Psychische Krisen bei Kindern
Expertin Michèle Liussi über Warnsignale, Hilfe und die Macht der elterlichen Selbstfürsorge
26. Mai 2026 | von
Martin Grüneis
Michèle Liussi: „Ich sehe jeden Tag, wie massiv Eltern belastet sind, wenn ihre Kinder leiden, und wie sehr das Gefühl der Hilflosigkeit sie lähmt. Es war mir ein Herzensanliegen, ihnen Wissen und Werkzeuge an die Hand zu geben, damit sie wieder in die Selbstwirksamkeit kommen.“ Foto: Michèle Liussi
RUNDSCHAU: Frau Liussi, immer mehr Eltern sorgen sich um das seelische Wohl ihrer Kinder. Wie dramatisch ist die Versorgungslage aktuell wirklich?
Michèle Liussi: In den letzten Jahren sind einige gute Initiativen und Projekte ins Leben gerufen worden. Dennoch fehlt es weiterhin an schneller, unkomplizierter und vor allem finanzierter Hilfe für Kinder und Jugendliche mit psychischen Belastungen und Erkrankungen. Es gibt nach wie vor keine Kassenfinanzierung für psychotherapeutische Behandlungen, außerhalb der Ballungszentren ist die Versorgungslage unzureichend, und die soziale Ungleichheit zeigt sich deutlich beim Zugang zu psychotherapeutischer Versorgung. Dabei sind besonders Kinder aus Familien mit geringen sozioökonomischen Ressourcen deutlich psychischer belastet und haben Unterstützungsbedarf. Hier sollten dringend die Weichen für niederschwellige, kostenfreie und flächendeckende Versorgung gestellt werden.
RS: Welche Warnsignale sollten Eltern denn hellhörig machen? Oft ist es ja schwer zu unterscheiden, ob ein Kind nur eine „Phase“ hat.
Liussi: Entscheidend sind der Kontext, die Dauer und der sogenannte Leidensdruck. Ein wichtiges Konzept ist hier die „grüne Zone“ – der Zustand, in dem das Kind entspannt und sicher ist. Wenn ein Kind diese Zone dauerhaft verlässt, zeigt sich das oft durch „stille“ Signale, die leicht übersehen werden: einen sozialen Rückzug, den Verlust der Lebensfreude oder eine auffallend maskenhafte, ausdrucksarme Mimik, die besonders bei Depressionen auftritt. Auch die „Regression“ ist ein Warnsignal: Wenn ein Kind in bereits bewältigte Phasen zurückfällt, also plötzlich wieder einnässt, in Babysprache redet oder ständig getragen werden will.
RS: Wenn Eltern merken, dass etwas nicht stimmt: Was sind die ersten Schritte?
Liussi: Zuerst sollte man das Gespräch suchen – und zwar ohne Druck. Ich empfehle, die eigene Beobachtung wertfrei zu teilen, zum Beispiel: „Ich habe bemerkt, dass du morgens oft Bauchschmerzen hast.“ Vermeiden sollte man „Warum-Fragen“, da Kinder oft selbst nicht wissen, warum sie sich so fühlen, und das zu Frust führen kann. Hilfreicher sind offene Fragen und aktives Zuhören. Parallel dazu ist es sinnvoll, sich mit anderen Bezugspersonen wie Erziehern oder Lehrern auszutauschen, um ein Gesamtbild zu erhalten.
RS: Welche Rolle spielt die Stabilität im Familienalltag in solchen Krisenzeiten?
Liussi: Eine enorme Rolle. Strukturen wirken wie „Alltagsanker“, die dem Nervensystem Sicherheit signalisieren und helfen, Stresshormone zu senken. Es geht dabei nicht um militärische Disziplin, sondern um Vorhersehbarkeit durch Rituale wie gemeinsame Mahlzeiten oder feste Ruhezeiten. Eltern fungieren hier als „Begleiter und Übersetzer“: Sie übersetzen das Verhalten ihres Kindes in Bedürfnisse und treten im System – etwa gegenüber der Schule – als dessen Fürsprecher auf.
RS: Das klingt nach einer großen Verantwortung. Wie schützen sich Eltern davor, dabei selbst auszubrennen?
Liussi: Das ist ein zentraler Punkt, dem ich in meinem Buch ein eigenes Kapitel gewidmet habe. Selbstfürsorge ist kein Luxus, sondern die Basis der Begleitung. Warnsignale bei Eltern sind ständige Gereiztheit, Schlafstörungen oder das Gefühl, nur noch mechanisch zu funktionieren. Studien zeigen, dass Eltern mit mehr Selbstmitgefühl deutlich weniger unter Stress leiden und eine bessere Beziehungsqualität zu ihrem Kind haben. Man muss sich klarmachen: Man ist nicht für die Kraftreserven der ganzen Welt verantwortlich.
RS: Was hat Sie dazu bewogen, gerade jetzt das Buch „Wenn kleine Seelen leiden“ zu schreiben?
Liussi: Meine Motivation war es, die Handlungskompetenz der Eltern zu stärken. In der Praxis sehe ich täglich, wie Hilflosigkeit Eltern belastet. Ich möchte den Fokus weg vom „maroden System“ und hin zur Selbstwirksamkeit lenken. Besonders die Kita- und Grundschulzeit ist ein Fenster, in dem wir durch frühe Hilfe sehr viel bewirken können, bevor sich ungesunde Muster über Jahre verfestigen.
RS: Gab es einen Moment in Ihrer Praxis, der Sie besonders zum Schreiben bewegt hat?
Liussi: Ich sehe jeden Tag, wie massiv Eltern belastet sind, wenn ihre Kinder leiden, und wie sehr das Gefühl der Hilflosigkeit sie lähmt. Es war mir ein Herzensanliegen, ihnen Wissen und Werkzeuge an die Hand zu geben, damit sie wieder in die Selbstwirksamkeit kommen.
RS: Weshalb haben Sie sich bewusst auf Eltern von Kita- und Grundschulkindern konzentriert?
Liussi: Kinder in diesem Alter sind keine kleinen Erwachsenen; ihre emotionale und kognitive Entwicklung ist in vollem Gange. Da sich ungesunde Muster in jungen Jahren noch nicht über Jahrzehnte verfestigt haben, ist frühe Hilfe hier besonders nachhaltig und wirksam. In diesem Alter legen Eltern und das gesamte System drumherum den Grundstein.
RS: Was war beim Schreiben die größte Herausforderung für Sie?
Liussi: Die größte Schwierigkeit war die Vielfalt an möglichen Krisen. Als Psychologin kann ich in der Praxis individuell auf Familien eingehen, aber in einem Buch muss ich Wege finden, Eltern zu stärken, ohne ihre spezifische Krise im Detail zu kennen. Mein Ziel war es, ein Fundament zu schaffen, mit dem Eltern selbst zum Experten für ihr Kind werden können.
RS: Was ist die wichtigste Botschaft, die Sie betroffenen Familien mitgeben möchten?
Liussi: Dass Krisen zum Leben dazugehören und kein Zeichen von Versagen sind. Ein Kind ist kein „Kartenhaus im Wind“ – es ist robuster, als wir oft denken. Wenn Eltern hinschauen statt wegzusehen und ihrem Kind mit Liebe und Struktur zur Seite stehen, können Familien sogar gestärkt aus solchen Zeiten hervorgehen. Mein wichtigster Satz an alle Eltern lautet: Du gibst dein Bestes – und das ist genug!
RS: Frau Liussi, was tun, wenn das Kind „dichtmacht“? Wie gelingt es, Vertrauen aufzubauen?
Liussi: Es ist wichtig zu verstehen, dass Schweigen oder Wut oft ein Selbstschutz des Kindes sind. Wenn ein Kind nicht reden will, kann das daran liegen, dass es seine Gefühle selbst noch sortiert oder Angst hat, die Eltern traurig zu machen. Hier hilft Beständigkeit: Signalisieren Sie immer wieder, dass Sie da sind, ohne zu drängen. Ein wunderbarer Ansatz ist es, einen „sicheren Ort“ zu schaffen, etwa durch das Bauen einer Höhle, in der das Versprechen gilt: „Was hier drin gesagt wird, bleibt auch hier.“ Manchmal hilft auch ein gemeinsames Signalwort, um Unaussprechliches ansprechbar zu machen.
RS: Welche Rolle spielen nonverbale Signale oder gemeinsame Aktivitäten?
Liussi: Eine sehr große. Das kindliche Spiel ist oft ein „Spiegel der Seele“. Belastungen finden Wege, sich auszudrücken, auch wenn die Worte fehlen – etwa in Rollenspielen, beim Malen oder Basteln. Wenn Sie sich als Eltern in das Spiel integrieren lassen, können Sie vorsichtig nachfragen, was eine Figur gerade fühlt, und so mehr erfahren. Auch gemeinsame Bewegung wie Spazierengehen wirkt regulierend und baut den Druck des direkten
RS: Welche Rolle können Schule, Kindergarten oder soziale Netzwerke übernehmen?
Liussi: Diese Institutionen sind zentrale Orte im Leben des Kindes, an denen es trotz Schwierigkeiten dazugehören darf. Eine gute Zusammenarbeit zwischen Eltern und Schule sollte auf Augenhöhe stattfinden, ohne Schuldzuweisungen. Ein wichtiges Instrument ist hier der sogenannte Nachteilsausgleich: Dabei werden Bedingungen für einen Zeitraum angepasst – etwa durch längere Prüfungszeiten oder weniger Hausaufgaben –, damit das Kind faire Chancen behält, während es eine Krise durchlebt.
RS: Was müsste sich aus Ihrer Sicht im System dringend ändern?
Liussi: Wir müssen den Versorgungsmangel und die Missstände im Gesundheitssystem anprangern. Es braucht mehr Investitionen in die psychische Gesundheit und kürzere Wartezeiten. Die psychische Gesundheit von Kindern ist ein so zentrales Gut, dass sie auch im Schulsystem endlich Beachtung finden muss – etwa durch Psychoedukation, gesundheitsförderliche Programme und Projekte sowie mehr Beratungsangebote vor Ort. Gleichzeitig dürfen wir Eltern, während wir auf diese Veränderungen warten und sie fordern, nicht in der Hilflosigkeit verharren. Wir müssen uns auf unsere eigene Handlungskompetenz konzentrieren, um unsere Kinder stabil durch den Sturm zu führen.
RS: Welche zentrale Botschaft möchten Sie den Leserinnen und Lesern abschließend mitgeben?
Liussi: Die wichtigste Botschaft ist: Ihr Kind ist kein „Kartenhaus im Wind“. Es ist robuster, als wir oft denken, besonders wenn es eine stabile Bindung erfährt. Und vor allem: Schauen Sie mit Mitgefühl auf sich selbst. Sich manchmal hilflos und überfordert als Eltern zu fühlen, ist normal und in Ordnung, genauso wie es in Ordnung ist, Unterstützung und Hilfe zu suchen und anzunehmen.
Michèle Liussi: In den letzten Jahren sind einige gute Initiativen und Projekte ins Leben gerufen worden. Dennoch fehlt es weiterhin an schneller, unkomplizierter und vor allem finanzierter Hilfe für Kinder und Jugendliche mit psychischen Belastungen und Erkrankungen. Es gibt nach wie vor keine Kassenfinanzierung für psychotherapeutische Behandlungen, außerhalb der Ballungszentren ist die Versorgungslage unzureichend, und die soziale Ungleichheit zeigt sich deutlich beim Zugang zu psychotherapeutischer Versorgung. Dabei sind besonders Kinder aus Familien mit geringen sozioökonomischen Ressourcen deutlich psychischer belastet und haben Unterstützungsbedarf. Hier sollten dringend die Weichen für niederschwellige, kostenfreie und flächendeckende Versorgung gestellt werden.
RS: Welche Warnsignale sollten Eltern denn hellhörig machen? Oft ist es ja schwer zu unterscheiden, ob ein Kind nur eine „Phase“ hat.
Liussi: Entscheidend sind der Kontext, die Dauer und der sogenannte Leidensdruck. Ein wichtiges Konzept ist hier die „grüne Zone“ – der Zustand, in dem das Kind entspannt und sicher ist. Wenn ein Kind diese Zone dauerhaft verlässt, zeigt sich das oft durch „stille“ Signale, die leicht übersehen werden: einen sozialen Rückzug, den Verlust der Lebensfreude oder eine auffallend maskenhafte, ausdrucksarme Mimik, die besonders bei Depressionen auftritt. Auch die „Regression“ ist ein Warnsignal: Wenn ein Kind in bereits bewältigte Phasen zurückfällt, also plötzlich wieder einnässt, in Babysprache redet oder ständig getragen werden will.
RS: Wenn Eltern merken, dass etwas nicht stimmt: Was sind die ersten Schritte?
Liussi: Zuerst sollte man das Gespräch suchen – und zwar ohne Druck. Ich empfehle, die eigene Beobachtung wertfrei zu teilen, zum Beispiel: „Ich habe bemerkt, dass du morgens oft Bauchschmerzen hast.“ Vermeiden sollte man „Warum-Fragen“, da Kinder oft selbst nicht wissen, warum sie sich so fühlen, und das zu Frust führen kann. Hilfreicher sind offene Fragen und aktives Zuhören. Parallel dazu ist es sinnvoll, sich mit anderen Bezugspersonen wie Erziehern oder Lehrern auszutauschen, um ein Gesamtbild zu erhalten.
RS: Welche Rolle spielt die Stabilität im Familienalltag in solchen Krisenzeiten?
Liussi: Eine enorme Rolle. Strukturen wirken wie „Alltagsanker“, die dem Nervensystem Sicherheit signalisieren und helfen, Stresshormone zu senken. Es geht dabei nicht um militärische Disziplin, sondern um Vorhersehbarkeit durch Rituale wie gemeinsame Mahlzeiten oder feste Ruhezeiten. Eltern fungieren hier als „Begleiter und Übersetzer“: Sie übersetzen das Verhalten ihres Kindes in Bedürfnisse und treten im System – etwa gegenüber der Schule – als dessen Fürsprecher auf.
RS: Das klingt nach einer großen Verantwortung. Wie schützen sich Eltern davor, dabei selbst auszubrennen?
Liussi: Das ist ein zentraler Punkt, dem ich in meinem Buch ein eigenes Kapitel gewidmet habe. Selbstfürsorge ist kein Luxus, sondern die Basis der Begleitung. Warnsignale bei Eltern sind ständige Gereiztheit, Schlafstörungen oder das Gefühl, nur noch mechanisch zu funktionieren. Studien zeigen, dass Eltern mit mehr Selbstmitgefühl deutlich weniger unter Stress leiden und eine bessere Beziehungsqualität zu ihrem Kind haben. Man muss sich klarmachen: Man ist nicht für die Kraftreserven der ganzen Welt verantwortlich.
RS: Was hat Sie dazu bewogen, gerade jetzt das Buch „Wenn kleine Seelen leiden“ zu schreiben?
Liussi: Meine Motivation war es, die Handlungskompetenz der Eltern zu stärken. In der Praxis sehe ich täglich, wie Hilflosigkeit Eltern belastet. Ich möchte den Fokus weg vom „maroden System“ und hin zur Selbstwirksamkeit lenken. Besonders die Kita- und Grundschulzeit ist ein Fenster, in dem wir durch frühe Hilfe sehr viel bewirken können, bevor sich ungesunde Muster über Jahre verfestigen.
RS: Gab es einen Moment in Ihrer Praxis, der Sie besonders zum Schreiben bewegt hat?
Liussi: Ich sehe jeden Tag, wie massiv Eltern belastet sind, wenn ihre Kinder leiden, und wie sehr das Gefühl der Hilflosigkeit sie lähmt. Es war mir ein Herzensanliegen, ihnen Wissen und Werkzeuge an die Hand zu geben, damit sie wieder in die Selbstwirksamkeit kommen.
RS: Weshalb haben Sie sich bewusst auf Eltern von Kita- und Grundschulkindern konzentriert?
Liussi: Kinder in diesem Alter sind keine kleinen Erwachsenen; ihre emotionale und kognitive Entwicklung ist in vollem Gange. Da sich ungesunde Muster in jungen Jahren noch nicht über Jahrzehnte verfestigt haben, ist frühe Hilfe hier besonders nachhaltig und wirksam. In diesem Alter legen Eltern und das gesamte System drumherum den Grundstein.
RS: Was war beim Schreiben die größte Herausforderung für Sie?
Liussi: Die größte Schwierigkeit war die Vielfalt an möglichen Krisen. Als Psychologin kann ich in der Praxis individuell auf Familien eingehen, aber in einem Buch muss ich Wege finden, Eltern zu stärken, ohne ihre spezifische Krise im Detail zu kennen. Mein Ziel war es, ein Fundament zu schaffen, mit dem Eltern selbst zum Experten für ihr Kind werden können.
RS: Was ist die wichtigste Botschaft, die Sie betroffenen Familien mitgeben möchten?
Liussi: Dass Krisen zum Leben dazugehören und kein Zeichen von Versagen sind. Ein Kind ist kein „Kartenhaus im Wind“ – es ist robuster, als wir oft denken. Wenn Eltern hinschauen statt wegzusehen und ihrem Kind mit Liebe und Struktur zur Seite stehen, können Familien sogar gestärkt aus solchen Zeiten hervorgehen. Mein wichtigster Satz an alle Eltern lautet: Du gibst dein Bestes – und das ist genug!
RS: Frau Liussi, was tun, wenn das Kind „dichtmacht“? Wie gelingt es, Vertrauen aufzubauen?
Liussi: Es ist wichtig zu verstehen, dass Schweigen oder Wut oft ein Selbstschutz des Kindes sind. Wenn ein Kind nicht reden will, kann das daran liegen, dass es seine Gefühle selbst noch sortiert oder Angst hat, die Eltern traurig zu machen. Hier hilft Beständigkeit: Signalisieren Sie immer wieder, dass Sie da sind, ohne zu drängen. Ein wunderbarer Ansatz ist es, einen „sicheren Ort“ zu schaffen, etwa durch das Bauen einer Höhle, in der das Versprechen gilt: „Was hier drin gesagt wird, bleibt auch hier.“ Manchmal hilft auch ein gemeinsames Signalwort, um Unaussprechliches ansprechbar zu machen.
RS: Welche Rolle spielen nonverbale Signale oder gemeinsame Aktivitäten?
Liussi: Eine sehr große. Das kindliche Spiel ist oft ein „Spiegel der Seele“. Belastungen finden Wege, sich auszudrücken, auch wenn die Worte fehlen – etwa in Rollenspielen, beim Malen oder Basteln. Wenn Sie sich als Eltern in das Spiel integrieren lassen, können Sie vorsichtig nachfragen, was eine Figur gerade fühlt, und so mehr erfahren. Auch gemeinsame Bewegung wie Spazierengehen wirkt regulierend und baut den Druck des direkten
RS: Welche Rolle können Schule, Kindergarten oder soziale Netzwerke übernehmen?
Liussi: Diese Institutionen sind zentrale Orte im Leben des Kindes, an denen es trotz Schwierigkeiten dazugehören darf. Eine gute Zusammenarbeit zwischen Eltern und Schule sollte auf Augenhöhe stattfinden, ohne Schuldzuweisungen. Ein wichtiges Instrument ist hier der sogenannte Nachteilsausgleich: Dabei werden Bedingungen für einen Zeitraum angepasst – etwa durch längere Prüfungszeiten oder weniger Hausaufgaben –, damit das Kind faire Chancen behält, während es eine Krise durchlebt.
RS: Was müsste sich aus Ihrer Sicht im System dringend ändern?
Liussi: Wir müssen den Versorgungsmangel und die Missstände im Gesundheitssystem anprangern. Es braucht mehr Investitionen in die psychische Gesundheit und kürzere Wartezeiten. Die psychische Gesundheit von Kindern ist ein so zentrales Gut, dass sie auch im Schulsystem endlich Beachtung finden muss – etwa durch Psychoedukation, gesundheitsförderliche Programme und Projekte sowie mehr Beratungsangebote vor Ort. Gleichzeitig dürfen wir Eltern, während wir auf diese Veränderungen warten und sie fordern, nicht in der Hilflosigkeit verharren. Wir müssen uns auf unsere eigene Handlungskompetenz konzentrieren, um unsere Kinder stabil durch den Sturm zu führen.
RS: Welche zentrale Botschaft möchten Sie den Leserinnen und Lesern abschließend mitgeben?
Liussi: Die wichtigste Botschaft ist: Ihr Kind ist kein „Kartenhaus im Wind“. Es ist robuster, als wir oft denken, besonders wenn es eine stabile Bindung erfährt. Und vor allem: Schauen Sie mit Mitgefühl auf sich selbst. Sich manchmal hilflos und überfordert als Eltern zu fühlen, ist normal und in Ordnung, genauso wie es in Ordnung ist, Unterstützung und Hilfe zu suchen und anzunehmen.
