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Reutte | Chronik | 1. August 2022 | M. Färber

Zwischen Gestern und Morgen: Der „Grüne Baum“ in Vils

Zwischen Gestern und Morgen: Der „Grüne Baum“ in Vils
Die Abrissarbeiten rund um den „Grünen Baum“ prägen derzeit das Stadtbild von Vils. RS-Foto: Färber
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Das Traditionsgasthaus im Stadtzentrum wird schon bald einer modernen Wohnanlage mit Geschäftsfläche weichen.

Derzeit dominiert ein gigantisches Trümmerfeld den Ortskern von Vils. Die Abbrucharbeiten rund um den Gasthof „Grüner Baum“ sind in vollem Gange und sollen bis zum Stadtfest am 14. August abgeschlossen sein. Anlass genug, sich mit der Vergangenheit dieses geschichtsträchtigen Gebäudes und der zukünftigen Nutzung des riesigen Areals im Stadtzentrum genauer auseinanderzusetzen.
Von M. Färber.
AUS DER CHRONIK.
Schon um 1450 erhielt der „Grüne Baum“ von den Hoheneggern, die Vils wie einen winzigen Zwergstaat führten, das alte „Tafern oder Wirtshausrecht“. Um 1800 war der „Grüne Baum“ mit ca. 700 qm der größte Grundbesitz in Vils. Eine Brauerei und eine Schnapsbrennerei bestanden bis ca. 1900. Berühmt wurde der Gastwirt Johann Michael Lob, der in den Tiroler Freiheitskämpfen rund um Andreas Hofer eine führende Rolle spielte. Im 19. Jahrhundert war der „Grüne Baum“ in wechselndem Besitz von Wirten aus Lechaschau, Reutte, Pfronten und Füssen.  Die bayerische Königsfamilie aus dem Haus Wittelsbach urlaubte fast 30 Jahre lang in Vils. Während König Maximilian II. und Königin Maria in Vilsegg logierten, dürfte König Ludwig II. des Öfteren im „Grünen Baum“ abgestiegen sein, wie das sogenannte „Königszimmer“ im alten Gebäude belegt.

KINDHEITS- UND JUGEND-ERINNERUNGEN.
Abseits der Historie und Chroniken hat der „Grüne Baum“ seine eigene, sehr lebendige und persönliche Geschichte, die ich durch Frau Hedi Keller geb. Haslach kennenlernen durfte. Ihr Großvater Gallus Haslach kam zwischen 1924 und 1928 von Ober-
staufen nach Vils, weil hier ein Metzger gebraucht wurde. 1936 erwarb er den „Grünen Baum“, den ihr Vater Anton Haslach nach Kriegsende 1947 übernahm. Das alte Gebäude befand sich schon damals in einem sehr schlechten Bauzustand. Frau Keller erinnert sich an durchhängende Zimmerdecken, die ein Betreten einzelner Räume unmöglich machten. 1947 erfolgten erste Umbauarbeiten, wie z.B. die Errichtung einer Veranda und einer neuen Gaststube. Am 1. September 1972 wurde das alte Gasthaus abgerissen und auf Anraten der Statiker ein Neubau begonnen. Geplant war ein Beherbergungsbetrieb mit drei Stockwerken und 100 Zimmern. Allerdings führte der österreichische Staat im gleichen Jahr die Investitionssteuer ein, was zusammen mit der hohen Verzinsung der Bankdarlehen zu einer nicht bezwingbaren Kostenexplosion führte. Letztendlich musste Anton Haslach seine Baupläne auf zwei Stockwerke mit 40 Zimmern reduzieren, was einen Empfang von (lukrativen) Busgesellschaften unmöglich machte. Die folgenden Jahre waren von viel Arbeit geprägt, doch der „Grüne Baum“ lief gut. Frau Keller erinnert sich an Tage mit 200 bis 300 Essen (ihre Mutter war weitum als legendäre Köchin bekannt), an viele Bälle und vor allem an den „Blauen Saal“, den so gut wie jede Vilserin und jeder Vilser von irgendeiner Familienfeier von Innen kennt. Es gab eine Kegelbahn, regelmäßig fanden Stammtische der verschiedensten Vereine statt und die österreichische Nationalmannschaft der Damen logierte hier alljährlich während der Pfrontener Weltcuprennen. Schöne Erinnerungen, die allerdings durch ständige finanzielle Schwierigkeiten getrübt waren. Nach ihrer Ausbildung an der Innsbrucker Villa Blanka sollte Frau Keller auf Wunsch ihres Vaters mit nur 18 Jahren den „Grünen Baum“ übernehmen. Verständlicherweise fühlte sie sich damit überfordert. Daraufhin bot Anton Haslach 1990 schweren Herzens den „Grünen Baum“ zum Verkauf an. In den folgenden drei Jahrzehnten erlebte das Traditionsgasthaus eine wechselvolle Geschichte. Verschiedene, immer nur kurzzeitige Besitzer sowie Untermieter führten nach und nach zu einem Verfall des Gebäudes: So diente es während des Balkankriegs als Flüchtlingsunterkunft und vor-
übergehend waren ein Salzlager, eine Brauerei, eine Pizzeria und ein Drogeriemarkt untergebracht. Auf meine Frage, wie es ihr gehe, wenn sie heute an der Abrissstelle vorbeikomme, antwortete Frau Keller, dass sie mit der Vergangenheit gleich nach dem Verkauf abgeschlossen habe, aber sehr froh sei, dass der namengebende Baum, eine Kastanie, stehen bleibe. Sie erinnere sich noch gut daran, wie ihr Vater ihn als kleinen Setzling vom damaligen Lehrer Lutz geschenkt bekommen und voll Freude gepflanzt habe.

UND WIE GEHT’S WEITER?
Im Anschluss an mein Gespräch mit Frau Keller hatte ich eine Unterredung mit Frau Carmen Strigl-Petz, der seit Februar dieses Jahres amtierenden Bürgermeisterin. Ihr Vorgänger, Bgm. Manfred Immler, hatte 2018 den „Grünen Baum“ für ca. 800.000 Euro für die Stadt Vils erworben und bereits die Bauverhandlungen in die Wege geleitet. Geplant ist ein Wohnkomplex mit 21 Mietkaufwohnungen und ca. 250 – 300 qm Geschäftsfläche für einen Nahversorger. Frau Bürgermeisterin Strigl-Petz verwies auf die derzeit explodierenden Baukosten, die einen genauen Baubeginn schwer kalkulierbar machen. Sie rechne allerdings mit Verhandlungen im Herbst und sei sehr optimistisch, dass spätestens bis zur 700-Jahr-Feier der Verleihung des Stadtrechts im Jahr 2027 alles vollendet sei. Bis dahin warten auf die Stadt Vils allerdings noch große finanzielle Herausforderungen. Ein besonderes Anliegen sei ihr die Sanierung der Schule meinte Frau Strigl-Petz. Übrigens erinnerte sie sich in der NMS neulich Originalstühle aus dem „Blauen Saal“ des „Grünen Baum“ gesehen zu haben, was wohl die Verbundenheit der Vilser mit dieser Gaststätte eindrucksvoll widerspiegelt.
Zwischen Gestern und Morgen: Der „Grüne Baum“ in Vils
Ansicht des „Grünen Baum“ im Jahr 1920. Bildquelle: R. Schrettl
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