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Landeck | Chronik | 31. Mai 2021 | Daniel Haueis

„Verlagerung hin zu Alkohol“

„Verlagerung hin zu Alkohol“<br />
Anita Pale (l.) und Alexandra Pümpel sind in Landeck „bekannte Gesichter“ – sie sind seit Jahren in der Suchtberatung tätig. Foto: Fred Einkemmer
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Alexandra Pümpel und Anita Pale vom Verein „Suchthilfe Tirol“ im Interview

Suchtkranken Menschen wird auch in Landeck schnelle, effiziente und individuelle Hilfe geboten: Alexandra Pümpel und Anita Pale vom Verein „Suchthilfe Tirol“ haben allein im vergangenen Jahr 120 Menschen beraten und unterstützt.
Von Daniel Haueis

RUNDSCHAU: Wie schaut die Aufgabenteilung in der Suchthilfe in Landeck aus?
Alexandra Pümpel: Da mein Schwerpunkt bei den illegalisierten Substanzen liegt, bin ich am meisten mit Cannabis konfrontiert, gefolgt von Kokain und Opioiden, Speed/Amphetamine, MDMA, Ketamin, Benzodiazepine, LSD, auch Research Chemicals. Aber natürlich spielen auch andere Süchte, wie z.B. Tabakkonsum bei Jugendlichen – wir führen auch die Jugendschutz-Raucherberatungen durch – sowie Alkohol und stoffungebundene Süchte, wie Spiel-, Online- und Kaufsucht, in meiner Beratung eine Rolle. Bei den Substanzen ist feststellbar, dass in den letzten Jahren vermehrt Kokain konsumiert wird, dieser Trend zeigt sich auch bei Jugendlichen und jungen Erwachsenen. Zudem biete ich den Klienten bei sozialen Belangen Unterstützung an.
Anita Pale: Mein Schwerpunkt liegt auf der Beratung und Nachsorge für Menschen mit Suchtproblemen aus dem legalen Bereich (zum größten Teil Alkohol, aber auch Glücksspiel, Sportwetten, Internetsucht, Kaufsucht, Nikotin und Medikamentenabhängigkeit) und der Beratung deren Angehöriger. Neu: Ab Juni biete ich auch, neben Beratung und Nachsorge, Psychotherapie an.

RUNDSCHAU: Gab es aus Landecker Sicht Besonderheiten im „Coronajahr 2020“? Hat sich das Suchtverhalten intensiviert oder haben die Lockdowns vielleicht zu vermehrter Abstinenz geführt?
Alexandra Pümpel: Natürlich ist die Covid-19-Pandemie und ihre Auswirkungen auch in der Suchthilfe Tirol spürbar. Aufgrund der Pandemie und der Beschränkungen ist Flexibilität, auch bei der Termingestaltung und bei den Kontakten notwendig. Telefonische Kontakte können persönliche Gespräche nicht ersetzen und es erfordert von allen eine hohe Bereitschaft, sich auf diese aktuelle, sehr schwierige und belastende Situation einzustellen. Eine Veränderung im Konsum, die speziell im Frühjahr während des Lockdowns feststellbar war, war die Verlagerung von illegalen Substanzen hin zum Alkohol. Durch geschlossene Grenzen und Quarantäne waren bestimmte Substanzen nicht so verfügbar wie gewohnt, Alkohol dafür schon. Es geht beim Konsum immer um das Erzeugen von angenehmen Gefühlen bzw. um unangenehme zu unterdrücken. Wir alle wollen glücklich sein, was auch legitim ist, der Konsum von Substanzen ist allerdings eine riskante Möglichkeit dazu. Die Gründe sind auch jetzt dieselben, natürlich sind diese während des Lockdowns gerade bei uns im Oberland, wo im Frühjahr verschärfte Quarantänemaßnahmen waren, noch verstärk-ter zum Tragen gekommen. Neben dem „Spaßfaktor“ sind Einsamkeit, Depressionen, (Existenz-)Ängste, Langeweile, Beziehungskonflikte, Gewalterfahrungen, Schlaflosigkeit oder Schmerzen häufig genannte Gründe.
Anita Pale: Die anfänglichen „Funktionen“ des Suchtmittelgebrauchs sind oft Belohnung, Abschalten, Entspannen, Zugehörigkeitsgefühl zu anderen, Vermeiden von unangenehmen Gefühlen (Langeweile, Angst, Ärger, Wut, Traurigkeit, Einsamkeit usw.), Angst vor zu starken unangenehmen Gefühlen und das Verstärken von positiven Emotionen (Freude, Spaß usw.). Viele meiner Klienten haben neben der Suchterkrankung auch eine depressive Erkrankung und haben traumatische Erfahrungen in ihrem Leben gemacht. Auch eine Kindheit mit mangelnden Erfahrungen bezüglich bedingungsloser Wertschätzung, Anerkennung, positiver emotionaler Zuwendung, Liebe und Zärtlichkeit durch einzelne Bezugspersonen ist häufig. Ausschlaggebend für einen verstärkten bzw. problematischen Konsum (z.B. von Alkohol) können dann aber häufig anhaltende Probleme und Konflikte, langanhaltender Stress, Überforderung usw. sein. Seit 2020 sind es vermehrt Ängste, die Unberechenbarkeit und Unvorhersehbarkeit der nächsten Monate, gedrückte Stimmungen, Antriebslosigkeit, Einsamkeit, Langeweile, Streit mit der Familie oder Partner/in usw. 2020 sind dennoch 66% meiner Klienten vom Suchtmittel abstinent geblieben oder haben ihr Ziel, nichts zu konsumieren, erreicht.

RUNDSCHAU: Wie viele Klienten betreuen Sie im Bezirk circa?
2020 hatten wir in Landeck 900 Klientenkontakte, davon führten wir 790 Gespräche mit Betroffenen und 110 mit Angehörigen. Wir haben 2020 insgesamt 120 Klienten betreut. Aktuell betreuen wir in Landeck 60 Klienten.

RUNDSCHAU: Danke.



Suchthilfe Tirol in Landeck
Die Beratungsstelle in Landeck befindet sich in der Malser Straße 44. Beratungszeiten: Montag 8.30 bis 19.30 Uhr, Dienstag 8.30 bis 12 Uhr, Mittwoch 8 bis 15.30 Uhr und nach telefonischer Vereinbarung. Die Beratung ist kostenlos und auf Wunsch anonym. Mag. Alexandra Pümpel ist unter 0512580080300 und 066488175773 sowie alexandra.puempel@suchthilfe.tirol erreichbar; Anita Pale unter 0512580080310 und 06505824539 sowie anita.pale@suchthilfe.tirol.



Gesteigerter Konsum
Gerade in der Pandemiezeit ist das Risiko einer Suchterkrankung gestiegen. „Insgesamt werden … während der Pandemie mehr Suchtmittel konsumiert“, berichtet Suchthilfe-Tirol-Geschäftsführer Wolfgang Sparber. Als Gründe für die Konsumveränderungen werden u.a. der Wegfall von sozialen Kontakten, Ängste, Sorgen und Langeweile genannt. Um Menschen mit Suchterkrankung schnelle, effiziente und interdisziplinäre Hilfe zukommen zu lassen und die Unterstützung zu bündeln, wurden der Verein sucht.hilfe BIN (Beratung, Information, Nachsorge) und die Suchtberatung Tirol zur „Suchthilfe Tirol“ zusammengeführt. Der Fokus des im März vergangenen Jahres gegründeten Vereins liegt auf der Beratung, Begleitung und Betreuung von Menschen mit Alkohol-, Drogen-, Nikotin- und Medikamentenabhängigkeiten sowie von stoffungebundenen Abhängigkeiten wie Spielsucht. Mitglieder dieses Vereins sind neben dem Land Tirol die Stadtgemeinde Innsbruck und der Tiroler Gemeindeverband sowie ehemalige Vorstandsmitglieder des Vereins sucht.hilfe BIN. „43 hochqualifizierte und engagierte Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter kümmern sich in Innsbruck, Hall, Telfs, Imst, Landeck, Reutte, Schwaz, Kufstein, St. Johann, Kitzbühel und Lienz um über 2500 Betroffene oder Angehörige“, weiß Univ.-Prof. Dr. Christian Haring, Obmann des Vereins „Suchthilfe Tirol“. Das Land Tirol leistet für die Angebote einen Beitrag von 1,8 Millionen Euro. „Auch Präventionsmaßnahmen werden vorangetrieben“, betont LR Gabriele Fischer. Nähere Infos auf www.suchthilfe.tirol.
„Verlagerung hin zu Alkohol“<br />
Suchthilfe-Tirol-Geschäftsführer Wolfgang Sparber: „Insgesamt ist das Problembewusstsein in Bezug auf das Suchtverhalten während der Pandemie bei unseren KlientInnen gestiegen.“ Foto: Land Tirol/Gratl
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