alle Register ihrer Sangeskunst ziehen und mit den romantischen Passagen ebenso glänzend zurechtkommen wie mit den Songs, bei der ihre Stimme die Töne perlen ließ wie ein guter Prosecco im Glas.
Zwei Meister der leisen Töne machten diesen Abend zum Erlebnis. Weil sie spüren ließen: Gerade die können die effektvollsten sein. Vor allem, wenn in ihnen so viel Hingabe und Liebe stecken, wie bei diesen beiden.
Genau deswegen avancierte „All of me“ zu einem der Glanzstücke dieses Abends. Weil es bei aller Leichtigkeit und gerade durch diese Leichtigkeit dieser Barmusik vom Feinsten spüren ließ, was beide an diesem Abend von sich gaben: Alles.

Über Oberländer Rundschau

Die Oberländer Rundschau ist die regionale Wochenzeitung für die Bezirke Imst, Landeck, Reutte und Telfs im Tiroler Oberland.