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Bittersüßer Theaterabend in Imst

Ein brillanter Klaus Rohrmoser spielte „Anne-Marie die Schönheit“ auf der Stadtbühne

„Anne-Marie die Schönheit“ ist eine eindringliche Erzählung und ein Theatermonolog der renommierten französischen Autorin Yasmina Reza. Eine Besonderheit des Stücks ist Rezas ausdrückliche Vorgabe, dass die Rolle von einem Mann gespielt werden soll. In der Rolle einer gealterten Schauspielerin blickt Klaus Rohrmoser als Anne-Marie auf ein Leben jenseits des großen Erfolgs zurück.
2. Juni 2026 | von Friederike Hirsch
Bittersüßer Theaterabend in Imst
Klaus Rohrmoser braucht nichts weiter als sein Gesicht, seinen Blick und seine Stimme, um aus dem Theaterabend ein Fest der Schauspielkunst zu machen. Foto: Hirsch
Einen Holztisch, einen Holzstuhl, ein wenig Licht und einen brillanten Klaus Rohrmoser – mehr hat es in der Stadtbühne Imst nicht gebraucht, um aus einem fast zweistündigen Theatermonolog einen Theaterabend der Extraklasse zu zaubern. Die international meistgespielte Gegenwartsdramatikerin Yasmina Reza, gefeiert vor allem für ihre pointierten Dialogstücke, hat mit „Anne-Marie die Schönheit“ einen großen Monolog geschrieben, eine Eloge an die Kunst des Schauspiels. Im Zentrum steht eine alternde Schauspielerin. „Auf der Bühne war ich manchmal Anne-Marie die Schönheit“ – im wirklichen Leben aber ist Anne-Marie nicht nur in Sachen Aussehen zu kurz gekommen.

Anne-Marie. Aus der tristen Provinz hat sie es gerade mal bis in ein Pariser Vorstadttheater geschafft. Anlässlich eines (vielleicht auch nur fantasierten) Interviews rückt sich die Beinahe-Diva endlich selbst ins Zentrum und spricht ohne Punkt und Komma gegen Einsamkeit und Alter. Gleichzeitig rechnet sie bitter-ironisch mit ihrer glamourösen ehemaligen Kollegin und Freundin Gigi ab. Während Gigi die großen Rollen bekam und prominente Liebhaber empfing, verkehrte Anne-Marie mit einem Vertreter von Lederwaren und ihrem langweiligen Mann und zog einen Sohn groß, der sich im Erwachsenenalter als Spießer entpuppte. Es war ein wenig glamouröses Leben, ein Leben ohne wirkliche Höhen und Tiefen, aber: „Es heißt, die glücklichsten Leben sind diejenigen, in denen nicht viel passiert …“ In all ihren widersprüchlichen Gefühlen und ihren chaotischen Gedankensprüngen ist Anne-Marie ein wunderbar berührendes Beispiel dafür, dass Lebensglück nicht unbedingt im hellen Scheinwerferlicht zu finden ist. Es kann auch in der beruhigenden Routine des Alltags liegen. 

Höchste Schauspielkunst. Yasmina Reza hat „Anne-Marie die Schönheit“ für ihren Lieblingsschauspieler André Marcon geschrieben. Sie hätte dieses herrlich komische Stück, selbst in den melancholischen Momenten pointiert und hinreißend, mal bitter und komisch, mal zärtlich und unsentimental, genauso gut für Klaus Rohrmoser schreiben können. Klaus Rohrmoser, der auch für Regie und Bühnenbild verantwortlich zeichnet, spielte die Anne-Marie in Imst nicht nur, er war Anne-Marie. Sein melancholischer Blick, seine fahrigen Hände und die Stimme, die sich in kurzen Momenten der Erregung überschlägt, machen den Zwiespalt in Anne-Maries Leben schmerzhaft spürbar. Rohrmoser kostet den Text aus, er genießt ihn, nimmt sich Zeit und lässt Deutungen zu. Mit einer Leichtigkeit schwingt er zwischen den Erinnerungen der Anne-Marie hin und her und fordert das Publikum zum Hören heraus. Dank ihm wurde man Zeuge großer Schauspielkunst. Rohrmoser versucht nicht, die Vorstellung einer Frau auf der Bühne zu wecken. 

Keine Travestie. Rock, Bluse und Perlenkette sind keine Travestie, sondern lediglich eine Andeutung der widersprüchlichen Identität der Anne-Marie. Klaus Rohrmoser braucht zum Schauspielen nichts anderes als sein Gesicht, seinen Blick und seine Stimme. Und irgendwann im Verlauf dieses grandiosen Theaterabends vergisst man, dass Klaus Rohrmoser ein Mann ist, der in Frauenkleidern auf der Bühne steht. Er zeigt eine zauberhaft traurig-stolze Anne-Marie, melancholisch und hochemotional. Klaus Rohrmoser macht die Figur der Anne-Marie zu einer zutiefst menschlichen, einer Figur jenseits von Mann und Frau, einer Figur, in der sich jeder und jede einmal mehr und einmal weniger wiederfindet. Er schafft es, als Schauspieler, Regisseur und Bühnenbildverantwortlicher, aus der ewigen Nebenrolle eine beeindruckende Hauptrolle zu machen. Klaus Rohrmoser verkörperte an diesem außergewöhnlichen Abend etwas Wunderbares: einen Menschen, der trotz aller Brüche in seinem Leben, trotz unerfüllter Träume von sich sagt: „Ich hatte ein glückliches Leben.“ Nach mehr als 100 Minuten grandios geschriebenem und gespieltem Monolog verließ das begeisterte Publikum nur ungern die Stadtbühne, zu intensiv war der Abend. Ein Theaterabend, der nachwirkt, mit einem Klaus Rohrmoser, den man so öfter auf der Bühne sehen möchte. 
Bittersüßer Theaterabend in Imst
Mal griesgrämig, mal amüsiert, mal böse funkelnd und manchmal unendlich traurig: Klaus Rohrmoser brilliert in „Anne-Marie die Schönheit“. Foto: Hirsch

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