Rundschau - Oberländer Wochenzeitung
Reutte | Kultur | 31. Jänner 2022 | Jürgen Gerrmann

Die Drachen vom Seesumpf

Die Schrecken des Krieges und die Dankbarkeit für die Bewahrung davor inspirierten Ernst Degn zu seinem beeindruckenden Fresko in der Seesumpf-Kapelle. RS-Foto: Gerrmann
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Kapellengeschichte Kapelle Maria Hilf Bach Seesumpf
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Die Kapelle oberhalb Bach ist ein hoch spiritueller Ort

Sie sind in der Regel klein und unscheinbar, aber sie prägen das Außerfern auf eine sanfte und dennoch eindrucksvolle Art: die Kapellen in den kleinen Dörfern und am Wegesrand. Mancher beachtet sie gar nicht, obwohl sie so viel zu erzählen haben. Die Legenden zu den Heiligen, denen sie geweiht wurden, spiegeln auch die Freuden und Sorgen der Menschen wider, die dereinst hier lebten. Die RUNDSCHAU hat einige von ihnen besucht und hat der Geschichte ihrer Namensgeber nachgespürt. Heute geht’s zu den Weilern oberhalb von Bach im Lechtal.
Von Jürgen Gerrmann.
Verwegen schraubt sich das schmale Sträßchen von der Pfarrkirche Unserer lieben Frau Maria Reinigung in die Höhe, und auch zu Fuß ist es ein recht zackiger Anstieg hinauf zu den Weilern Klapf und Seesumpf. Aber beides lohnt sich – denn auch (manche sagen: gerade) im Winter herrscht hier, wo es mit dem Auto nicht mehr weiter geht, Idylle pur.
Wüßte man nicht, daß hier oben seit etwa 150 Jahren eine Kapelle steht – man würde sie ohne die Hinweisschilder des Tourismusverbands Lechtal gar nicht entdecken. Von der Straße aus ist Maria Hilf (so der offizielle Name) nämlich gar nicht zu sehen. Wanderer auf dem Lechweg (oder andere Spaziergänger) erleben freilich quasi von einer Sekunde auf die andere eine wunder-volle Überraschung. Denn schon der an den Hügel geschmiegte Standort des Kirchleins vermittelt einem ein Gefühl der Geborgenheit.

EIN KRAFTPLATZ.
Und daher sollte man sich auch genügend Zeit nehmen, in diese Atmosphäre einzutauchen und sie auf sich wirken zu lassen. Im Grunde ist nämlich das ganze Ambiente dort ein hoch spiritueller Ort, ein Kraftplatz, den die Menschen nun schon seit mindestens 150 Jahren (seither ist ein Vorgängerbau der 1962 errichteten heutigen Kapelle bekannt) sehr gerne aufsuchen – für manche gehört eine Wanderung dorthin und zur nahen Hochebene bei Seesumpf einfach zum Jahreslauf dazu.
Übrigens: Dort in der Nähe des Kirchleins stand (wie der Thüringer Geograph Adolph Schaubach bereits 1845 in seinem Standardwerk „Die deutschen Alpen“ festgehalten hat), „in grauer Vorzeit“ (was immer darunter zu verstehen ist) ein „Dingstuhl“. Darunter vermögen sich heute wohl nur wenige etwas vorzustellen, der Lehrer aus Meiningen erklärte dies in seinem Klassiker der Alpinliteratur so: „Ein schlossartiges Gebäude, in dem Ding (Gericht) abgehalten wurde.“ Seesumpf war mithin früher ein durchaus bedeutender Ort. Freilich: Von diesem Gebäude war schon zu Schaubachs Zeiten (wie der Autor bedauert) „jede Spur verschwunden“.
Doch zurück zur „Muttergotteskapelle“, wie man sie vor rund 100 Jahren noch nannte. Im Ausferner Boten (also dem Vorgänger der RUNDSCHAU) vom 22. August 1931 wird das „Bacher Kapelle“ (so ein weiterer populärer Name der damaligen Zeit) als „von Wallfahrern viel besuchtes Heiligtum“ gerühmt, das sich „schon durch seine einzig schöne Lage in einer Waldlichtung über dem Dorfe auszeichnet“. Dem Anlass der Eloge begegnet man übrigens noch heute: Der Bericht drehte sich nämlich um das Gnadenbild, das am Vorabend des Frauentages („einem Lechtaler Hagelfeiertag“) dorthin gebracht worden war und zu dessen Ehren eine „schlichte, aber erhebende Feier“ abgehalten wurde. Aber immerhin trugen sie acht „Jungfrauen in Lechtaler Tracht“ von Unterbach „in feierlicher Prozession“ bergauf.

BACHS ÄLTESTES MARIENBILD.
Die heute noch anrührende Holzskulptur („ein ungemein liebliches Muttergottesbild“) stammt aus dem Frühbarock und stand ehedem in der Unterbacher Kapelle, die während des Baus der Pfarrkirche ab 1787 sechs Jahre als Notkirche für das Dorf diente, dann aber offenkundig zusehens verfiel und letztlich abgerissen wurde. Hätte die Familie Melle sie nicht in ihre Obhut genommen – sie wäre wohl längst verschwunden. So aber blieb „das sicherlich älteste Marienbild unseres Dorfes“ (wie es damals in der Zeitung hieß) in der Seesumpfkapelle erhalten. Der zuvor erwähnte Begriff „schlichte Feier“ scheint wohl relativ zu nehmen zu sein. Denn die sah am Vorabend von Maria Himmelfahrt 1931 so aus: „Die Kapelle trug Festschmuck, Böller krachten durch die Waldesstille, die Musikkapelle spielte Marienweisen, der Kirchenchor sang Marienlieder, so wurde das altehrwürdige Marienbild in die Kapelle getragen, wo der Seelsorger nach einer Ansprache das heilige Meßopfer feierte - zugleich die erste heilige Messe in dieser Gnadenstätte.“ Der Kollege von damals war so begeistert, dass er seinen Lesern empfahl: „Auf, liebe Landsleute im oberen Lechtal, wallfahret mit neuen Sorgen und Kreuzen zur Gnadenmutter nach Seesumpf! Die Geschichte dieser Kapelle weiß schon von vielen ganz auffälligen Gebetserhörungen zu erzählen. Das neue GnadenbilL wird neuen Segen über diese Andachtsstätte herabziehen.“
Die „neue Sorgen und Kreuze“ sollten fürwahr nicht lange auf sich warten lassen. Davon zeugt auch das regelrecht unter die Haut gehende Fresko an der rechten Seitenwand. Der in Schärding geborene und am BORG in Innsbruck lehrende Maler Ernst Degn (der  auch Werke für Pfafflar, Elmen und Bach schuf) malte es 1962 aufgrund eines Gelübdes aus dem Jahre  1945. Zwei furchterregende Drachen bedrohen da die Muttergottes mit dem Kinde und das Dorf zu ihren Füßen – aber über der Szenerie wölbt sich das Symbol des göttlichen Friedens, der Regenbogen. Und Maria, Jesus und das Dorf bleiben allem Dunkel zum Trotz im Licht. Ein Drache taucht auch auf der Skulptur der Heiligen Margarethe links der Altarnische auf. Befassen wir uns daher ein bisschen näher mit diesem für die Seesumpfkapelle wohl wichtigen Symbol.
Der Schriftsteller und Literaturkritiker Wolfgang Menzel erwähnt ihn auch in seinem 1854 in Regensburg erschienenen Werk über „Christliche Symbolik“ - und zwar als „Fabelthier fast aller Völker“. In der biblischen Offenbarung des Johannes taucht er als Zeichen des Satans am Himmel auf: „Ein Drache, groß und feuerrot, mit sieben Köpfen und zehn Hörnern und mit sieben Diademen auf seinen Köpfen.“ Mit seinem Schweif fegt er ein Drittel der Sterne vom Firmament und bedroht die Frau: „Er wollte ihr Kind verschlingen, sobald es geboren war.“ Unverkennbar spielt Ernst Degn mithin auf seinem Bild auf dieses Weltuntergangs-Szenario an. So kurz nach dem Krieg ja auch kein Wunder.
Italiens Nationaldichter Dante Alighieri deutete den Abschnitt aus der Apokalypse übrigens so, dass die sieben Köpfe des Untiers die sieben Sakramente der (katholischen) Kirche und die zehn Hörner die zehn Gebote bedeuteten. Und: „Die heilige Kirche selbst sey es gewesen, die durch innere Verdorbenheit sich in den Drachen verwandelt habe“, schreibt Menzel. Er verweist auch auf die vielen Heiligen, die in den christlichen Legenden Drachen besiegten. Im Außerfern denkt man da natürlich zuerst an St. Mang. Aber er war nicht der einzige, zu ihm gesellen sich mit Martha und Margaretha auch zwei Frauen und mit Cyriacus, Johannes von Reims, Arnold, Germanus, Ammon, Beatus, Erasmus, Domitianus, Donatus, Hilarion, Leon, Maurus, Mercurialis, Ruphillus, Severin, Parascius, Theodor, Timotheus und anderen noch jede Menge Männer.
Dass es so viele Drachengeschichten gibt, kommt sicher nicht von ungefähr. Das könnte auch ein Impuls sein, auf einem der Bänklein vor der Kapelle darüber zu meditieren. Vielleicht lautet ihre Botschaft ja: Man kann das, was einen bedroht und bedrückt, überwinden oder im Zaum halten. Um sich herum. Aber auch in einem selbst. Sieht man es so,  wären die Drachen vom Seesumpf sogar Mutmacher.
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