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Die Menschheit hat den Verstand verloren

Berührender, eindrucksvoller Abend in der Bücherei Telfs mit Lisa Hörtnagl und Frajo Köhle

Das diesjährige Literaturfestival fabula rasa in Telfs stand ganz im Zeichen des Zitates von Astrid Lindgren: „Die Menschheit hat den Verstand verloren.“ Das Festivalprogramm spannte einen Bogen von der Gegenwart über die Vergangenheit bis in die Zukunft. Schauspielerin Lisa Hörtnagl las im Zuge der Literaturtage aus den Tagebüchern der Astrid Lindgren, welche sie im Zweiten Weltkrieg verfasste. Musikalisch umrahmt von Frajo Köhle entwickelte sich ein eindrucksvoll berührender Abend.
30. September 2025 | von Friederike Hirsch
Die Menschheit hat den Verstand verloren
Die Tiroler Schauspielerin Lisa Hörtnagl und Musiker Frajo Köhle schufen rund um die Tagebücher Astrid Lindgrens einen berührend, kraftvollen Abend, der in Erinnerung bleibt. Foto: Hirsch
Das Literaturfestival fabula rasa erfindet sich jedes Jahr neu. Ziel ist es, Menschen jeden Alters für Literatur zu begeistern, Genregrenzen zu überwinden und Begegnungen zu schaffen. Jedes Jahr wählt das Festivalteam ein Motto, das den Zeitgeist aufgreift und berührt. 2025 lautet dieses Motto „Die Menschheit hat den Verstand verloren“ – ein Satz aus den Tagebüchern Astrid Lindgrens. Zugleich liefert das heurige fabula rasa einen Beitrag zum diesjährigen Jahr „80 Jahre Kriegsende“.  Bei diesem 4. Literaturfestival spannte das Team einen Bogen von der Gegenwart über die Vergangenheit bis in die Zukunft. Das Festival zeigt auch, dass es in einer scheinbar verstandslosen Welt Hoffnung gibt, selbst dann, wenn die Menschheit immer und immer wieder den Verstand verliert. Gestartet wurden die Tage mit Poetry-Slam, mit Hirn, Herz und einer Prise Wahnsinn – ein Abend, der die Gegenwart spiegelte. Die Zukunft wurde eingeläutet mit einer Kinderlesung und „Roman & Julia: eine KI-Lovestory“. Die Vergangenheit galt den Tagebüchern der Astrid Lindgren.

MEHR ALS TAGEBUCHLESUNG. Die wunderbare Schauspielerin Lisa Hörtnagl verlieh Astrid Lindgrens Tagebüchern aus dem Zweiten Weltkrieg nicht nur eine Stimme, sondern ließ die zahlreichen Besucher regelrecht eintauchen in eine Welt, die wir uns nicht (mehr) vorstellen können. Lindgrens Tagebuch beginnt am 1. September 1939 mit den Worten „Oh! Heute hat der Krieg begonnen. Niemand wollte es glauben.“ Danach dokumentiert sie mithilfe von Zeitungsartikeln und Briefen die Ereignisse des Krieges. Dabei geht sie jedoch nicht nur auf die Bedrohung durch Hitler, sondern auch die von Stalin ein, als Letzterer zum Beispiel Finnland angreift. Als sie anfing, das Tagebuch zu schreiben, war Lindgren 32 Jahre alt und lebte mit ihrem Ehemann Sture Lindgren und ihren beiden Kindern in Stockholm. Sie war zu dieser Zeit als Sekretärin im Königlichen Automobilclub tätig. Bis auf einige Kurzgeschichten in Zeitungen hatte Lindgren noch nichts veröffentlicht. Im Jahr 1940 erhielt sie einen neuen Job, in dem sie im Auftrag des schwedischen Nachrichtendienstes deutsche Briefe las. Durch diesen Job erhielt sie noch tiefere Einblicke in das Kriegsgeschehen, welche sie auch in ihrem Tagebuch wiedergab. Lisa Hörtnagl las die ausgewählten Texte nicht nur, sie füllte sie mit Emotionen und Leben. Musikalisch umrahmt von Frajo Köhle entfaltete sich ein eindrucksvoller Abend, der nicht nur berührte, sondern eine zeitlose Wahrheit offenbarte: „Die Menschheit hat den Verstand verloren.“

DER BLICK DER LINDGREN. Während des gesamten Zweiten Weltkriegs schrieb Astrid Lindgren Tagebuch, in dem sie über das alltägliche Leben in Stockholm und die Geschehnisse in der Welt berichtete. Insgesamt wurden 17 Tagebücher in Buchform veröffentlicht. Ein einzigartiges Dokument von einem ganz normalen Menschen und einer der weltweit berühmtesten Schwedinnen. Wir, die so viel und doch so wenig über den Zweiten Weltkrieg und das alltägliche Leben darin wissen, bekommen durch Astrid Lindgren eine Ahnung, wenn auch nur eine Ahnung, aus der Sicht einer Frau, die den Krieg in der Neutralität Schwedens erlebte. Gerade diese Perspektive aus der Sicherheit heraus lässt Astrid Lindgren die Jahre des Tötens, Mordens und Hassens anders sehen. Da gibt es keine Gewinner und Sieger, nur Verlierer, Leiden und Schmerz. Es ist eine Anklage gegen den Krieg an sich, gegen das Töten und Morden hüben wie drüben. Während Lindgren anfangs Stalins Machenschaften und eine russische Invasion deutlich mehr fürchtet als Hitler, wandelt sich allmählich auch ihr Bild von Deutschland zum Schlechteren. Sie bekommt eine enorme Wut auf die Deutschen, die es schafften, innerhalb von zwanzig Jahren die gesamte Menschheit während zweier Weltkriege gegen sich aufzubringen.  Gleichzeitig zeigt Lindgren aber auch Mitgefühl mit den Deutschen, als die Bomben über Berlin abgeworfen werden oder die deutschen Soldaten in Stalingrad dem Tode preisgegeben werden. Astrid Lindgren schreibt aber auch von Hoffnung und Menschlichkeit, von dem Versuch, ein bisschen zu verstehen, wie die Welt aus den Fugen geraten konnte.

AKTUELLER DENN JE. Sie schuf ein wertvolles Stück Zeitgeschichte, das eine für Mitteleuropa ungewöhnliche Perspektive auf den Zweiten Weltkrieg eröffnet. Sie schildert ihren Alltag, dokumentiert und kommentiert Kriegsnachrichten, Zeitungsberichte, Briefe. Nachdenklich und betroffen stellt sie aber auch Fragen, die heute wieder von erschreckender Aktualität sind: Was tun, wenn Fremdenfeindlichkeit das Denken und Handeln der Menschen bestimmt? Wie kann jeder Einzelne von uns Stellung beziehen? Fragen über unsere Zeit – eine Zeit, in der Faschismus und Rassismus in Europa erneut an Boden gewinnen, eine Zeit, in der immer mehr Stimmen vor neuen Konfrontationen und sogar einem neuen Weltkrieg warnen. Eine Zeit, in der so mancher Politiker ungestraft über „Kriegstüchtigkeit“ und „Ostfront“ reden darf. Und bedarf es wirklich nur weniger Menschen, um die ganze Welt (wieder) in Chaos und Verzweiflung zu stürzen? Astrid Lindgren hat es in ihrer Dankesrede 1978, als sie den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels erhielt, so formuliert: „Wir alle wollen Frieden. Gibt es keine Möglichkeit, etwas zu ändern, bevor es zu spät ist? Können wir lernen, uns selbst von Gewalt zu distanzieren? Versuchen wir doch einfach, eine neue Art von Mensch zu sein. Aber wie soll das geschehen, und wo sollen wir damit anfangen? Ich denke, wir müssen von Grund auf neu beginnen. Mit den Kindern.“

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