Jenische Reminiszenzen
Vorstellung der Neuauflage des Jenischen Lesebuchs im Noaflhaus
Im Gegensatz zur Schweiz sind die Jenischen in Österreich bis heute keine offiziell anerkannte Bevölkerungsgruppe. Kulturprojekte und so auch die Initiative Minderheiten Tirol haben sich im Gegenzug daran gemacht, der lange verschwiegenen und in den meisten Fällen von Ausgrenzung geprägten Geschichte dieser Volksgruppe Raum zu geben.
21. Oktober 2026
Zur Buchpräsentation „Jenische Reminiszenzen“ war der Saal des Telfer Noaflhauses mit jenischem und nichtjenischem Publikum gut gefüllt. Foto: Bundschuh
Die Jenischen sind eine nach ihrer Tradition teils mobile, teils sesshafte Bevölkerungsgruppe mit eigener Kultur und Sprache. Sie waren, obwohl im Oberland tief verwurzelt, Anfeindungen bis hin zur Verfolgung ausgesetzt. Nicht überall, nicht immer, aber die Geschichte der Jenischen ist wie in den meisten Teilen Europas so auch im Oberland von Hohn, Spott, Ablehnung und massiver Ausgrenzung geprägt. Auch abwertende Bezeichnungen wie „Karrner“, „Dörcher“ oder „Laninger“ bezeugen diesen Umstand. Eine Herkunftserklärung geht dahin, dass die Jenischen teilweise von auswärts ins Oberland gekommen waren. Vielfach seien sie aber aus der verarmten einheimischen Bevölkerung hervorgegangen. Darauf wiesen die gleichlautenden Familiennamen von Sesshaften und Jenischen hin. Sie waren Kleinstbauern, übten Handwerke wie Korbflechten, Besenbinden, Scherenschleifen oder Pfannenflicken aus oder fristeten ihren durchgehend kargen Unterhalt als fahrende Händler. Als Fahrende waren sie ein Wirtschaftszweig zur Versorgung der bäuerlichen Bevölkerung und daher mancherorts bis zu einem gewissen Grad besser geduldet. In der NS-Zeit wurden die Jenischen als rassisch und sozialbiologisch „Asoziale“ verfolgt und zum Teil in Konzentrationslager deportiert. Auch nach 1945 hielt die gesellschaftliche Ausgrenzung in manchen Teilen der Bevölkerung an.
Geschichte(n) – Erinnerungen – Lyrik. „Die Erstveröffentlichung von ,Jenische Reminiszenzen‘ im Jahr 2001, herausgegeben von Romed Mungenast, war eine Sensation: ein Lesebuch, in dem sich erstmals jenische Stimmen versammelten. Im September 2026 erschien die von Michael Haupt und Heidi Schleich aktualisierte und ergänzte Neuauflage des seit Jahren vergriffenen Lesebuchs, als Erinnerungsbuch, Quellenedition und Kampfansage gegen das Vergessen. Geschichten, Essays, historische Einordnung, Lyrik und Märchen jenischer und nichtjenischer Autorinnen und Autoren zeigen, wie sehr das Jenische die Tiroler Geschichte und die europäische Geschichte geprägt haben, und halten das Schaffen von Romed Mungenast in Erinnerung“, so die Herausgeber. Das Material zum Buch wurde erneut gesichtet, um aktuelle Forschungserkenntnisse zur Verfolgung, Sprache und zum Alltag der Jenischen einzubinden. Texte, die alte Stereotype reproduzieren, wurden durch neue Texte ersetzt, die zeitgemäße Einblicke ermöglichen.
Aus dem Inhalt. „Fragt man hundert Wissenschaftler nach der Herkunft der Jenischen, hat jeder seine eigene Theorie. Fragt man hundert Jenische nach ihrer geschichtlichen Abstammung, ist es dasselbe: Alle haben ihre eigene Theorie. Die noch traditionell lebenden Jenischen halten die Frage nach ihrer Herkunft für präpotent. Es genügt, dass es sie gibt und sie sich als Volk fühlen“, so Roman Mungenast.
Buchvorstellung im Kulturzentrum Noaflhaus. Das neu überarbeitete Buch wurde im Kulturzentrum Noaflhaus in Telfs von Heide Schleich und Michael Haupt vorgestellt. Von besonderem Interesse war, dass an diesem Abend ein in Telfs Ansässiger als Vertreter der jenischen Volksgruppe vom jenischen Leben früher und heute berichtete. Zum Buch: „Jenische Reminiszenzen“, Initiative Minderheiten Tirol (Hrsg.), Michael Haupt, Heidi Schleich. 200 Seiten, broschiert. Haymon Verlag, Innsbruck. ISBN: 978-3-7099-8306-5







