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Vielfalt der Genres

Begegnungen mit geschärftem Blick

Empfand Peggy Uhlich als Kind das obligatorische Innehalten am Gipfel nach anstrengendem Aufstieg als langweilig und hätte sie oft lieber gleich ihr Käsbrot gegessen, anstatt tief einzuatmen und den Blick übers Tal schweifen zu lassen, sind gerade diese Momente der Ruhe und der Beobachtung in ihrer Erinnerung heute überaus kostbar.
17. Feber 2026 | von Lisa Vaudreuil
Insgesamt 28 Künstler/innen stellen derzeit in der Galerie aus, 51 Werke wurden von Veronika Kunz und Lucie Sommer-Leix kuratiert. Foto: Vaudreuil
Kunst und Natur im Dialog. Seit 70 Jahren besucht sie schon das Tannheimer Tal, dessen Berge, Licht und Stille der Kunst eine außergewöhnliche Resonanz verleihen und die Galerie Augenblick, eingebettet in dieser einzigartigen Kulisse, empfindet sie mit vielen anderen Künstler/innen als einen ganz besonderen Ort.

Flüchtigkeit eines Augenblicks. Ein Ort, der Kunst nicht als Kulisse versteht, sondern dazu einlädt, hinzuschauen, zu verweilen, nachzuspüren. Ein Ort, der uns diesen einen Augenblick ermöglicht, der unseren Blick schärft, sich langsam oder plötzlich einem neuen Raum zu öffnen, der Dinge sichtbar werden lässt, die nicht für jeden zugänglich sind. Ein Augenblick, der trotz Flüchtigkeit alles verändern kann und in seiner Fülle an Kostbarkeiten veranschaulicht, wie belanglos der Faktor Zeit erscheint.

Dialog anstatt Starre. Derzeit eröffnet sich in der Galerie „Augenblick“ ein Raum, der seinem Namen alle Ehre macht: ein Moment des Innehaltens. Unter dem Titel „Vielfalt der Genres“ präsentiert der Berufsverband Bildender Künstlerinnen und Künstler Allgäu/Schwaben-Süd eine Ausstellung, die keinem starren roten Faden folgt. Stattdessen entsteht ein Dialog – mal leise, mal intensiv, manchmal irritierend – aber immer authentisch mit Mut zur eigenen Perspektive und der Wahrung der inneren Freiheit.
Vielfältigkeit. Die Bandbreite der gezeigten Arbeiten reicht von Acryl und Öl auf Leinwand und Holz, Pastellkreiden, Bleistift oder Tusche, Fotografien, Skulpturen aus Marmor bis hin zu experimentellen Techniken und Mischformen. Gerade diese Unterschiedlichkeit ist kein Nebeneffekt, sondern das eigentliche Konzept der Schau. Die Künstler/innen verfolgen keine gemeinsame Stilrichtung, sondern teilen vielmehr eine Haltung: Kunst als individuelle Form der Wahrnehmung und Verarbeitung von Welt und der Bereitschaft, sich auf diesen offenen Raum einzulassen.
Einige Werke begegnen den Besucherinnen unmittelbar emotional. Farbflächen, die sich beinahe körperlich erfahren lassen, stehen neben fein gearbeiteten, fast kaum von Fotografien unterscheidbaren Ausführungen. Andere Arbeiten wirken erzählerisch – Fragmente von Erinnerung, Naturbeobachtung, gesellschaftliche Reflexion treten hervor, ohne sich vollständig zu erklären. Die Betrachterin wird dabei nicht belehrt, sondern eingeladen: hinzusehen, zu verweilen, eigene Assoziationen zu entwickeln.

Zur Adoption freigegeben. Gerade darin liegt die Stärke der Ausstellung – künstlerische Vielfalt als Realität. Unterschiedliche Generationen, Arbeitsweisen und Perspektiven treffen aufeinander. Was verbindet, ist nicht der Stil, sondern die Ernsthaftigkeit des künstlerischen Arbeitens – hier werden Kinder geboren, durch harte Arbeit, nach vielen enttäuschten Versuchen, mit Inspiration und Nachdenken erschaffen, Kunstwerks-Kinder von denen man sich unschwer trennt, um dann doch Genugtuung zu erfahren, wenn sie neue Heimat finden.  Die Galerie Augenblick bietet hierfür den passenden Rahmen. Der überschaubare Raum zwingt nicht zur Distanz, sondern ermöglicht Nähe. Man steht den Arbeiten direkt gegenüber; sie lassen sich nicht nur betrachten, sondern beinahe begegnen.

Nichts für Schnelle. „Vielfalt der Genres“ ist daher weniger eine Ausstellung, die man schnell konsumiert, sondern eine, die sich langsam entfaltet. Wer sich Zeit nimmt, merkt, dass sich zwischen den Werken Beziehungen aufbauen — Kontraste, Resonanzen, manchmal sogar überraschende Übereinstimmungen.
Am Ende verlässt man die Galerie nicht mit einer eindeutigen Interpretation, sondern mit etwas Wertvollerem: einem geschärften Blick. Und vielleicht genau das ist die eigentliche Aufgabe von Kunst — nicht Antworten zu geben, sondern Wahrnehmung zu öffnen.

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