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Imst | Chronik | 4. April 2022 | Manuel Matt

Eine Zeit, die’s schon in sich gehabt hat

Eine Zeit, die’s schon in sich gehabt hat
Wo der Tag für Brigadier Ingo Gstrein zumeist beginnt: Im Lagezentrum des Tiroler Militärkommandos Foto: ÖBH
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Ingo Gstrein: Imster, Familienvater, Brigadier – und seit zwei Jahren Militärkommandant in Tirol

Irgendwann wird der Zeitpunkt kommen, an dem die Welt keinen einzigen Panzer mehr braucht, keine Rakete, kein Gewehr und kein Bajonett. Nur scheint dieser Moment wieder weiter in die Ferne gerückt zu sein: Auch in Europa, wo nun abermals Krieg herrscht. Da gilt’s wohl auf das Beste zu hoffen, aber mit dem Schlechtesten zu rechnen. Das wiederum ist die Einstellung von Ingo Gstrein aus Imst: Als Soldat, Offizier und eben auch als Tiroler Militärkommandant, der mit der RUNDSCHAU einen Blick auf die beiden Jahren seit seinem Antritt wirft – und auf die Zukunft mit all ihren Eventualitäten.
Von Manuel Matt

So hat sich 2020 gewiss niemand vorgestellt. Wohl auch nicht Ingo Gstrein, der so aus diesem Jahr nicht  nur den Festakt zur Übergabe des Tiroler Militärkommandos in seine Hände in Erinnerung behalten hat. Sondern eben auch die Umstände, die den feierlichen Tag lediglich in engstem, kleinen Rahmen hat begehen lassen: Die Corona-Pandemie. Seine bisherige Amtszeit hätte es allein deshalb „natürlich schon in sich gehabt“, bestätigt der Imster und betont, dass die Corona-Krise noch nicht vorbei ist. Während der Krieg zurückgekehrt ist in Europa: „Mit dem völkerrechtswidrigen Angriff von Russlands auf die Ukraine“, spricht Gstrein Klartext.

DER OPTIMISMUS EINES OFFIZIERS. Ein anderer Militärkommandant hat es in der Vergangenheit ziemlich sicher schon einmal leichter gehabt – und wird es hoffentlich in Zukunft wieder haben. Gstrein, seit 1996 beim Bundesheer, sieht’s im Jetzt gelassen: „Wir sind als Offiziere ausgebildet, mit derartigen Situationen fertigzuwerden, und das Bundesheer ist ein verlässlicher Sicherheitsanbieter, der allen Tirolerinnen und Tirolern, allen Österreicherinnen und Österreichern ein sicheres Leben garantiert.“ So sei’s bereits jetzt „eine wertvolle, erfüllende und zufriedenstellende Zeit“ als Militärkommandant gewesen, sagt Gstrein. Ein Optimist, also? Scheint zu stimmen. Zumindest lacht der Brigadier und meint: „Man muss Optimist sein. Gerade im Krisenmanagement. Wer da immer nur das Schlimme sieht, dann kann ein Mensch nur verzweifeln. Man muss mit dem Schlechtesten rechnen – und hoffen, dass dann das Bestmögliche herauskommt.“

TESTS, GRENZSCHUTZ UND KATASTROPHEN. Ein Beispiel sein darf wohl auch die „tolle Kooperation des Bundesheeres mit der Polizei, der Feuerwehr, mit allen staatlichen und nicht-staatlichen Einsatzorganisationen sowie der Gesundheitsbehörde“, die er in den letzten beiden Jahren erlebt habe, sagt Gstrein. Auch, aber nicht nur aufgrund der Pandemie, wo das Heer „ein irrsinniges Spektrum an Fähigkeiten“ eingebracht hat: Sei’s in logistischer Hinsicht, in Postverteilungszentren, im Lebensmittelhandel und beim Testen, oder die Unterstützung von Polizisten und der Gesundheitsbehörde bei Kontrollmaßnahmen. Ebenso informierten Heeresangehörige am 1450-Gesundheitstelefon, halfen bei der Kontaktnachverfolgung und waren auch selbst unterwegs: Mit Test-Teams und Test-Bussen, etwa auf der Ötztaler Höhe. Schön sei das „Gefühl der Wertschätzung“ gewesen, speziell in diesem Fall, sagt Gstrein, und „die vielen netten Erlebnisse“ mit den Menschen, die dann durchaus mit Wehmut das Abrücken der Soldatinnen und Soldaten wahrgenommen hätten. Zur Stelle war und ist das Bundesheer auch anderswo: Im Katastrophenfall, beispielsweise nach den enormen Schneemengen in Osttirol und den Überschwemmungen im Unterland, oder auch weiterhin die Polizei unterstützend beim Verhindern illegaler Grenzübertritte. Im Einsatz steht dafür eine rund 110 Kopf starke Kompanie, während 30 Soldatinnen und Soldaten weiterhin mit Kontaktnachverfolgung und der 1450-Hotline beschäftigt sind. Kein Vergleich freilich zu den schlimmsten Pandemie-Zeiten, wo bis zu 800 Heeresbedienstete diesbezüglich im Einsatz gestanden sind. „Prognosen sind schwer. Gerade dann, wenn sie die Zukunft betreffen“, sagt Gstrein, der persönlich allerdings mit einer Entspannung in den nächsten Wochen rechnet, was in einen „halbwegs ruhigen Sommer“ münden könnte. Was nicht heißen soll, dass das Heer nicht allzeit bereit sei: „Aber immer im Sinne der ultima ratio – also nur mehr dann, wenn’s andere nicht mehr können.“

KEIN TAG WIE DER ANDERE.  Das Führen von Einsätzen im ganzen Land, das Wahrnehmen territorialer Aufgaben wie das Betreiben von Kasernen und Wachen wie auch das Auftreten als Militärbehörde, die zur Musterung einberuft: Das alles fällt in die Verantwortlichkeit des Tiroler Militärkommandos mit seinen landesweit etwa 1100 Bediensteten. „350 bis 400 davon sind direkt bei mir“, erklärt Gstrein, der auf circa 1000 Grundwehrdiener zusätzlich verweist. Als Militärkommandant hat der 47-Jährige ebenso zahlreiche Termine wahrzunehmen, wie zuletzt den Sicherheitsempfang. Dazwischen will vielerlei abgestimmt werden, während auch kleinere und größere Probleme gelöst werden müssen: Etwa dann, wenn eine Ärztin kurzerhand ausfällt, was Auswirkungen auf die Kapazitäten bei der Musterung mit sich bringt. „Das macht das Ganze spannend“, sagt Gstrein, „und kein Tag ist wie der andere“, der aber für gewöhnlich am selben Ort beginnt: Um 8 Uhr mit dem Briefing im Lagezentrum in Innsbruck, das rund um die Uhr besetzt ist, mit Ohren am Funk und Augen auf den vielen Informationssystemen. „Vielleicht nicht ganz so modern, aber doch wie in einem kleinen Raumschiff“, beschreibt Gstrein schmunzelnd das Allerheiligste, dem auch kein Stromausfall etwas anhaben kann. Dank Notstromaggregat.

„WECKRUF FÜR EUROPA.“ Manchmal passiert dann aber doch etwas, mit dem niemand gerechnet hat. Wie mit dem Krieg, der noch immer in der Ukraine tobt. Das „war eigentlich nicht fassbar und unvorstellbar“, zeigt sich der Absolvent der Theresianischen Militärakademie erschüttert: „Diese Bilder von einem Krieg mitten in Europa, mit den verheerenden Zerstörungen und ganzen Städten in Schutt und Asche – diese Bilder muss man erst einmal sehen und realisieren.“ So sei’s aber allen in Europa gegangen. „Das war ein Weckruf für alle europäischen Staaten, ihre sicherheits- und verteidigungspolitischen Konzepte zu überprüfen“, sagt Gstrein, der Osteuropa von seiner Stationierung in Bosnien in den Jahren 2005 und 2006 kennt. Erfreut wirkt er nicht zwar nicht, dass nun auch Österreich wieder kräftig in sein Heer investieren will. Aber doch erleichtert und hoffnungsvoll, angesichts der „Unterfinanzierung“ seit vielen Jahren. So herrsche „immenser Nachholbedarf bei der Ausrüstung“, warnt Gstrein: „Es gibt kaum einen Bereich, der so funktioniert, wie er sollte.“ Jeder Euro sei auch in der Ausbildung gut investiert. Überhaupt biete das Heer „tolle Möglichkeiten für junge Menschen“, mit der Kaserne in Landeck sogar in direkter Nähe, wirbt der Familienvater: In Kontakt treten mit den Streitkräften lässt’s sich ebenso beim Sicherheitstag voraussichtlich am 10. September in Telfs und 14 Tage später beim Milizschießen in der Imster Au. Wie’s in der Ukraine inzwischen weitergeht, sei schwer zu sagen: „Man kann nur hoffen, dass die Kampfhandlungen relativ rasch eingestellt werden. Weil je länger es dauert, desto größer werden die Zerstörungen, umso schwieriger wird’s, eine Verhandlungslösung zu finden.“ An eine überregionale Ausweitung des Konfliktes glaubt Gstrein nicht: „Eine hundertprozentige, direkte Bedrohung sehe ich momentan nicht wirklich gegeben. Aber hybride Bedrohungen, Terror- und Cyber-Angriffe, Propaganda: Mit so etwas kann man schon rechnen. Je nachdem, wie sich die Situation weiterentwickelt.
Eine Zeit, die’s schon in sich gehabt hat
Ein Soldat vom Scheitel bis zur Sohle, der die Zeit seit seinem Antritt als Tiroler
Militärkommandant Revue passieren lässt: Ingo Gstrein aus Imst Foto: ÖBH
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