Rundschau - Oberländer Wochenzeitung
Reutte | Kultur | 21. September 2021 | Von Jürgen Gerrmann

„Innehalten gibt innen Halt“

Für das Projekt „Marterl modern“ hat sich die Reuttener Künstlerin Christine Schneider mit Studierenden der Freien Kunstakademie Nürtingen (FKN) zusammengetan – und dabei haben auch ihre Erinnerungen an die Baumfällaktionen in Reutte ihren Platz gefunden.   RS-Foto: Gerrmann
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Reutte  Von Jürgen Gerrmann
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„Marteln modern“ auf der Kirchwiese vor St. Anna in Reutte

Mal plakativ und mal rätselhaft, mal witzig und mal voller Traurigkeit, mal aus Keramik und mal aus Metall, mal gemalt und mal als Fotodruck: eine begeisternde Bandbreite haben die modernen Marterln, die zurzeit auf der Kirchwiese vor St. Anna aufgestellt sind – im Rahmen eines grenzübergreifenden Kunstprojekts der Reuttener Künstlerin Christine Schneider und Studierenden der Freien Kunstakademie Nürtingen (FKN).
Von Jürgen Gerrmann

An dieser Hochschule hat die Außerfernerin selbst studiert, und daher freute sie sich bei der Vernissage der dritten Veranstaltung im Rahmen der 32. Kulturzeit der Huanza am Samstagabend natürlich besonders über dieses kreative Miteinander, das man getrost als inspirierenden Brückenschlag zwischen Lech und Neckar zu verstehen vermag. Bereichert wurde dieser schöne Auftakt zur Ausstellung vom Chor Unus Mundus unter Leitung von Jeannine Howard.

URSPRUNG IM SÜHNEKREUZ. Christine Schneider machte dabei deutlich, dass man im österreichisch-bayerischen Raum unter einem Marterl eine Tafel mit einem Heiligenbild oder ein Kruzifix mit Inschrift verstehe, die Vorübergehende  an Unglücke, aber auch überstandene Gefahren erinnern solle. Das Zeichen am Wegesrand habe seine Wurzel in den Sühnekreuzen, die namentlich im Mittelalter ein gar nicht so seltenes Instrument waren (immerhin finden sich in Deutschland heute noch etwa 4000 davon) – und für damalige Zeit sogar ein fortschrittliches: Dadurch (und einer meist erklecklichen Geldzahlung parallel) vermochte man nämlich, der Todesstrafe zu entgehen. Im 17. Jahrhundert verwandelten sich dann diese Erinnerungen an Mord und Totschlag, an denen die Passanten möglichst für das Opfer beten sollten, in Glaubenszeugnisse, die laut Christine Schneider indes der Aufklärung ein Dorn im Auge waren. Erst nach dieser Epoche im Zeichen der Vernunft und des Verstandes sollten sie ihre Renaissance feiern – oft neben Wegen und an Kreuzungen: „Und diese Funktion als Wegzeichen passt ja prima zum Motto der aktuellen Kulturzeit – dem Kompass.“ Die Gedanken der Künstlerin wanderten auch zurück in die erste Phase der Umgestaltung des Reuttener Parkes: „Damals habe man aus Wut und Trauer und als Protest über die vielen schönen Bäume, die gefällt wurden, Holzkreuze aufgestellt. Ich habe allerdings nicht geahnt, dass ich drei Jahre später wieder mit dem Thema Kreuz konfrontiert werden würde.“

ZEICHEN AM WEGE. An der FKN seien die Marterl als Wegzeichen von der Stadt am Neckarufer gestalten worden. Studenten vom ersten bis zum letzten Semester hätten da mitgemacht, katholische wie (weitaus mehr) evangelische – und auch solche, die nichts (mehr) mit der Kirche zu tun hätten „und einfach nur ein künstlerisches Zeichen setzen wollten“. Und alle Studienrichtungen hätten mitgemacht – Malerei und Bildhauerei ebenso wie Keramik und Fotografie. Aus Christine Schneiders Augen leuchtete dabei die Begeisterung über diese Einrichtung, von der sie wie ihr großer Verwandter, der Maler Rudolf Wacker, einst über Weimar, wo er studiert hatte, sagen könne: „In Nürtingen hatte ich die schönste freie Zeit in meinem Leben – voller künstlerischer Freiheit und Inspiration. Und mit tollen Dozenten, die auf Augenhöhe mit den Studenten arbeiten.“ Uta Spiegel, die FKN-Repräsentantin an diesem Abend, schwelgte ebenfalls in Begeisterung: „Es ist einfach fantastisch, dass die Marterl schon nach ein paar Wochen ihren Weg nach Reutte gefunden haben!“ Auch diese Hochschule habe wegen Corona „merkwürdige Zeiten“ durchzustehen gehabt, drei Semester lang keinen Präsenzunterricht anbieten können und Lehre und Lernen per Zoom-Konferenz absolvieren müssen. Dann sei im Sommer der große „Rundgang“, die Jahresausstellung der studentischen Arbeiten, angestanden und man habe nicht gewusst, ob man die überhaupt vor Ort präsentieren könne oder auch dies ins Internet verlegen müsse: „Dann ging es aber doch – aber mit vielen strengen Auflagen.“ Die Konsequenz: „Wir mussten und wollten die Kunst hinaus zu den Menschen bringen.“ Diese Notlage erwies sich nun auch für Reutte als Segen: Der „Kunst-Weiser-Weg“ (so Uta Spiegel) aus dem Schwabenlande regt auch hier zum Nach-Denken an, auch wenn er sich nicht wie bei der Erstauflage durch die Stadt zieht, sondern die Kirchwiese kreativ umkreist. Es lohnt sich, Christine Schneiders Einladung zu folgen und sich die Dinge da in aller Ruhe und näher zu betrachten: „Dann sieht man richtig tolle Kleinigkeiten und Ideen (wie Objekte, die bei Berührung durch die Hand oder den Wind ins Klingen kommen), aber auch Spuren großen persönlichen Unglücks.“ Nicht zuletzt das kann auch unter die Haut gehen. Uta Spiegel ist daher die Leitidee des Innehaltens in der Hektik des Alltags als Gegenpol zum Durchhasten von Raum und Zeit ganz wichtig: „Denn Innehalten gibt innen Halt.“

INFO. Die „Marterln modern“ sind noch bis zum Samstag, 16. Oktober auf der Kirchwiese vor St. Anna zu sehen.
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