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Vom Markusplatz zum Lenzenanger

Wie alte Trikots des FC Tarrenz ihren Weg zu venezianischen Fußballfans fanden

Manche Geschichten kann nur der Fußball schreiben. Diese beginnt in einem Second-Hand-Laden in Padua, führt über soziale Medien und die Brennerautobahn zu einer Terrasse am Lenzenanger in Tarrenz. Im Mittelpunkt: ein Satz ausrangierter rot-weißer Trikots des „FC Autohaus Krißmer Tarrenz“ und fünf junge Männer aus Venedig, die am 13. Juni ihren österreichischen Lieblingsverein besuchten.

8. Juli 2026
Vom Markusplatz zum Lenzenanger<br />
„Forza Tarrenz!“: Die venezianischen Gäste unterstützten ihren österreichischen Lieblingsverein in den alten rot-weißen Trikots vom Lenzenanger. Fotos: FC Tarrenz/MG
Der FC Tarrenz spielt seit 1975 am Lenzenanger – auf einem der wohl schönstgelegenen Fußballplätze des Tiroler Unterhauses. Der Verein verfügt über zahlreiche Nachwuchsmannschaften, teils sogar über zwei Teams desselben Jahrgangs, eine eigene Frauenmannschaft und eine Kampfmannschaft, die derzeit in der Gebietsliga West antritt. Dass seine rot-weißen Vereinsfarben eines Tages auch von einer Hobbytruppe in Italien getragen werden, war bis vor Kurzem jedoch unbekannt.

TRIKOTSATZ AUF ABWEGEN. Im Herbst 2025 erreichte den Verein eine ungewöhnliche Nachricht über Instagram. Eine Gruppe befreundeter Basketballer aus Venedig stellte sich vor. Vor einigen Jahren hatten die sieben Freunde zusätzlich ein Hobby-Fußballteam gegründet, denn ganz ohne „Calcio“ geht es in Italien offenbar doch nicht. Auf der Suche nach einer passenden Ausstattung waren sie in einem Second-Hand-Geschäft in Padua fündig geworden. Zwischen Trikots von Vicenza Calcio und Ajax Amsterdam entdeckten sie rot-weiß gestreifte Umbro-Leibchen. Aufdrucke wie „Egon Barth“, „Sportplatzberatung“, „Zubehör“ und „Tarrenz“ gaben ihnen zunächst Rätsel auf. Eine kurze Internetrecherche führte schließlich ins Tiroler Gurgltal. „Wir sind eine Gruppe von Freunden aus Venedig und seit 2018 eure Fans“, schrieben die Italiener an den FC Tarrenz. Seit dem Kauf der Trikots tritt ihre Kleinfeldmannschaft unter dem Namen des Tiroler Vereins an. Sie würden die Ergebnisse verfolgen, den Club unterstützen und hätten schon lange davon geträumt, Tarrenz und seine Fußballwelt persönlich kennenzulernen. Der FC konnte rasch bestätigen: Die Leibchen stammten tatsächlich vom Lenzenanger. Welche Zufälle, Umwege und Hände die Tarrenzer Leibchen bis nach Padua führten, bleibt allerdings ein ungelöstes Kapitel dieser Geschichte – ein kleines Fußballmärchen ohne erklärten Anfang.

„FORZA TARRENZ!“ Ein erster Besuchsversuch im Herbst scheiterte noch an einer kurzfristigen Spielverschiebung. Im Juni war es dann endlich so weit. Um sechs Uhr morgens stiegen Vittorio, Matteo, Edoardo, Andrea und Rocco in Venedig ins Auto, fuhren Richtung Norden, bezogen in Imst ihr Quartier und standen rechtzeitig zum Derby gegen die SPG Pitztal am Lenzenanger. Von den Rängen waren an diesem Nachmittag ungewohnte Anfeuerungsrufe zu hören. „Forza Tarrenz!“ und „Grande, Capitano!“ hallte es über den Platz. Die venezianischen Tifosi machten lautstark Stimmung und hielten zugleich Ausschau nach ehemaligen Spielern, die einst genau jene mittlerweile zum „Retrodress“ gewordenen Leibchen getragen hatten. Mehrere von ihnen ließen sich zu einem gemeinsamen Erinnerungsfoto überreden. In der Halbzeitpause wurden die Gäste auf das Spielfeld gebeten. Dort überreichte ihnen der Verein einen vollständigen, etwas jüngeren Trikotsatz – diesmal samt Vereinswappen, Hosen und Stutzen. Schließlich könne ein zweites Dressen-Set für künftige Hobbyturniere nie schaden. Dasselbe dürfte für die zwei Kisten Starkenberger Bier gelten, die ebenfalls ihre Reise nach Venedig antraten.

EIN STÜCK VENEDIG. Nach dem Schlusspfiff wurde der Spieß umgedreht. Die Gäste mischten sich unter die Tarrenzer Mannschaft und breiteten auf dem Rasen aus, was sie am Morgen in ihrem Kofferraum verstaut hatten. Fünf Trikots wechselten den Besitzer: darunter Basketball-Leibchen von Reyer Venezia Mestre, ein signiertes Egon-Barth-Trikot sowie ein Shirt von einer Meisterfeier des FC Venezia. Damit nicht genug: Aus der für ihre Glasbläserkunst bekannten Lagunenstadt hatten die Freunde eine gravierte Glaskugel mitgebracht. Sie soll künftig einen Ehrenplatz im Tarrenzer Vereinshaus erhalten. Auch Hüseyin „Hüssi“ Atamtürk wurde an diesem besonderen Nachmittag bedacht. Er bestritt gegen die SPG Pitztal sein letztes Spiel als Kapitän des FC Tarrenz und durfte sich zum Abschied über eine venezianische Glasvase freuen.

ALLA PROSSIMA VOLTA! Auf der Terrasse am Lenzenanger klang der Tag schließlich in gemütlicher Runde aus. Dabei wurden bereits erste Pläne für die Fortsetzung dieser außergewöhnlichen Fußballfreundschaft geschmiedet: ein weiterer Besuch in Tarrenz, ein Gegenbesuch bei einem italienischen Basketballturnier, eine gemeinsame Fahrt zu einem Spiel des FC Venezia – oder vielleicht sogar ein Antreten der „Amici dell'FC Tarrenz“ beim Tarrenzer Pfingstturnier 2027. Lediglich an den Fertigkeiten beim Watten müsse bis dahin möglicherweise noch gearbeitet werden, hieß es augenzwinkernd. In einem Punkt waren sich Tiroler und Venezianer jedenfalls einig: Dieser Tag soll keine einmalige Angelegenheit bleiben. Denn Tarrenz und Venedig verbindet nun weit mehr als ein zufällig in Padua entdecktes Second-Hand-Trikot.
Vom Markusplatz zum Lenzenanger<br />
Venezianische Tifosi im Gurgltal: In den zufällig in Padua entdeckten Tarrenzer Retrotrikots sorgten die Gäste auf der Tribüne für Stimmung.
Vom Markusplatz zum Lenzenanger<br />
Geschenke unter Amici: Nach dem Spiel wurden auf dem Rasen Trikots und Erinnerungsstücke aus Tarrenz und Venedig ausgetauscht.

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