„Über uns, jetzt“
Raoul Schrotts neuestes Werk „Zeitgeist“ ist ein bemerkenswertes Buch zum richtigen Zeitpunkt
17. Feber 2026 | von
Daniel Haueis
Diesmal vereint Raoul Schrott einen Essay und Gedichte in einem Band. Foto: RS-Archiv
Bereits seinen Mitschülern im Gymnasium in Perjen war bekannt, dass er Dichter werden wird, wenn er nicht ohnehin schon einer war: Raoul Schrott. Und schon die Dissertation des 1964 geborenen Landeckers im Jahr 1988 ließ erahnen, dass es ein buntes literarisches Schaffen werden könnte: „Dada 1921–1922 in Tirol“. 1989 folgten Gedichte im Haymon-Verlag. In seinem ersten Roman nahm er sich bereits des Endes der Welt an: Finis Terrae (1995). In „Die Erfindung der Poesie“ legte Schrott Gedichte aus vier Jahrtausenden vor (1997). Mit der lesenswerten Übersetzung des Gilgamesh-Epos (2004) führte er ebenso an die Anfänge der bekannten Literatur zurück wie mit der im Vergleich zu alten Übersetzungen beispiellosen Übertragung der Ilias (2008). Zuvor schon die Essaysammlung „Handbuch der Wolkenputzerei“ (2005). Mit dem Roman „Tristan da Cunha oder Die Hälfte der Erde“ war Schrott wie mit der Erzählung „Das schweigende Kind“ (2012) klassisch unterwegs, mit „Eine Geschichte des Windes“ (2019) sogar abenteuerlich. In „Politiken & Ideen“ erklärt er dann, woher Ideen stammen und wie sie in die Politik kommen. Mit „Erste Erde.Epos“ (2016) und „Atlas der Sternenhimmel und Schöpfungsmythen der Menschheit“ (2024) hat er schließlich literarisch und in puncto Recherche fast Übermenschliches geleistet, um altes Wissen für die Menschheit zu bewahren. Und nun „Zeitgeist“ – es ist am 17. Februar im Hanser-Verlag erschienen.
ESSAY UND GEDICHTE. Schrott beginnt den Essay-Teil von „Zeitgeist“ mit Marc Aurel: „Gut für einen Menschen ist nur, was hilft, ihn gerecht, gemässigt, mutig und unabhängig zu machen; schlecht ist alles, was das Gegenteil bewirkt.“ Was auf den nächsten rund 100 Seiten folgt, ist eine historisch fundamentierte, sprachlich versierte Analyse der Gegenwart. Schrott erklärt den Zeitgeist sowie die Ursachen und Folgen dieser Vorstellungen, „um mit einer Stimme der Vernunft Grundzüge der Gegenwart zu entwerfen“, wie er schreibt. Nur zwei bemerkenswerte Aussagen Raoul Schrotts seien wiedergegeben: „Mehr noch gemein hat der Zeitgeist mit der Intelligenz von Starenschwärmen. Deren Dynamik ergibt sich dadurch, dass ein paar Vögel am Rand des Schwarms einen Feind bemerken und dies durch Bewegungen oder Rufe ihrer sechs bis sieben Stare umfassenden Nachbargruppe mitteilen.“ Und der Beginn seines Fazits: „Der Zeitgeist gibt sich als modischer Politiker. Er ist nicht allzu helle, besitzt dafür aber die Wandlungsfähigkeit eines Schauspielers, der seine Standpunkte oft sprunghaft ändert, um sein Programm den für ihn jeweils günstigsten Gesinnungen unterschiedlichster ideologischer Couleurs anzupassen.“ Als Kehrseite dieses Wendebuches stellt Schrott auf rund 200 Seiten in Gedichten Porträts einzelner Personen dar, beschreibt „Eine Liebe in Städten und Oasen“ oder auch 20 „Szenen des Untergangs“. Im Gegensatz zum konformistischen Zeitgeist sind sie „Stimmen des Subjektiven“.
Fazit: ein Buch, das mit wachem Geist gelesen und reflektiert sein will und dann den Blick auf das Heute weitet. Lesungen sind bislang in der Schweiz, Deutschland und in Graz fixiert.
Bibliografisches
Raoul Schrott: „Zeitgeist – Ein Plädoyer für Menschlichkeit / Über uns, jetzt“; 320 Seiten; Hanser Verlag, Paperback, ISBN 978-3-446-28588-0, 28,80 Euro.
ESSAY UND GEDICHTE. Schrott beginnt den Essay-Teil von „Zeitgeist“ mit Marc Aurel: „Gut für einen Menschen ist nur, was hilft, ihn gerecht, gemässigt, mutig und unabhängig zu machen; schlecht ist alles, was das Gegenteil bewirkt.“ Was auf den nächsten rund 100 Seiten folgt, ist eine historisch fundamentierte, sprachlich versierte Analyse der Gegenwart. Schrott erklärt den Zeitgeist sowie die Ursachen und Folgen dieser Vorstellungen, „um mit einer Stimme der Vernunft Grundzüge der Gegenwart zu entwerfen“, wie er schreibt. Nur zwei bemerkenswerte Aussagen Raoul Schrotts seien wiedergegeben: „Mehr noch gemein hat der Zeitgeist mit der Intelligenz von Starenschwärmen. Deren Dynamik ergibt sich dadurch, dass ein paar Vögel am Rand des Schwarms einen Feind bemerken und dies durch Bewegungen oder Rufe ihrer sechs bis sieben Stare umfassenden Nachbargruppe mitteilen.“ Und der Beginn seines Fazits: „Der Zeitgeist gibt sich als modischer Politiker. Er ist nicht allzu helle, besitzt dafür aber die Wandlungsfähigkeit eines Schauspielers, der seine Standpunkte oft sprunghaft ändert, um sein Programm den für ihn jeweils günstigsten Gesinnungen unterschiedlichster ideologischer Couleurs anzupassen.“ Als Kehrseite dieses Wendebuches stellt Schrott auf rund 200 Seiten in Gedichten Porträts einzelner Personen dar, beschreibt „Eine Liebe in Städten und Oasen“ oder auch 20 „Szenen des Untergangs“. Im Gegensatz zum konformistischen Zeitgeist sind sie „Stimmen des Subjektiven“.
Fazit: ein Buch, das mit wachem Geist gelesen und reflektiert sein will und dann den Blick auf das Heute weitet. Lesungen sind bislang in der Schweiz, Deutschland und in Graz fixiert.
Bibliografisches
Raoul Schrott: „Zeitgeist – Ein Plädoyer für Menschlichkeit / Über uns, jetzt“; 320 Seiten; Hanser Verlag, Paperback, ISBN 978-3-446-28588-0, 28,80 Euro.
