Rundschau - Oberländer Wochenzeitung
Reutte | Chronik | 4. Oktober 2021 | Sabine Schretter

„Verbindliche Spurensuche“ auf Ehrenberg

Die Bauhütte Ehrenberg mit Mastermind GF Armin Walch (4.v.l.). RS Fotos: Schretter
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„uni goes reutte“ und die Suche „dem Baustoff des Mittelalters“

„uni goes reutte“ – das ist viel mehr als pure Wissenschaft. Wissensvermittlung, Austausch und Diskussion gehen hier Hand in Hand. Wissen braucht Raum. Gewonnene Erkenntnisse sollen gemeinsam weiterentwickelt werden.
Von Sabine Schretter.
1995 hatte es für die ruinöse Festungsanlage Ehrenberg gar nicht gut ausgesehen. GF Armin Walch: „Damals wurde im Gemeindrat von Reutte diskutiert, ob man die Gebäude der Klause aufgrund ihres schlechten und einsturzgefährdeten Zustands abbrechen soll.“ Das hätte das Veschwinden des letzten bestehenden Gebäudes des Festungsensembles bedeutet. Eine Runde Einheimischer um den ehemaligen Bürgermeister Siegfried Singer nahm sich der Rettung der Anlage an. Richtig Fahrt aufgenommen hat das Projekt schließlich mit dem Beitritt zur EU und der neuen Möglichkeit,  EU-Fördermittel zu lukrieren. Basis für das Förderprojekt ist ein von GF Armin Walch entwickelter Masterplan, der, neben der Erhaltung des für die Region bedeutsamen Kulturguts, auch die Schaffung einer kultur-touristischen Attraktion mit Mehrwert beinhaltet. Dieser Masterplan wurde in die Statuten des 2001 gegründeten gemeinnützigen Vereins „Burgenwelt Ehrenberg“ aufgenommen. Jeder Euro, den dieser Verein verdient, fließt in die Umsetzung des Mas-terplans. Das Investitionsvolumen auf Ehrenberg beträgt 15 Mio. Euro netto (ohne private Investoren) – 1/3 kommt aus EU-Fördertöpfen, 1/3 aus nationaler Co-Finanzierung und 1/3 aus der Region sowie aus Eigenmitteln des Vereins Burgenwelt Ehrenberg.

Regio-Projekt.
Am Mittwoch, dem 29. September, lud die Wirtschaftskammer Reutte gemeinsam mit den Projektpartnern zu „uni goes reutte“ ein. Thema der Veranstaltung: „Dem mittelalterlichen Baustoff auf der Spur“. Armin Walch, Geschäftsführer des Vereins Burgenwelt Ehrenberg, stellte in seinen einführenden Worten das aktuelle Sanierungsprojekt des Burgenensembles Ehrenberg vor: Die Sicherung, Sanierung und Rekonstruktion der Burgruine Ehrenberg und des Äußeren Zwingers. Im Fokus steht nicht nur die Erhaltung des Festungsgürtels. Es geht vor allem auch um die wissenschaftliche Aufarbeitung, die über das von Dr. Anja Diekamp geleitete „EFRE K-Regio NHL Projekt“ gewährleistet ist. Alexander Oberlechner vom  Bundesdenkmalamt begleitet das Projekt. Aus dieser sehr erfolgreichen Kooperation entwickelte sich die „Bauhütte Ehrenberg“ (2020), die sich an die historischen Werkstattverbände, die Dombauhütten der Gotik, anlehnt. Diese Dombauhütten waren Arbeitsgemeinschaften der hochqualifizierten  Handwerker, die an den großen Kirchenbauwerken arbeiteten. In der „Bauhütte Ehrenberg“ arbeiten Wissenschaftler, Restauratoren, Handwerker (gelernt und angelernt) und Lehrlinge zusammen. Wissen und Erfahrung werden gebündelt, ständig weiterentwickelt und bleiben in der Region. Das von Anja Diekamp betreute Projekt beschäftigt sich mit der Erforschung historischer natürlich hydraulischer Kalke (NHL). Ziel ist es, ein Baukastensystems von NHL-Halbfertigenprodukten zu entwickeln, die dann verstärkt bei der  Sanierung und Restaurierung von Kulturgütern, Denkmälern und historischen Bauten eingesetzt werden sollen.

Kalkbrand.
Interessierte, darunter auch drei Schulklassen, konnten sich bei der Veranstaltung „uni goes reutte“ zuerst vor Ort ein Bild der Arbeiten an der Burgruine Ehrenberg machen. GF Armin Walch, Projektleiterin Anja Diekamp und ihre Mitarbeiter, Alexander Oberlechner vom Bundesdenkmalamt, Gerhard Gerber von der Firma Röfix (Projekt-Kooperationspartner) und die „Bauhütte Ehrenberg“ zeigten und erklärten, worauf es bei den Sanierungsarbeiten ankommt. Anja Diekamp beschäftigt sich seit ihrem Bauingenieurstudium in Aachen mit Baustoffkunde und Denkmalpflege. Seit 2002 arbeitet sie an der Universität Innsbruck. In einem nach historischem Vorbild errichten Brandofen in Altfinstermünz führte Diekamp mit ihrem Team einen Kalkbrand mit Material aus Vils durch. Mit einem Teil des gewonnen  Materials wurden 2020 Probeflächen bei der Festungsanlage Ehrenberg verputzt (die RUNDSCHAU berichtete). Bei einer Begutachtung nach dem ersten Winter habe sich kein so schlechtes Bild gezeigt, erklärt die Wissenschaftlerin bei ihrem Vortrag. Gerade der eigene Brand habe sehr gut ausgesehen. „Aus dieser Aktion ist dann schließlich die ,Bauhütte Ehrenberg‘ entstanden. Wissenschaft, Forschung und Handwerk arbeiten hier perfekt zusammen. Mittlerweile nutzen auch Lehrlinge die Möglichkeiten, sich hier mit historischen Materialien zu beschäftigen“, freut sich Anja Diekamp.

Uni goes reutte.
Seit 2006 sind Wissenschaftler der Universität Innsbruck regelmäßig im Außerfern zu Gast. Dr. Sara Matt, Leiterin der Transferstelle Wissenschaft – Wirtschaft – Gesellschaft, sieht im Austausch zwischen Wissenschaft, Bevölkerung und Wirtschaft großes Potenzial. „Wissen muss in die Welt getragen werden. Hier auf Ehrenberg kommt zusammen, was zusammengehört – Forschung und Handwerk. Hier wird Wissen getestet, gemeinsam angewandt und weiterentwickelt“, leitet sie den an die Führungen anschließenden Vortragsabend in der Ehrenbergarena ein. Dass das Fes-tungsensemble Ehrenberg im Laufe seiner Bestehensgeschichte immer wieder beschädigt und wiederaufgebaut wurde und damit Bauteile aus verschiedenen Epochen aufweist, darf als Alleinstellungsmerkmal der Anlage bezeichnet werden. „Nach der Versteigerung der Anlage 1782 bleiben nichts als ruinöse Mauern übrig. Heute können wir daraus ableiten, wann und wozu einzelen Bauteile entstanden sind. Zudem erfahren wir, wie sich Wehrfähigkeit und Anlage über die Jahrhunderte entwickelt haben“, so Armin Walch. Die Zusammenarbeit mit der Universität Innsbruck wertet der Geschäftsführer als absoluten Glücksfall. Bei der Podiumsdiskussion der Experten – Anja Diekamp, Armin Walch, Restaurator Erik Kirkwood, Gerhard Gerber, Bindemittelexperte Rudolf Röck (Schretter&Cie, Vils) und Alexander Oberlechner (Bundesdenkmalamt) – zeigte sich einmal mehr, wie zentral die Kooperation verschiedener Leute auf Augenhöhe ist. „Für mich ist es eine Bestätigung, dass funkjtioniert, was die letzten Jahre über herausgefunden habe“, schloss Anja Diekamp die gut besuchte Veranstaltung „uni goes reutte“ ab.
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