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Reutte | Chronik | 22. November 2021 | Magdalena Winkler

70 Jahre Raum für kreative Köpfe

Diese Rötel-Zeichnung fertigte Maria Theresia Winkler-Köll während des Zeichenunterrichts an der Schnitzschule an. Die beiden Elbigenalper Kinder standen des Öfteren Modell. Foto: Winkler-Köll
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Fachschule für Kunsthandwerk und Design Elbigenalp 70 Jahre Jubiläum
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Fachschule für Kunsthandwerk und Design feiert in diesem Jahr ihr rundes Bestands-Jubiläum

Am vergangenen Mittwoch hätten die Feierlichkeiten anlässlich des 70-jährigen Bestehens der Fachschule für Kunsthandwerk und Design in Elbigenalp stattfinden sollen. Aufgrund der aktuellen Situation mussten diese jedoch bis auf Weiteres verschoben werden. Dennoch Anlass genug, um einen Blick zurück zu wagen.
Von Magdalena Winkler.
Es dürfte wohl kein Zufall sein, dass sich seinerzeit gerade in Elbigenalp die heutige Fachschule für Kunsthandwerk und Design, vormals Schnitzschule, angesiedelt hat: Zum einen gibt es eine lange Schnitzerei-Tradition, zum anderen liegt die Ortschaft inmitten des Lechtals für die Bewohner der Talschaft auch geografisch günstig. Darüber hinaus traten in der bewegten Geschichte der Schule immer wieder Persönlichkeiten hervor, die sich für den Erhalt derselben einsetzten.

DIE ANFÄNGE.
Bereits Anfang der 1850er Jahre gründete der aus Elbigenalp stammende Anton Falger eine Zeichenschule, mit welcher er der Jugend des Lechtals eine Weiterbildungsmöglichkeit zu schaffen gedachte. Falger, aufgrund seines heimatkundlichen Wirkens auch bekannt als „Vater des Lechtals“, war Lithograf und Maler. Unter seinen Schülern – es dürften insgesamt um die 100 gewesen sein – fand sich auch Anna Steiner-Knittel, die später als „Geierwally“ Berühmtheit erlangen und als Malerin in Innsbruck arbeiten wird. Falger widmete sich bis zu seinem Tod 1876 der Schule und hinterließ auch in seinem Testament eine stattliche Summe, die der Schule und jungen Künstlern aus dem Lechtal zugute kommen sollte. Was in den Jahren nach seinem Tod mit der Schule passierte, liegt im Dunkeln.

AUF DEM WEG ZUR SCHNITZSCHULE.
Bis ins 20. Jahrhundert dürfte sich die Zeichen- und Stuckateurschule für die Wanderhandwerker aus dem Lechtal entwickelt haben. Aufgrund der bescheidenen Verdienstmöglichkeiten, vor allem im Winter, war in den vergangenen Jahrhunderten eine Vielzahl junger Männer aus den Dörfern des Lechtals zum Arbeiten in die Ferne gezogen. Die Schüler der Stuckateurschule wurden mitunter vom aus Elmen stammenden akademischen Bildhauer Benno Bischof unterrichtet. Nachdem dieser aber zum Kriegsdienst einberufen wurde, dürfte der Schulbetrieb vorerst zum Stillstand gekommen sein. Erst nach Kriegsende begann Bischof wieder, Schnitzkurse in Elbigenalp zu geben, bis schließlich Mitte der 1920er Jahre die Idee entstand, eine Schnitzschule zu gründen. Bischof stand dazu bereits im Austausch mit Dr. Anton Amman, dem Präsidenten des Tiroler Gewerbefördervereins, der finanzielle Unterstützung bei der Verwirklichung des Vorhabens versprach. Der damalige Elbigenalper Bürgermeister Schiffer brachte im Zuge dessen auch die stillgelegte Stuckaterschule am Eingang ins Bernhardstal ins Gespräch: Der Standort böte bereits die räumlichen Voraussetzungen und hätte den Vorteil mitten im Tal gelegen und gut erreichbar zu sein. 1926 war es schließlich soweit: Dr. Amann und Bezirkshauptmann Dr. Kravogel eröffneten die Schnitzschule, dessen Leitung Benno Bischof übernahm.

DIE SCHNITZSCHULE.
Der Besuch der Schule war kostenlos. Auswärtige Schüler suchten sich bei Bauern eine billige Unterkunft. Je nach wirtschaftlicher Lage besuchten zwischen zehn und 30 Schüler die Ausbildungsstätte, wobei mit der zunehmenden Rezession zunehmend schwierige Zeiten für das Schnitzereigewerbe und somit auch die Schule anbrachen. Mit dem Zweiten Weltkrieg kam der Schulbetrieb vollständig zum Erliegen. Nach dem Krieg wurde die Unterrichtstätigkeit zwar wieder aufgenommen, mit dem Abgang von Direktor Bischof schien allerdings das Interesse der Tiroler Landesregierung, die Schule weiterhin als solche weiterzuführen, zunehmend zu schwinden. Mit dem wirtschaftlichen Aufschwung am Beginn der 1950er Jahre wurde aus der ehemaligen Schnitzschule die  Lechtaler Heimarbeit, wo künftig Serienartikel wie Holzstöpsel, Spanschachteln, Spielzeug und Ähnliches gefertigt werden sollten. Unter der Leitung von Rudolf Geisler-Morodor sen. kehrte man jedoch zum figürlichen Schnitzen zurück. Der Name wurde kurzerhand wieder auf Schnitzschule Elbigenalp geändert. Damit war das Fundament für die heutige Fachschule für Kunsthandwerk und Design geschaffen.


ENTWICKLUNGEN.
In den darauffolgenden Jahren kam es immer wieder zu Veränderungen und Neuerungen – sowohl am Schulgebäude als auch am Ausbildungsangebot. Mit der Gründung der Fachschule für Holz- und Steinbildhauerei in der zweiten Hälfte der 1970er Jahre, war es den Schülern fortan möglich, die Schule mit der Gesellenprüfung abzuschließen. Diese legte auch Maria Theresia Winkler-Köll, die zeitweilig als freischaffende Künstlerin arbeitete, im Jahr 1980 ab. Sie hatte sich damals auf Anregung ihres Bruders – dem Holzbildhauer Josef Müller, der selbst an der Schule unterrichtete – dazu entschieden, die Schnitzschule zu besuchen. Mit dieser Zeit verbindet Winkler-Köll viele positive Erinnerungen. „In unserer Klasse herrschte ein tolles Klima, in dem wir alle unsere Kreativität fließen lassen konnte“, erinnert sie sich heute. Der Zeichenunterricht beim 2018 verstorbenen Tiroler Künstler Kassian Erhart habe einen ganz besonderen Eindruck bei ihr hinterlassen und sie in ihrer kreativen Entwicklung maßgeblich geprägt. Neben der künstlerischen Ausbildung, seien in dieser Zeit auch wunderbare Freundschaften entstanden, die bis heute bestünden. Als Winkler-Köll die Schule Ende der 1970er Jahre besuchte, war der der Anteil der weiblichen Schüler noch äußerst gering. Auch das hat sich mittlerweile geändert: Heute, erklärt Direktor Ernst Hornstein im Vorstellungs-Video auf der Homepage, seien von den derzeit 67 Schüleren 70 Prozent Frauen.

RAUM FÜR KREATIVE KÖPFE.
Anfang der 1980er Jahre erhielt die Schule das Öffentlichkeitsrecht und damit die Gleichstellung mit den Bundesschulen. Indes wurde 1989 neben der traditionellen Bildhauerausbildung auch eine Abteilung für Malen, Vergolden und Schriftdesign eingeführt.
Die Ausbildung endet nach vier Jahren mit einer Abschlussprüfung inklusive Abschlussprojekt. Neben der Vermittlung von einschlägig theoretischem, allgemeinen sowie kaufmännischem Wissen liegt der Schwerpunkt aber nach wie vor auf dem praktischen Arbeiten. Heute wie damals bietet Elbigenalp damit also einen ganz besonderen Raum für kreative Köpfe.
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