Rundschau - Oberländer Wochenzeitung
Telfs | Chronik | 7. Feber 2022 | Beatrice Hackl

„Zumutbarkeitsgrenze überschritten“

„Zumutbarkeitsgrenze überschritten“
Karoline Zorzi leitet die Seefelder Kinderkrippe und den Kindergarten. Dort seien die Bedingungen gut, aber das habe Seltenheitswert, weshalb sich die Elementarpädagogin mit ihrem Team für andere stark macht und Grundsatzveränderungen fordert. Fotos: privat
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Elementarpädagogin Karoline Zorzi veranschaulicht im RUNDSCHAU-Gespräch die problematische Gesamtsituation

Die Seefelder Kinderkrippe und der Kindergarten werden seit 2018 von Karoline Zorzi geleitet. Im RUNDSCHAU-Gespräch artikuliert die Elementarpädagogin ihren Unmut über die aktuellen Gegebenheiten. Sie und ihre Kollegen fordern, dass ihre Anliegen endlich gehört und entsprechende Reformen auf Schiene gebracht werden. Unglaublich, aber anscheinend wahr: Bereits seit 1999 wird ein einheitliches Bundesgesetz gefordert, und dennoch blieben die Probleme bis heute ungehört. „Aufgrund der unterschiedlichen Träger gibt es keine Lobby. Nun haben sich erstmals unterschiedliche Gewerkschaften zusammengeschlossen und zwar über die Bundesländer hinaus. Das gab für mich die Initialzündung und weckte neuen Mut“, berichtet Zorzi.
Von Beatrice Hackl

„Bereits die Bezeichnung Kinderbetreuung ist Teil des Problems. Der Begriff ist rückständig und irreführend. Wir sind viel mehr als Aufbewahrungsstätten. Kindern wird in Kinderkrippen, Kindergärten und Horten frühkindliche Bildung zuteil. Die Betonung liegt hierbei auf Bildung“, unterstreicht Zori: „Kinder erwerben soziale Kompetenzen, werden selbstständiger und lernen von anderen Kindern. In den Einrichtungen finden sie zudem eine ideale Umgebung vor: Von selbstwirksamen Räumen bis hin zu pädagogischen Spielutensilien. Zudem setzt das Personal je nach Entwicklungsstand entsprechende Lernangebote.“ Die dringlichste Forderung betrifft das aktuelle Fehlen einer zentralen Zuständigkeit. „Unsere Berufsgruppe muss endlich dem Bildungsministerium zugeordnet werden. Das wäre allen weiteren Forderungen zuträglich – der Reformierung der Ausbildung, einheitlichen Qualifikationen und Berufsbezeichnungen, der Anerkennung der Bildungsarbeit, der Vereinheitlichung des Mindeststandards, wie etwa der Betreuungsschlüssel, der Anhebung der Gehälter und dergleichen“, ist die Seefelderin überzeugt.

Ungleiche Rahmenbedingungen. „Es braucht dringend eine Veränderung der Zuständigkeit. In jedem Bundesland findet man andere Rahmenbedingungen vor und selbst innerhalb von Tirol sind Mitarbeiter von Kinderkrippen- und Kindergärten entweder bei Gemeinden oder bei privaten Trägern angestellt. Die Rahmenbedingungen hängen vielerorts von der Finanzkraft der jeweiligen Gemeinde ab. Zahlreiche Kommunen können sich einfach keine Kinderkrippe oder Hort leisten. Dadurch entsteht ein Ungleichgewicht und das, obwohl gleiche Bildungschancen ein Kinderrecht sind. Das ist in vielerlei Hinsicht problematisch“, verdeutlicht Karoline Zorzi die vorherrschende Schieflage.

Seit 1999 ist nichts passiert. „Als Leiterin der Seefelder Kinderkrippe und des Kindergartens kann ich mich nicht beschweren. Uns geht es besser als vielen unserer Kollegen“, schildert Zorzi ihre glückliche Lage. Aber sie selbst könne nur aufgrund dieses Umstandes die nötige Kraft für den Kampf rund um eine Verbesserung der Elementarpädagogik aufbringen. „Andere sind so überm Limit, sind so am Ende, dass sie keine Ressourcen mehr haben, um für die längst überfälligen Veränderungen einzutreten. Bereits seit 1999 existieren die Forderungen auf dem Papier und dennoch sind sie nie im Parlament behandelt worden. Das ist ein Skandal. Durch Corona hat sich die Situation natürlich extrem zugespitzt und wir haben als Team entschieden aktiv zu werden. Wir haben über 400 Horte und Krippen angeschrieben. Die Rückmeldungen spiegeln die Erschöpfung des Personals wider – sie ‚könnten das nicht auch noch leisten‘. Sie hätten weder die Zeit, noch die Kraft dafür. Spätestens da müssten doch alle Alarmglocken schrillen. Es verhält sich im Grunde ähnlich wie mit den Pflegeberufen. Die Menschen werden nicht gesehen, nicht wertgeschätzt und brennen mit der Zeit aus oder verlassen das System.“ Zorzi hat früher in an der Bildungsanstalt für Elementarpädagogik in Zams unterrichtet und dabei Beunruhigendes festgestellt: „Für viele der Schüler war bereits während ihrer Ausbildung klar, dass sie aufgrund der Rahmenbedingungen später nie in dem erlernten Beruf arbeiten wollen. Und jene, die es dennoch tun, hängen den Job nach wenigen Jahren an den Nagel.“

Feuer und Flamme für Verbesserungen. „Der österreichische Staat scheint nicht dazu bereit zu sein, für Kinder und Familien Geld in die Hand zu nehmen. Wir schaffen nicht, was in anderen EU-Ländern gang und gäbe ist. Österreich hätte eigentlich die finanziellen Mittel, aber es ist eine Frage der Ressourcenverteilung. Es brodelt schon lange, und Corona hat alles noch verschärft und beschleunigt. Zwar wollten wir während der Krise keine Forderungen stellen, aber nun können wir nicht mehr länger warten – es braucht jetzt dringend Grundsatzveränderungen. Gemeinsam mit dem ‚NeBÖ‘ (Netzwerk elementarer Bildung Österreich) wollen wir dies erreichen und dabei füreinander eintreten.“
 
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