Sabina Beirer und Christine Raffl (v. l.). Im Hintergrund ein Bild von Margarete Schütte-Lihotzky. Foto: Kofelenz
Eine Pionierin der Architektur. Mit viel Recherchearbeit und abwechslungsreich vorgetragenen Fakten, Zitaten aus Briefen und Büchern brachten die beiden Referentinnen den zahlreichen Zuhörern das ereignisreiche Leben Schütte-Lihotzkys näher. Berührende Szenen, aufwühlende Momente und persönliche Anekdoten verliehen dem Vortrag besondere Tiefe. Schon im Elternhaus sozialdemokratisch geprägt, entschied sich Margarete Schütte-Lihotzky früh für einen ungewöhnlichen Weg. Sie besuchte zunächst die Grafische Lehranstalt und schrieb anschließend Geschichte: Als erste Frau Österreichs absolvierte sie ein Architekturstudium. In einer von Männern dominierten Branche musste sie sich immer wieder behaupten. Ihr Ziel war es, durch Architektur soziale Reformen voranzutreiben. Um die Lebensrealität der Arbeiterklasse besser zu verstehen, verschaffte sie sich selbst ein Bild von deren Wohn- und Arbeitsbedingungen. Ihre Erkenntnisse flossen in den städtischen Siedlungsbau ein, unter anderem in die Entwicklung sogenannter Kernhaus-Typen.
Die „Frankfurter Küche“ als Meilenstein. 1926 wurde Schütte-Lihotzky an das Hochbauamt der Stadt Frankfurt berufen. Dort lernte sie auch ihren späteren Ehemann, den Architekten Wilhelm Schütte, kennen. Gemeinsam arbeiteten sie an modernen Wohnsiedlungen – von Reihenhäusern bis hin zu größeren Wohnanlagen. Im selben Jahr entstand ihr wohl bekanntester Entwurf: die „Frankfurter Küche“. Das Konzept sah einen kleinen, funktional eingerichteten Raum vor, der arbeitssparend gestaltet und durch Serienfertigung kostengünstig produziert werden konnte. Die Innovation wurde zum internationalen Erfolg und setzte neue Maßstäbe für moderne Küchenplanung. Jahrzehnte später erhielt Schütte-Lihotzky dafür den IKEA-Preis.
Widerstand und Gefangenschaft. Von 1930 bis 1937 arbeitete das Architektenpaar in der Sowjetunion am Bau neuer Industriestädte. Schütte-Lihotzky entwickelte dort unter anderem Baukastensysteme für Kinderheime, damit Frauen weiterhin berufstätig bleiben konnten. Die Arbeit war jedoch durch Sprachbarrieren und schwierige Lebensbedingungen geprägt. Nach ihrer Emigration nach Istanbul engagierte sich das Paar im Widerstand gegen das NS-Regime. Als Mitglied der Kommunistischen Partei Österreichs reiste Schütte-Lihotzky später nach Wien, um politische Entwicklungen zu beobachten. Kurz vor ihrer Rückreise wurde sie von der Gestapo verhaftet und zu 15 Jahren Zuchthaus verurteilt. Erst 1946 kam sie wieder frei. Die beiden Referentinnen berichteten von den katastrophalen Zuständen ihrer Haft, der Fähigkeit, trotz Widrigkeiten durchzuhalten und Stärke zu zeigen.
Engagement bis ins hohe Alter. Auch nach dem Krieg arbeitete sie weiter als Architektin, obwohl ihr politisches Engagement ihr Berufsleben erschwerte. Projekte führten sie unter anderem nach China, Kuba und in die DDR. Gleichzeitig setzte sie sich unermüdlich für Frauenrechte sowie für die Erinnerung und Aufarbeitung der NS-Zeit ein. Margarete Schütte-Lihotzky starb im Alter von 101 Jahren. In Wien erinnert heute das MSL-Zentrum an ihr Leben und Werk – und an eine Frau, deren Ideen weit über die Architektur hinaus wirkten.