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Ein Engel macht Halt auf Ehrenberg

Das weltweit erste Denkmal für das behinderte Leben setzt ein Zeichen in der Burgenwelt

Mit einer würdevollen Feier wurde am Mittwoch, dem 22. Oktober 2025, in der Burgenwelt Ehrenberg die 2,30 Meter große Engels-skulptur „Natascha“ empfangen – das weltweit erste Denkmal für das behinderte Leben. Eingeladen vom Verein RollOn Austria und der Burgenwelt, steht der Engel mit gebrochenem Flügel als Symbol für Inklusion, Wertschätzung und Menschlichkeit. Im Mittelpunkt der Veranstaltung: Klare Worte, starke Botschaften – und vor allem eine Stimme, die besonders bewegte: Marianne Hengl.
27. Oktober 2025 | von Johannes Pirchner
Ein Engel macht Halt auf Ehrenberg<br />
Zwei Landsknechte stellten die Ehrenwache für Engel Natascha. Dekan Franz Neuner, Reuttes Bürgermeister Günter Salchner, Marianne Hengg und Obmann Armin Walch (2. bis 4. v. l.) entzündeten den Engel und hießen ihn auf Ehrenberg willkommen. RS-Foto: Pirchner
Den Auftakt der Feierlichkeiten machte Armin Walch, Obmann der     Burgenwelt Ehrenberg. In seiner Begrüßung stellte er klar: „Ein Engel mit nur einem Flügel hat das Recht, ein geschätzter Teil unserer Gesellschaft zu sein.“ Walch, seit Jahren engagiert für die barrierefreie Gestaltung des historischen Areals, würdigte die Skulptur als „sichtbares Zeichen für gelebte Inklusion“. Er verwies auf bereits realisierte Maßnahmen, wie die Hängebrücke Highline179 oder die rollstuhltaugliche Zipline Dragonfly: „Unsere Festung war einst uneinnehmbar – heute wollen wir sie für alle Menschen öffnen.“ Der Engel, so Walch, solle gerade in einer krisengebeutelten Zeit Hoffnung spenden und „uns erinnern, dass auch ein gebrochener Flügel leuchten kann“. Reuttes Bürgermeister Günter Salchner knüpfte daran an und rückte das Thema Barrieren ins Zentrum seiner Worte – nicht nur bauliche, sondern gesellschaftliche: „Vielleicht ist es unser Blick, der nicht perfekt ist. Der Engel erinnert uns daran, dass jeder Mensch das Recht hat, sich zu entfalten.“ Salchner würdigte die Region als bereits weit fortgeschritten, was Barrierefreiheit betrifft – mahnte aber auch, dass es noch viel zu tun gäbe: „Lieber Engel, öffne unsere Augen und unsere Herzen – für eine Welt, in der jeder Mensch Platz hat.“

EINE STIMME, DIE BEWEGT. Im Mittelpunkt des Abends: Marianne Hengl, Obfrau von RollOn Austria – mit einer Rede, die weit mehr war als ein Grußwort. Sie war ein Weckruf, leidenschaftlich, unmissverständlich und zutiefst menschlich. „Wir sind nicht die Ärmsten der Armen. Wir sind Menschen mit Aufgaben, mit Fähigkeiten, mit Würde“, sagte sie gleich zu Beginn – und berührte damit nicht nur die Herzen, sondern auch das politische Gewissen vieler Anwesender.Hengl sprach offen über strukturelle Benachteiligung – und darüber, wie tief Diskriminierung oft verwurzelt ist. Besonders deutlich wurde das in ihrer Kritik an §97 b des österreichischen Strafgesetzbuchs, der die Abtreibung eines behinderten Kindes bis einen Tag vor der Geburt erlaubt. „Wir sind in Österreich ein Schadensfall. Und das beginnt schon im Mutterleib“, sagte sie. Als Beispiel nannte sie den Fall eines kleinen Jungen in Vorarlberg, der noch vor seiner Geburt gerichtlich als Schadensfall eingestuft wurde – und dessen Eltern gegen diesen Umgang klagten. „Was fällt euch überhaupt ein, einen Menschen so zu bezeichnen?“, fragte Hengl – und erinnerte damit eindringlich daran, wie tief verletzend Sprache und Gesetze sein können. Doch damit nicht genug. Ebenso entschlossen wandte sie sich gegen geplante Kürzungen bei der Behindertenhilfe im Bundesland Tirol. In ihrem geliebten Tirol, so Hengl, sollten Leistungen für schwerstbehinderte Menschen um bis zu 15 Prozent gekürzt werden – „und das in einem Land, das sich sonst so fortschrittlich gibt!“ Wochenlang begleitete sie Sitzungen im Landtag, führte Gespräche mit politischen Entscheidungsträgern – und konfrontierte dabei auch den Landeshauptmann Anton Mattle direkt: „Du bist ein werteorientierter, warmherziger Mensch – dann setz dich bitte durch!“ Dass diese Kürzungen in letzter Minute verhindert werden konnten, wertete sie nicht als politischen Sieg, sondern als Akt der Menschlichkeit. „Wir sind keine Kos-tenfaktoren. Wir sind Menschen, mit Herz, mit Verstand, mit Lebensaufgaben. Und wir haben das Recht, als solche gesehen zu werden.“ „Ich will nicht Gas geben müssen für unser Leben. Ich will nicht kämpfen müssen, um als Mensch gesehen zu werden. Ich will einfach dazugehören – wie alle anderen auch.“ Ihr Appell war eindringlich, aber nie verbittert. Vielmehr war er getragen von einer tiefen Liebe zum Leben – und einem unbeugsamen Einsatz für Gerechtigkeit. Sie würdigte das Außerfern als besonderen Ort echter Offenheit: „Hier spürt man, dass man als Mensch mit Behinderung wirklich gemeint ist – nicht als Sonderfall, sondern als Teil des Ganzen.“

DER ENGEL NATASCHA. Die Geschichte des Engels ist eng mit Hengl selbst verbunden. Die Skulptur wurde mit Unterstützung von Swarovski geschaffen – und trägt den Namen „Natascha“, benannt nach einem Mädchen, das Schweres erlebte, aber nie aufgab. „Als ich erfuhr, dass ‚Natascha‘ vom Lateinischen „dies natalis“ (Tag der Geburt) – ‚an Weihnachten geboren‘ – kommt, war klar: Das ist ihr Name“, erzählt Hengl. Weihnachten – ein Symbol für Licht, Liebe und neues Leben. So wie dieser Engel mit nur einem Flügel. Papst Franziskus hatte die Skulptur 2019 persönlich gesegnet. Er ernannte Hengl zur „Botschafterin des behinderten Lebens“. Diese Rolle nimmt sie sichtbar ernst: „Wenn jemand unser Leben in Frage stellt, dann bekommt er es mit mir zu tun – und mit all den RollOn-Engeln, die hinter mir stehen.“

SEGEN DES VERTRAUENS. Den geistlichen Höhepunkt des Abends setzte Dekan Franz Neuner, der die Skulptur und alle Anwesenden segnete. In seiner Ansprache erinnerte er an die Kraft der Worte „Fürchte dich nicht!“ – Ein Satz, der laut Neuner 365 Mal in der Bibel steht: „Für jeden Tag des Jahres einmal.“ Er spannte den Bogen vom christlichen Menschenbild zur gesellschaftlichen Verantwortung: „Wenn Gott Mensch wird, dann ist jedes Menschsein gewürdigt.“ Der Engel, so Neuner, stehe für das, was Menschen füreinander sein können: Begleiter, Stütze, Licht. Sein Segen galt allen, „die sich für Würde, Teilhabe und Menschlichkeit einsetzen – im Alltag, in der Politik, in der Seele.“ ür die musikalische Gestaltung sorgte die Ziehharmonika-Spielerin Lea Storf aus Wängle, die mit gefühlvollen Klängen den Ton des Abends traf. Die Formation Quantum Prost begleitete stimmungsvoll den Ausklang im Gasthof Salzstadl, wo sich Gäste, Mitstreiter und Unterstützer zu persönlichen Gesprächen trafen. Eine Abordnung der Landsknechte verlieh dem Abend his-torischen Glanz – samt einem scherzhaften Seitenblick von Armin Walch: „Der Engel ist gut bewacht.“

MEHR ALS EIN DENKMAL. Der Engel „Natascha“ bleibt nun für mehrere Wochen in der Burgenwelt Ehrenberg. Er steht nicht auf einem Podest – er steht mitten unter den Menschen. Als Symbol, als Einladung, als Erinnerung. Marianne Hengl hat Reutte nicht nur eine Statue gebracht, sondern eine Haltung: Eine Haltung des Ja-Sagens zum Leben in all seinen Formen. Mit Klarheit, Wärme und Mut.

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