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Zwei einsame Seelen, im Tanz vereint

Das Theater Telfs startet mit einem herausragenden Zwei-Personen-Stück

Das Theater Telfs hat mit „Die Tanzstunde“ von Mark St. Germain ein berührendes und witziges Stück auf seinen ersten Spielplan gesetzt und damit die Latte für weitere Produktionen hochgelegt. Das Zwei-Personen-Stück über Autismus hat all das, was sich Obfrau Madeleine Weiler und ihr Team auf die Fahnen geschrieben haben: ein facettenreiches Theater, das Aktualität besitzt. Die RUNDSCHAU war bei der Generalprobe dabei.
11. November 2025 | von Friederike Hirsch
Zwei einsame Seelen, im Tanz vereint<br />
Kathrin Obermoser und Martin Flür brillieren im Zwei-Personen-Stück „Die Tanzstunde“ im Theater Telfs. Foto: Hirsch

Das Theaterstück „Die Tanzstunde“ von Mark St. Germain ist ein wunderbares Beispiel für die Kraft des Theaters, das Publikum auf eine tiefgründige emotionale Reise zu entführen. Ein berührendes und witziges Stück, geschrieben über ein ungleiches Paar, das nur mühsam denselben Takt halten kann, aber im Laufe seiner Tanzstunden viel wichtigere Dinge über den anderen und sich selbst lernt. In der aktuellen Inszenierung, die unter der Leitung von Madeleine Weiler steht, wird die Geschichte von zwei ungleichen Charakteren auf faszinierende Weise zum Leben erweckt. Die Darsteller Martin Flür und Kathrin Obermoser bringen eine bemerkenswerte Feinfühligkeit und Tiefe in ihre Rollen.

INHALT. Ever Montgomery (Martin Flür) ist Geowissenschaftler und soll einen wichtigen Preis verliehen bekommen. Eigentlich ein Grund zur Freude, wenn es da nicht ein Problem gäbe: Bei der Preisverleihung müsste Ever zahlreiche Hände schütteln und Menschen umarmen – schlimmer noch, er müsste auch mindestens einmal tanzen. Das klingt harmlos, aber für Ever ist das eine Katastrophe, denn er leidet unter Autismus und meidet jede Form von Körperkontakt. Aber nun muss er tanzen lernen – ob er will oder nicht. Auf Anraten des Hausmeisters spricht er seine Nachbarin Senga Quinn (Kathrin Obermoser) an. Senga hat jedoch ihre eigenen Probleme: Nach einem Unfall ist es fraglich, ob ihr gebrochenes Bein je so weit heilen wird, dass sie wieder als Tänzerin arbeiten kann. Die Stimmung ist also ziemlich gereizt, als Ever seine Nachbarin um Unterricht bittet, zumal ihm Empathie angesichts ihrer düsteren Karriereaussichten fremd ist und Senga das absurd hohe Honorar zunächst als unmoralisches Angebot missversteht. Doch schließlich siegt die Neugier, und so beginnen sie mit dem Unterricht. Schnell entwickeln sich zwischen dem ungleichen Paar absurde Situationen, denn Ever nimmt alles wörtlich, was Senga sagt, und gerät in Panik, als es um erste Berührungen geht, die beim Tanzen unvermeidlich sind. Aber nach und nach kommen sich die beiden Tanzpartner näher – sogar viel näher, als sie jemals gedacht hätten.

BEEINRUCKENDE SCHAUSPIELERISCHE LEISTUNGEN. Martin Flür und Kathrin Obermoser liefern beeindruckende Leistungen ab, die sowohl emotionale Tiefe als auch humorvolle Leichtigkeit besitzen. Martin Flür als der Professor, dessen Hirn anders tickt als das „neurotypischer“ Menschen, ist in seiner Darstellung glaubwürdig und einfühlsam dem Thema gegenüber. In keiner Szene, in keiner absurden Situation, keiner Geste oder Mimik lässt er es zu, dass die Rolle des Autisten klischeehaft oder gar verspottend wirkt. Seine Dynamik, mit der Figur des Ever Montgomery umzugehen, erzeugt eine Verbindung, die sowohl amüsant als auch zutiefst berührend ist. Martin Flür spielt mit subtiler Sensibilität und strahlt dabei eine tiefgehende Authentizität aus, die den Zuschauer fesselt. Man spürt, wie er die Eigenheiten und Emotionen seiner Figur durch kleine Gesten und mimische Nuancen zum Leben erweckt. Kathrin Obermoser, als Tänzerin, deren Leben vermeintlich aus Tanzen besteht und die durch den Unfall ihren Lebensinhalt verloren hat, bringt eine authentische Verletzlichkeit und zugleich eine starke Präsenz auf die Bühne. Ihre Fähigkeit, die innere Zerrissenheit ihres Charakters darzustellen, zieht das Publikum in ihren Bann. Jedes Lachen und jeder Augenblick der Traurigkeit werden spürbar. Man fühlt sich in die Höhe- und Tiefpunkte ihrer Reise mitgenommen. Die Chemie zwischen beiden Darstellern ist unverkennbar und verstärkt die Glaubwürdigkeit ihrer Freundschaft. Sie spielen perfekt aufeinander ein, was die emotionalen Spitzen des Stücks umso wirkungsvoller macht.

INSZENIERUNG MIT MINIMALISTISCH GESTALTETER BÜHNE. Die Inszenierung von „Die Tanzstunde“ ist wahrhaftig brillant. Madeleine Weiler hat entschieden, die Bühne minimalistisch zu gestalten, wodurch der Fokus auf den Charakteren und ihren Dialogen bleibt. Das schlichte Bühnenbild, das lediglich durch einige Möbelstücke ergänzt wird, unterstützt die Intimität der Handlung und lässt Raum für die Fantasie des Publikums. Sie hat es verstanden, die Nuancen dieser Beziehung herauszuarbeiten. Die Interaktionen sind geprägt von feinem Wortwitz und tiefen Emotionen, die das Publikum direkt berühren. Es wird deutlich, dass beide Charaktere nicht nur etwas voneinander lernen, sondern auch in ihrer eigenen Entwicklung wachsen. Die Wechsel zwischen den humorvollen und den ernsten Momenten sind so geschickt gestaltet, dass das Publikum stets gefesselt bleibt.  Die Situationskomik entsteht aus den Missverständnissen, die aus sozialer Unerfahrenheit resultieren, und zwar auf beiden Seiten – der Seite der „neurotypischen“ Menschen und der „neurodivergenten“ Menschen. So fühlt sich der Zuschauer oft in die Verwicklungen der Charaktere hineingezogen, lacht jedoch nicht auf Kosten der Protagonisten. Die geschickte Lichtgestaltung, die zum einen den Szenevorhang ersetzt und zum anderen durch gezielte Spotbeleuchtung die Geschichte der beiden Protagonisten miterzählt, schafft Atmosphären, die die Stimmung der jeweiligen Szenen verstärken, ohne sie zu überladen. Der Inszenierung des Theater Telfs gelingt es, das wahre Herzstück von „Die Tanzstunde“ auf die Bühne zu bringen. Es ist beinahe unmöglich, das Theater zu verlassen, ohne ein neues Verständnis oder zumindest eine größere Offenheit gegenüber den Erfahrungen von Menschen mit Autismus entwickelt zu haben.
Zwei einsame Seelen, im Tanz vereint<br />
Ever Montgomery (Martin Flür) meidet jeden Körperkontakt und will von Nachbarin Senga Quinn (Kathrin Obermoser) lernen, wie man Hände schüttelt. Foto: Hirsch

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