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Imst | Chronik | 6. Juli 2021 | Manuel Matt

Mehr als nur „einfache Soldaten“

Mehr als nur „einfache Soldaten“
Die Gedenkstätte für drei SS-Angehörige im Imster Putzenwald: Über ihre langjährige Zugehörigkeit klärte kurzzeitig eine von zwei Imstern angebrachte Tafel auf, die wenig später heruntergerissen wurde. Ein Wiederanbringen sei nicht geplant, so Barbara Stillebacher-Heltschl: „Der Hinweis ist hoffentlich bei der Stadtgemeinde angekommen.“ Foto: Wohlfarter
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Gedenkstätte im Imster Putzenwald: Zusatztafel verwies auf SS-Zugehörigkeit dreier Männer

Wer im Imster Putzenwald spazieren geht, stolpert über so manches: Nicht nur über Stock und Stein. Sondern auch über eine Gedenkstätte für drei Männer, die hier kurz nach Ende des Zweiten Weltkriegs von Soldaten der US-Armee hingerichtet wurden. Nur blieb bislang unerwähnt, dass es sich bei den Getöteten um Angehörige der Waffen-SS und der SS-Totenkopf-Infanterie handelt. Dieses nicht unwesentliche Detail thematisierte eine Zusatztafel, angebracht von Barbara Stillebacher-Heltschl und Andreas Wohlfarter – die dann allerdings flugs im Moos landete…
Von Manuel Matt

Mai 1945, nicht lange nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs in Europa: Das Dritte Reich ist Geschichte, das Chaos groß. Zuvor ohnehin auf ständigem Rückzug, finden sich viele einstige Soldaten mit dem Zusammenbruch des nationalsozialistischen Regimes fern der Heimat wieder. So auch drei Männer aus Ungarn, Holland und Deutschland, die in eben diesen Tagen in Imst unterkommen. Sie sind augenscheinlich verletzt, was die Imster munkeln lässt, dass sie womöglich aus dem Lazarett im nahen Zams gestürmt sein könnten. Einen triftigen Grund könnte die Flucht jedenfalls gehabt haben: Denn die Männer, die sich im Stadtteil Grettert verstecken, sind nicht etwa einfach nur Soldaten der Wehrmacht, sondern langjährige Angehörige der Waffen-SS und der noch berüchtigteren SS-Totenkopf-Infanterie, nach denen die Militärregierung der Besatzer unermüdlich fahndet, um ein Kriegsgericht über ihre Verbrechen und Gräueltaten urteilen zu lassen. Schließlich werden sie nach einem Hinweis aus der Bevölkerung – oder „Verrat“, wie es andere nennen – gefasst und von US-Soldaten im Imster Putzenwald ohne Prozess erschossen. Beigesetzt werden sie am Ort des Geschehens, die Gräber markiert mit einem einfachen Stein.

FAKT & FIKTION. So weit die Geschichte, wobei das, was der Volksmund daraus gemacht habe, durchaus in weiten Teilen auch eine „Mär“ sein könnte, sagt Sabine Schuchter, Leiterin des Imster Museums im Ballhaus: „Was wirklich genau passiert ist, bleibt in weiten Teilen im Dunkeln.“ Immerhin würden sich noch viele weitere Gerüchte um dieses Ereignis ranken, während die Erinnerungen der mittlerweile verstorbenen Zeitzeugen nicht selten „trügerisch“ seien, gibt sie zu bedenken. Dass die Hinrichtung aber tatsächlich stattgefunden hat, belegen Dokumente aus dem Imster Stadtarchiv – und klar sei auch, dass die Hinrichtung „nicht korrekt und eigentlich ein Kriegsverbrechen“ gewesen sei, lauteten die Befehle der Militärregierung doch, SS-Mitglieder lebend zu fassen, um ihnen den Prozess machen zu können. „Verraten hat den ,Verräter‘ aber niemand“, weiß Schuchter – und ob es tatsächlich ein „Verrat“ war, darüber ließe sich streiten: „Nach geltender Gesetzeslage waren SS-Angehörige ja auszuliefern.“

AN DIE ÖFFENTLICHKEIT. Zurück zu den drei Männern: Spätestens seit 1963 (belegt durch ein Dokument im Stadtarchiv, das damals schon auf die SS-Zugehörigkeit verwies) ruhen ihre Gebeine auf dem Soldatenfriedhof in Pflach. 1975 errichtete der Kameradschaftsbund am Ort der Hinrichtung – und so auf einer Fläche im Eigentum der Stadtgemeinde – ein Denkmal, das bis heute gepflegt wird. Frische Blumen sind dort abgelegt, während Tafeln sehr wohl von „Verrat“ sprechen sowie Namen und Dienstgrad der Getöteten festhalten, ohne die SS-Zugehörigkeit zu erwähnen. 2008 wurde die Stätte restauriert: In erster Linie von ihm und dem 2020 verstorbenen Rudolf Holzknecht, erzählt Toni Winkler, damals Mitglied im Kameradschaftsbund. Motivation war, sich für die Verleihung von Verdienstmedaillen in Bronze, Silber und Gold zu revanchieren, so Winkler, der anschließend 13 Jahre lang gemeinsam mit Holzknecht die Stätte gepflegt und anfallende Reparaturen erledigt hat. Von der SS-Zugehörigkeit habe er nie gewusst, sagt Winkler: „Darüber wurde auch nie gesprochen.“ Ob er das Andenken an die Männer unter diesem Gesichtspunkt problematisch findet? „Da möchte ich keine Meinung abgeben. Das Urteil überlasse ich den Imstern, das ist ihre Sache“, sagt der 83-Jährige aus Karres. Kein Problem habe er aber zugleich mit der Zusatztafel, die aufklärt, dass es sich bei den Männern um einen Rottenführer der Waffen-SS sowie um einen Unterscharführer und einen Rottenführer der SS-Totenkopf-Infanterie handelt. Verantwortlich dafür sind Barbara Stillebacher-Heltschl und Andreas Wohlfarter aus Imst: Sie haben beim Bundesarchiv in Berlin Informationen zu den Männern eingeholt und anschließend die Tafel angebracht. Beide seien sie vehemente Gegner der Todesstrafe, aber: „Die Öffentlichkeit soll wissen, dass die drei Männer seit Jahren Angehörige von SS-Verbänden waren – und nicht, wie angegeben, einfache Soldaten“, so die Begründung: „Die SS hat noch wenige Wochen vorher Kinder in Uniformen gezwungen, Deserteure und ihre Familien verfolgt und schon wenige Tage später wurden die SS-Mitglieder zu Opfern und die Amerikaner zu hinterhältigen Tätern und Besatzern. Die übrigen Verbrechen der SS wollen wir hier gar nicht erwähnen.“ Mittlerweile ist die Tafel fort, heruntergerissen und unter Moos begraben. Stillebacher-Heltschl nimmt’s gelassen: Ein Wiederanbringen sei nicht geplant, „der Hinweis ist hoffentlich bei der Stadtgemeinde ankommen“.

ECHO DER POLITIK. Über ihr Vorhaben informierten die beiden Imster per E-Mail übrigens auch Bürgermeister Stefan Weirather und den Gemeinderat. Geantwortet habe er „noch nicht“, sagt Weirather auf RS-Anfrage: Die Angelegenheit werde aber im Kulturausschuss behandelt werden – und dann folge auch eine Antwort, verspricht der Bürgermeister. Auf die Frage hin, ob die Stadtgemeinde denn wirklich eine Gedenkstätte für SS-Angehörige auf eigenem Grund wissen will, lässt Weirather vorsichtige Diplomatie walten: „Grundsätzlich ist’s natürlich schon eine gewisse Erinnerungskultur, wo man darüber nachdenken muss und soll, was damals passiert ist.“ Er regt ein Ansuchen an „und danach entscheidet man, ob man dem zustimmt oder nicht“. Geantwortet habe bislang nur Gemeinderat Richard Aichwalder, sagen die Urheber der Zusatztafel: Dabei sichert der Sozialdemokrat seine politische Unterstützung hinsichtlich der Etablierung von „Erinnerungszeichen für Euthanasie- und andere Opfer der NS-Zeit“ und sieht in der Tafel eine „Kontextualisierung“. Das sieht auch die Ballhaus-Leiterin so – und „die Fakten vom Bundesarchiv sind sicher wasserdicht“, schließt Schuchter.
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