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Geschichte, die berührt

Alexandra Gusetti und Manfred Jenewein in Zams

Der Landecker Historiker Manfred Jenewein und die Philosophin Alexandra Gusetti sprachen bei einer Lesung in der Bücherei Zams über das Zammer Zeitgeschehen in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts.
24. März 2026 | von Alois Pircher
Geschichte, die berührt
Der Landecker Historiker Manfred Jenewein und die Philosophin Alexandra Gusetti lasen in Zams. Foto: Alois Pircher
Es ist das dunkelste Kapitel in der Geschichte Österreichs: die Zeit des Nationalsozialismus. Nicht nur, dass im von den Nationalsozialisten losgebrochenen Zweiten Weltkrieg viele Millionen Menschen auf den Schlachtfeldern und in den zerstörten Städten den Tod gefunden haben, es wurde auch ein grausamer Massenmord an Millionen, in der Diktion der Nationalsozialisten, „minderwertiger Menschen“ – Juden, Roma und Sinti – begangen. Ebenso verwerflich war die Ermordung von politischen und weltanschaulichen Gegnern wie Sozialisten, Kommunisten und überzeugten Anhängern verschiedener Religionen. Nicht so bekannt ist das Euthanasieprogramm, mit dem das „Deutsche Volk“ von ungesundem Erbgut gesäubert werden sollte. Allein im Schloss Hartheim (Nähe Linz, Oberösterreich) wurden mehr als 70.000 Menschen ermordet. Eines dieser Opfer war Mathilde Tschom aus Zams. Mathilde wurde 1890 in Zams als Tochter des Eisenbahners Josef Tschom und seiner Frau Katharina geboren. Josef Tschom hinterließ im Oberland als aktiver Gewerkschafter und aufrechter Sozialdemokrat – er war der erste Bezirksvorsitzende der Sozialdemokratischen Bewegung in Landeck – seine Spuren. Mathilde erkrankte im Alter von fünf Jahren an einer Gehirnhautentzündung und verlor daraufhin ihren Gehör- und Sprachsinn. 1913 erlebte die Familie den nächsten Schicksalsschlag – Vater Josef erlitt (wahrscheinlich) einen Schlaganfall und blieb bis zu seinem Ableben im Jahre 1919 ein Pflegefall. Die beiden ältesten Brüder von Mathilde, Adolf und Josef – beide waren ebenfalls Eisenbahner – versorgten nun die große Familie. Im Jahre 1920 übersiedelte Mutter Katharina mit ihren jüngeren Kindern zur älteren Tochter Maria nach Salzburg. Die Wohnverhältnisse dort waren sehr beengt und so brachte man Mathilde in der psychiatrischen Krankenanstalt in Hall unter. Dort glaubte man, eine Möglichkeit der Ausbildung für die taubstumme Tochter (Schwester) zu finden. 1928 wurde die nunmehr knapp 40-jährige Frau in das Versorgungshaus der Barmherzigen Schwes­tern nach Mils bei Hall überstellt. Dort lebte sie bis zu ihrer Verbringung und Ermordung in Hartheim im Jahre 1940.

EINE FAMILIENGESCHICHTE. Gusetti, eine entfernte Verwandte von Mathilde, – sie lebt mit ihrer Familie in Oberösterreich – besuchte im Frühjahr 2024 die Gedenk- und Erinnerungsstätte Hartheim, im Wissen, dass dort eine entfernte Verwandte aus Tirol ermordet wurde. Seit diesem Besuch begleitete Mathilde die studierte Philosophin und Buchautorin und inspirierte sie zu dem nun erschienenen Buch. Anhand von umfangreichen Recherchen und den Krankenakten aus Hall konnte Gusetti die Lebens- und Leidensgeschichte von Mathilde nachzeichnen. Ergänzt wird die Geschichte mit fiktiven Gedanken der Autorin. Gemeinsam mit dem Landecker Historiker Manfred Jenewein präsentierte sie in Zams das Buch. Er gab einen historischen Abriss der Zeit, in der Mathilde in Zams lebte, und verortete die Familie Tschom in der Region. So erfuhr man, dass nach der Übersiedlung der Mutter mit den jüngeren Kindern nach Salzburg die beiden ältesten Söhne in Tirol blieben. Josef übersiedelte später nach Innsbruck (er besuchte seine Schwester häufig in Hall und Mils), Adolf blieb in Zams und saß als Vertreter der Sozialdemokraten von 1922 bis zum Verbot der Sozialdemokratischen Partei im Jahre 1934 im Zammer Gemeinderat.
Auf Einladung der Kunst- und Kulturinitiative Zams fand das Gespräch in der Bücherei Zams statt. Das Lokal war brechend voll und im Anschluss fand noch ein reger Gedankenaustausch statt. Das Buch „Mit Mathilde“ ist im Fachhandel erhältlich.

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