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Imst | Chronik | 25. Jänner 2022 | Manuel Matt

Von Streik und Bang’

Von Streik und Bang’
„Brutal frontal“ hätte es früher geheißen. In diesen Tagen ist klassischer Präsenzunterricht aber oftmals ein Wunschtraum – und fehlt besonders, wenn bald das Matura-Stündlein schlägt. Foto: adobe.stock.com/ LiliGraphie
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Eine Schülerin und ein Lehrer über die kommende Matura

In Retrospektive war’s dann meistens gar nicht so schlimm wie befürchtet. Für all jene aber, denen die Matura aber noch bevorsteht, bleibt sie ein Schreckgespenst, selbst nach acht, neun ganz normalen Jahren. Sie waren und bleiben jedoch vermaledeit, diese momentanen Zeiten seit Anfang 2020 – und im Vergleich zu den letzten beiden Seuchenjahren lässt das Bildungsministerium heuer scheinbar relativ wenig Gnade walten mit der Maturantenschaft. Nicht ganz fair, finden eine Schülerin und ein Lehrer, mit denen die RUNDSCHAU geplaudert hat: Mal ganz ohne Zahlen und Fakten. Weil ja nicht alles im Leben eine Matheklausur sein muss.
Von Manuel Matt

Nur Arbeit, kein Spiel: Das lässt den guten Jack abstumpfen und die arme Shelley durch ein einsames Berghotel hetzen. Anstatt der Axt wie in Shining, bedient sich eine Maturantin lieber nur eines leisen Seufzens: „Es gibt keinen Ausgleich, weil ja auch alles zu hat. Da geht viel verloren in meinem Alter und kommt nie wieder.“ Also gibt es nur eines in dieser grimmig-finsteren Gegenwart des 21. Jahrhunderts: Lernen. „Irgendwie habe ich aber das Gefühl, das Lernen verlernt zu haben“, sagt die 18-Jährige, die nun seit über zwei Schuljahren immer wieder von der neuen Normalität kosten musste, vom Auf und Zu in der ganzen Gesellschaft und eben auch im Bildungssektor. Die bitterste Frucht: Das vielzitierte „Distance Learning“, das Lernen auf Distanz. „Das war schon ziemlich schwierig“, sagt die junge Imsterin, der das sonst gemeinhin nicht so heißgeliebte, aber im späteren Leben so wichtige Präsentieren am meisten gefehlt hat: „Über den Laptop ist’s ja nicht das Gleiche, nicht so intensiv wie vor Ort, in der Klasse.“ Deshalb sei ihre größte Sorge die mündliche Matura, deren beabsichtigte Rückkehr die Schülerschaft vielerorts auf die Barrikaden steigen ließ, lässt und wohl noch lassen wird. Vergangene Woche sei sie, ebenso wie ihre Klasse, allerdings nicht am Streik beteiligt gewesen, sagt die junge Frau: „Eine Stunde nutzt ja nix, außerdem wollen und müssen wir ja lernen.“ Ob sie vielleicht doch noch auf die Straße geht? „Vielleicht, wenn’s was bewirkt. Einen Versuch wär’s wohl wirklich wert.“ Ein Gefühl herrscht jedenfalls schon vor: Dass es die anderen zuvor leichter, sie zumindest ein normales Schuljahr mehr hatten – „und einen größeren Bonus“, meint die Maturantin, deren Klasse momentan nicht von den vielen Omikron-Fällen betroffen sei und so (fast) normalen Unterricht genießen darf. „Mathe stresst trotzdem“, sagt sie, kichert und kehrt dann zum Ernst zurück: „Gerade da hat die Präsenz gefehlt, dass man direkt nachfragen kann und Dinge erklärt bekommt.“ Klappen wird’s bestimmt trotzdem, sagt die RUNDSCHAU zum Abschied und lässt noch Raum für letzte Worte. Jene nutzt die Maturantin altruistisch und wünscht der Leserschaft: „Bitte bleibt’s gesund!“

DER PAUKER. Eine gewisse Strenge gehört zum Berufsbild, eh klar. Was aber gute Pädagogik aber auch auszeichnet, ist Milde, wenn’s drauf ankommt. Das würde er den aktuellen Prüflingen im Allgemeinem durchaus zugestehen, lässt ein geschätzter Herr ’fessor am Telefon erahnen: „Die Generation, die jetzt zur Matura antritt, hat’s sicher nicht leichter wie die beiden Jahrgänge davor. Schwierige Zeiten erfordern Toleranz – und eine möglichst praktikable Lösung.“ An seiner Schule hätte eine Klasse bereits gestreikt „und die haben schon recht, wenn sie sagen, dass sie die gleichen Bedingungen gehabt haben wie die davor. Sogar noch ein, zwei Jahre länger – und jetzt soll da noch mehr Druck herrschen. Da komm’ ich nicht umhin zu sagen, dass ich vollstes Verständnis für die Maturantinnen und Maturanten habe“, solidarisiert sich der Pädagoge, der da zu Schulzeiten wohl auch gestreikt hätte. Auch ohne gesetzlichen Anspruch: „Aber vor dem Verankern des Streikrechts gegen Ende des 19. Jahrhunderts hat auch niemand gefragt, ob er streiken darf oder nicht.“ Sorgenvoll schaut er derweil auf die unteren Jahrgänge – und auf fast ein Dutzend Klassen in Quarantäne. Dabei könne der digitale Unterricht ohnehin nur eine Notlösung sein, „damit nicht alles verloren geht.“ Am wichtigsten ist aber die Interaktion, der persönliche Kontakt zwischen Lehrer- und Schülerschaft. „Sonst gerät das Gefüge auseinander und ich glaube, dass sich 99 Prozent meiner Kolleginnen und Kollegen das Unterrichten anders vorstellen“, so der Lehrer, der’s „sehr kritisch“ sieht. Wie eben auch die aktuellen Matura-Pläne und das Gebaren des Unterrichtsministers. „Apodiktisch“, lautet das diesbezügliche Urteil. Ja, da lässt sich zumindest ein Teil der von Zeitungsseite gewünschten Anonymität fast nicht mehr aufrechterhalten. Denn wer sich solch’ schöner Worte bedient, der kann ja wirklich nur ein Deutschlehrer sein!
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