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Stanzach kämpft für seinen Namlosbach

Bürgerinitiative in Stanzach für den Erhalt des „Naturjuwels Namlosbach“ gegründet

Seit einiger Zeit bewerben die E-Werke Reutte ihr Programm „Optimierung der Kraftwerkskette Plansee“. Teil davon ist das Projekt zur Nutzung des Namlosbaches für die Gewinnung von Elektrizität. Laut Presseaussendungen der EWR sollen dem Bach 50 % des Wassers entzogen und in Richtung Plansee geleitet werden. Den Unterlagen zufolge sollen dem Namlosbach allerdings 80 % seines Wassers entzogen werden. Viele Experten sehen dieses Projekt äußerst kritisch. Nun kämpft eine Stanzacher Bürgerinitiative für den Namlosbach.

Markus Arzl
8. September 2026
Stanzach kämpft für seinen Namlosbach
Der Namlosbach steht im Mittelpunkt der aktuellen Diskussion um die geplante Wasserableitung. Foto: Arzl
Die EWR betonen aktuell auch gegenüber der Presse immer wieder, für wie wichtig sie den Ausbau der Wasserkraft und der Stromspeichermöglichkeiten in Form von Pumpspeicherkraftwerken erachten. Auch die Wirtschaftskammer würde einen etwas höheren Selbstversorgungsanteil mit Elektrizität im Außerfern sehr begrüßen. Bei der „Optimierung der Kraftwerkskette Plansee“ geht es hauptsächlich um „Repowering“, also den Austausch relevanter Teile eines bestehenden Kraftwerkes. Dies begrüßt auch die Bürgerinitiative ausdrücklich. Die Anlagen sind teils mehr als 60 Jahre alt. Durch eine Modernisierung kann die Energieausbeute aus den bereits bestehenden Eingriffen in die Natur erhöht werden. Doch die Neufassung eines Wildflusses in bestem Erhaltungszustand, der außerdem durch das Schutzgebiet Natura 2000 geschützt ist, sieht auch der Landesumweltanwalt für Tirol, Johannes Kostenzer, als Überschreitung einer roten Linie. Auch er kündigte massiven Widerstand an. Nun formiert sich auch im Lechtal Widerstand. Letzten Montag stellte sich die „Bürgerinitiative Namlosbach“ bei einer Pressekonferenz öffentlich vor. Sie wurde im August 2026 gegründet und hat den „Bluatschink“ Toni Knittel zu ihrem Sprecher auserkoren. Schon in der kurzen Zeit ihres Bestehens konnte die Initiative mit dem WWF und Toni Innauer professionelle und prominente Unterstützer gewinnen. Zudem hat auch die NGO „Wildwasser erhalten Tirol“ Widerstand angekündigt.

SOFORTIGER STOP. „Wir fordern den sofortigen Stopp des Projektes Ableitung Namlosbach“ – so das erklärte Ziel der Bürgerinitiative. Als Begründung erklärte Toni Knittel: „Wir dürfen den Schutz unserer einzigartigen Wildflusslandschaft nicht dem nächsten Krafwerksprojekt unterordnen, für das es längst naturverträgliche Alternativen gibt.“ Erschrocken war die Bürgerinitiative auch, als sie vor wenigen Wochen in der Presse las, dass es weitere Ausbaupläne im Lechtal – nämlich am Höhenbach in Holzgau – gäbe. Zu bedenken ist auch, dass in einem Wildflusssystem große Teile des Wassers unterirdisch durch den Schotter fließen. Wenn einem Bach zu viel Wasser entzogen wird, kann dies also dazu führen, dass er teilweise oberirdisch trockenfällt. Auch dies bedeutet große Nachteile für Flora und Fauna und natürlich auch für die Fische.

BESSERE ALTERNATIVEN. „Das Kraftwerksprojekt am Namlosbach ist eine Mogelpackung: Zur Sanierung des Rotlechs soll ein intakter Bach in einem Natura-2000-Gebiet geopfert werden. Das ist weder naturverträglich noch zeitgemäß. Zusätzlicher Strom lässt sich mit Photovoltaik und Speichern auf bereits verbauten Flächen schneller, günstiger und ohne einen wertvollen Naturraum zu zerstören erzeugen.“ Dr. Reinhard Uhrig vom WWF und Vorstand des Naturparks Tiroler Lech verwies auf die längst verfügbaren naturverträglichen Alternativen. „Neue Erneuerbare wären viel schneller umsetzbar.“ Nur 25 MW an Photovoltaik würden die Wasserableitung ersetzen. Diese könnten beispielsweise auf den Dächern der Stanzacher Häuser errichtet werden.

DER LECH. Der Tiroler Lech und seine Zuflüsse bilden eines der bedeutendsten Wildflussgebiete Mitteleuropas. Die Initiative warnt davor, mit einer ersten Ableitung die Tür für weitere Eingriffe zu öffnen. Bereits öffentlich kommunizierte Ausbauvorhaben, unter anderem am Höhenbach in Holzgau, würden zeigen, dass es nicht nur um ein einzelnes Projekt gehe. Das geplante Ableitungsprojekt berührt aus Sicht der Bürgerinitiative einen der wertvollsten und sensibelsten Flussräume Mitteleuropas. Der Tiroler Lech und seine Zuflüsse bilden ein einzigartiges, weitgehend naturnahes Wildflusssystem.

WASSER UND GESCHIEBE. Eine Verringerung der Wasserführung des Namlosbaches würde nicht nur den Bach selbst verändern, sondern könnte auch die natürliche Dynamik des nachfolgenden Flusssystems beeinflussen. Denn ein Gewässer besteht nicht nur aus Wasser, sondern auch aus Sedimenten und Geschiebe. Wenn einem Bach die Kraft fehlt, größere Steine zu bewegen, verändert sich die Natur des Baches grundsätzlich – im Namlosbach selbst und auch im Lech.

GÜTEKLASSE EINS. Von der Schlucht aufwärts ist der Namlosbach mit der Güteklasse 1 in bestem Zustand. Wo er allerdings durch Stanzach fließt und insbesondere bei der Einmündung in den Lech, wurde er schon vor vielen Jahrzehnten zum Zweck des Hochwasserschutzes wenig rücksichtsvoll verbaut, was den Bach an dieser Stelle auf Güteklasse 3 degradiert hat. Aufgrund des gesetzlichen Verbesserungsgebotes für Gewässer werden hier demnächst öffentliche Gelder investiert, um den Hochwasserschutz moderner und naturverträglicher zu gestalten. Insgesamt wurden in den letzten Jahren fast 20 Millionen Euro in große Renaturierungsprojekte am Lech investiert. Dadurch wurde der Lech erst zu dem Juwel, das er heute ist und das die Grundlage des Sommertourismus im Lechtal und in großen Teilen des Außerferns darstellt. Diese mit viel Mühe und viel Geld geschaffene „Marke Lech“ darf nach Ansicht von Sprecher Toni Knittel auf keinen Fall beschädigt werden.

KLARE TABUZONE. „Ein geschütztes Naturjuwel, wie den Namlosbach, zu zerstören, um Strom zu erzeugen, ist angesichts zunehmender Wasserknappheit der falsche Weg. Die Wildflusslandschaft Tiroler Lech mit ihren Zubringern ist von unschätzbarem Wert – für uns und für kommende Generationen. Was über Jahrtausende unsere Landschaft geformt und belebt hat, darf nicht kurzfristigen Interessen geopfert werden. Diese einzigartige Natur- und Lebensraumzone ist eine Tabuzone. Der Tiroler Lech braucht unseren Schutz – nicht seine Verbauung“, verdeutlicht Toni Innauer, Olympiasieger im Schisprung und leidenschaftlicher Fliegenfischer. „Optimierungen an bestehenden Kraftwerksanlagen begrüßt unsere Initiative ausdrücklich. Die Ableitung des Namlosbaches lehnen wir ab.“Nur 14 % unserer Gewässer weisen die Güteklasse 1 auf, das heißt, 86 % sind bereits in irgendeiner Form verbaut und verschlechtert. Etwas so Idyllisches wie den Namlosbach gibt es nur sehr selten. Uhrig vom WWF bezeichnet den Namlosbach als „unpackbar schön“. Ein Video über den Namlosbach ist auf der Seite der Bürgerinitiative (www.namlosbach.at) zu sehen. „Wir lassen uns unser Wasser nicht abgraben. Der Namlosbach gehört zur Seele unseres Dorfes und muss als freier Wildbach für zukünftige Generationen erhalten bleiben.“ – Bürgerinitiative Namlosbach, Stanzach, Tirol Die Bürgerinitiative Namlosbach freut sich über viele neue Mitglieder sowie über jeden Eintrag auf ihrer Unterschriftenliste, die letztes Wochenende übrigens die Marke von 2000 Unterschriften knacken konnte.

FRAGEN AN EWR. Die Stanzacher Initiative hat den EWR einen Fragenkatalog zukommen lassen. Dieser sowie viele weitere Informationen und eine Unterschriftensammlung sind auf der Seite der Petition zu finden. Die RUNDSCHAU wird Sie auf dem Laufenden halten.

 
Der Lech ist Wildfluss des Jahres 2026. Denn er zählt zu den letzten großen Wildflüssen Österreichs. Seine Seitenarme, wilden Ufer sowie regelmäßig umgelagerten Kies-und Schotterflächen bieten seltenen Tierarten wertvolle Lebensräume. Projekte wie die geplante Ableitung großer Wassermengen in Richtung des Rotlechspeichers setzen das System Lech jedoch unter Druck.

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