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Erinnerungskultur in Imst

800 Seiten starke Aufarbeitung der NS-Zeit in Imst erschienen

Auf großes Interesse stieß die Buchpräsentation „Wahre Volksgemeinschaft. Nationalsozialismus in Imst“ der Historikerin Sabine Pitscheider im Rathaussaal Imst. Die wissenschaftliche Publikation zeichnet ein detailliertes Bild der politischen, gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Entwicklungen in Imst von den 1930er-Jahren bis in die Nachkriegszeit. Mit diesem Buch und einer begleitenden Ausstellung setzt die Stadt ein wichtiges Zeichen.
20. März 2026 | von Friederike Hirsch
Erinnerungskultur in Imst<br />
Die Historikerin Sabine Pitscheider stellte ihr Buch „Wahre Volksgemeinschaft. Nationalsozialismus in Imst“ im Rathaussaal Imst vor.

Fotos: Hirsch
Am 13. März 1938 begrüßte die Mehrheit der Österreicher den „Anschluss“ an das Dritte Reich. 88 Jahre später stellt sich die Stadt Imst der Verantwortung und ermöglicht gemeinsam mit dem Land Tirol eine umfassende wissenschaftliche Aufarbeitung der Verhältnisse in Imst von den frühen 1930er-Jahren bis in die Nachkriegszeit. Die Präsentation des über 800 Seiten starken Werkes „Wahre Volksgemeinschaft. Nationalsozialismus in Imst“ im Rathaussaal Imst stieß auf reges öffentliches und mediales Interesse. In seiner Begrüßung sprach Bürgermeister Stefan Weirather von einem „lang gehegten Wunsch“ und unterstrich die Bedeutung einer objektiven Erinnerungskultur. Bundesrat Christoph Stillebacher bezeichnete die Publikation als „Meilenstein der Regionalgeschichte“ und meinte: „Die Vergangenheit wirkt nach und beeinflusst die Gegenwart. Wegschauen ist deutlich gefährlicher als Hinschauen.“ Daher sei es notwendig, alte Wunden zu öffnen und mit Legenden aufzuräumen, die sich auch in Imst jahrzehntelang gehalten haben.

FAKTEN SPRECHEN LASSEN. Das Buch ist Band 34 der Reihe „Studien zu Geschichte und Politik“. Reihenherausgeber Horst Schreiber (Wissenschaftsbüro Innsbruck/ERINNERN:AT) bezeichnete das Buch als „bisher umfangreichste Studie der NS-Zeit in einer Tiroler Gemeinde“. „Die Studie von Sabine Pitscheider besticht durch ihre Detailgenauigkeit und breite Quellenbasis. Sie lässt Fakten sprechen, die viele Überlieferungen und Bewertungen von Personen und Ereignissen als Legenden entlarven“, so Schreiber in seinen einführenden Worten. Ein Beispiel dafür ist sicher die jahrelange positive Darstellung der NS-Bürgermeister Ferdinand Jenewein und Erich Sauerbier. Landesarchivdirektor Christoph Haidacher über die Arbeiten der Historikerin: „Sabine Pitscheider hat mit ihren Publikationen zu einem wesentlichen Mehrwissen in der Zeitgeschichte beigetragen. Ihre Arbeiten zeichnen sich durch große Objektivität aus.“ Eine historische Aufarbeitung erzeugt emotionale Stimmungen, und sich an dunkle Kapitel der eigenen Geschichte zu erinnern, ist anstrengend, daher ist es wichtig, Tatsachen sprechen zu lassen und keine persönliche Meinung zu transportieren. Genau dies gelingt Pitscheider, indem sie mit dem Täterschutz bricht und diese aus der Anonymität holt, ohne mit dem erhobenen Zeigefinger zu richten. Erstmals werden die Tatbeteiligten der pogromartigen Übergriffe 1938 in Imst, bekannt als Imster Schreckensnacht, namentlich genannt. Der Erkenntnisgewinn ist beachtlich, da die Historikerin den politischen Hintergrund der Beteiligten nachzeichnet. Akribisch hat sie die Verfahren nach 1945 aufgearbeitet und konnte dadurch eindrücklich zeigen, dass nur eine Minderheit verurteilt wurde und das Innsbrucker Volksgericht nach 1945 eine Vielzahl von Milderungsgründen gewährte.

ERINNERUNGSKULTUR. Historikerin Sabine Pitscheider ließ in ihrem Vortrag die mehr als 200 Interessierten anschaulich an dem Entstehungsprozess des umfangreichen Buches teilhaben. Intensive Recherchen, akribische Archivarbeit und das Heranziehen zahlreicher Quellen bilden die Grundlage. Imst war eine besondere Stadt, auch das zeigt sich in der wissenschaftlichen Aufarbeitung. Massiv geprägt von Gewalt und Rachsucht, die sich in der Schreckensnacht 1938 entluden. Hunderte Imster haben damals aktiv oder passiv daran teilgenommen. Ein Umstand, den man natürlich gerne verdrängt und das dunkle Kapitel der NS-Zeit in Imst gerne zu verstaubten Akten legen möchte. Die NS-Zeit und die Verstrickungen mit dem Nationalsozialismus hinterließen keine sichtbaren Spuren, immer wieder aufflammende Diskussionen verdeutlichen jedoch den problematischen Umgang mit der Erinnerung daran. Als 2020/21 zwei Ereignisse die Imster und die Gemeindepolitik bewegten, die Umbenennung einer nach dem Heimatdichter und NS-Verherrlicher Jakob Kopp benannten Straße und die Frage nach dem Umgang mit einer „Gedenkstätte“ für drei SS-Männer, entschloss sich die Gemeinde, die Zeit wissenschaftlich aufarbeiten zu lassen. Mit dem vorliegenden Buch hat sich die Stadt Imst ihrer Verantwortung gestellt. Begleitend zur Publikation zeigt das Museum im Ballhaus vom 14. März bis 5. September 2026 die Ausstellung „Nationalsozialismus in Imst“. Mit Buch und Ausstellung setzt die Stadt ein wichtiges Zeichen für Erinnerungskultur, historische Aufarbeitung und gesellschaftlichen Dialog. Das vorliegende Werk versteht sich aber nicht nur als Rückblick. Es verdeutlicht den wankelmütigen Umgang mit der Wahrheit, nicht nur im Nationalsozialismus, sondern auch in der Zwischenkriegszeit und den Umgang mit der NS-Diktatur nach 1945. Es führt uns vor Augen, dass die Grundlage der Demokratie, die Wahrheit, nicht nur ein philosophischer Begriff ist und wir wachsam sein müssen. Um es mit Bill Clinton zu sagen: „Wir sollten niemals aus den Augen verlieren, dass der Weg zur Tyrannei mit der Zerstörung der Wahrheit beginnt.“
Erinnerungskultur in Imst<br />
Mit dem vorliegenden Buch hat sich die Stadt Imst ihrer Verantwortung gestellt und ein Zeichen für Erinnerungskultur gesetzt.

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