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Sehen mit dem Herzen

Mit der heurigen Blindenwanderung schreibt der Lions Club Reutte seine Erfolgsgeschichte fort

Wenn der Rucksack plötzlich zum Hightech-Navi der besonderen Art, die eigene Stimme zur Landschaftsbeschreibung und das Vertrauen zum verlässlichen Kompass wird, dann ist es wieder so weit: Die 46. Blindenwanderung des Lions Clubs Reutte hat ein neues Kapitel geschrieben und steht als Paradebeispiel für gelebte Kameradschaft, bei der auch Sehende viel von Nichtsehenden lernen konnten.

Bruno Dengg
27. Oktober 2026
Nicht gesehen und trotzdem intensiv erlebt: „Berge und Seen im Herbst“ in Reutte. Die Teilnehmer der Blindenwanderung waren begeistert.
Drei Tage lang verschmolzen vor Kurzem Sehbehinderte und Sehende im Rahmen dieser Veranstaltung zu einer starken Gemeinschaft, in der nicht nur Höhenmeter bezwungen, sondern auch Horizonte erweitert wurden. Die „Kultveranstaltung“ zeigte erneut, dass wahre Naturerlebnisse nicht vom Sehvermögen abhängen, sondern von Begegnungen geprägt sind, bei denen Herz und Vertrauen den Takt angeben, um unvergessliche Momente zu erleben.

EIN ANSPRUCHSVOLLES EVENT … benötigt nicht nur langjährige Erfahrung, sondern auch eine halbjährige Vorlaufzeit. Die 46. Blindenwanderung des Lions Clubs Reutte, für deren Organisation und Durchführung Hansjörg Schimpfössl, Wolfgang Köck und Birgit Seitz verantwortlich zeichneten, stand unter dem Motto „Berge und Seen im Herbst“. Der Lions Club Reutte hat sich durch sein jahrzehntelanges Engagement im Kreis der Blinden und Sehbehinderten europaweit einen Namen gemacht. Das führte dazu, dass die Veranstaltung der „Löwen“ bereits kurz nach der Ausschreibung über den Verband ausgebucht war. Leider konnten nicht alle Anmeldungen berücksichtigt werden. Einerseits steht die Sicherheit an oberster Stelle, andererseits wünschen sich die Teilnehmer eine kleine Gruppe mit 1:1-Betreuung. Künftig ist daher vorgesehen, die Teilnehmerzahl auf 25 zu begrenzen. An der diesjährigen Herbstwanderung nahmen 19 externe Personen – davon 9 Blinde, 5 Sehbehinderte und 5 sehende Begleiter – teil. Sie reisten selbstständig mit der Bahn von München bzw. Wien nach Reutte bzw. Innsbruck an. Am Ende des Anreisetages wurde im Hotel Goldener Hirsch eingecheckt und die Zimmer für die kommenden vier Tage bezogen.

GRÖSSTE HOCHACHTUNG … verdienen die Teilnehmer. Die Lions aus Reutte durften während dieser Tage Freundschaften mit Personen im Alter von 40 bis 80 Jahren schließen. Darunter waren Menschen, die voll im Berufsleben stehen, ebenso wie Pensionisten, die fit wie ein Turnschuh sind. Sie sind mobil, voller Lebensfreude, unternehmen Reisen und sind das ganze Jahr über unterwegs. Präsident Christian Zahedi war höchst beeindruckt davon, was Blinde und Sehbehinderte alles können: Sie sind in der Lage, Stimmen zuzuordnen, sehen auf ihre eigene Art und Weise, beherrschen technische Hilfsmittel wie z. B. Smartwatches perfekt, senden WhatsApp-Nachrichten, nutzen die Spracheingabe bei der Zimmersuche, machen Geodashing und verwenden Hörbücher, die sie mit bis zu achtfacher Geschwindigkeit wahrnehmen. Sein Fazit: „Wir können von den Blinden lernen.“

EIN ANSPRUCHSVOLLES PROGRAMM. Die erste gemeinsame Wanderung zum Kennenlernen und Überprüfen der persönlichen Fitness führte die Gruppe zum Sintwag und zurück. Interessante Details zur Naturparkregion Reutte rundeten den ersten Tag ab. Am zweiten Tag stand die Wanderung „Bergwelt-Hahnenkamm Reutte“ auf dem Programm. Dabei konnte zwischen der anspruchsvollen, 7 bis 8 km langen Strecke Holz – Schneetalalm und dem 5 bis 6 km langen Höhenweg Bergstation – Hahnenkammgipfel gewählt werden. Am Sonntag, dem letzten Tag vor der Abreise, konnte entweder der lange Marsch Stuibenfälle – Seespitz – Plansee-Panoramaweg – Musteralpe (10 km) oder die kürzere Strecke Seespitze – Plansee – Musteralpe (5 km) in Angriff genommen werden. Der Sonntagabend stand im Zeichen der Abreiselogistik, des geselligen Miteinanders und des Schließens von Freundschaften. Alles in allem war die 46. Blindenwanderung des Lions Clubs Reutte eine unvergessliche Erfahrung und eine Bereicherung für Sehende, da sich vieles im Leben relativiert. Wenn Vertrauen den Weg weist und Worte zu Bildern werden, schrumpfen selbst die steilsten Höhenmeter und längsten Wege zu einem gemeinsamen Abenteuer für alle Beteiligten.
Sehen mit dem Herzen
Den Abschluss der diesjährigen Blindenwanderung des Lions Clubs Reutte bildete eine gemeinsame Bootsfahrt auf dem Plansee. Fotos: Ernst Herzinger

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