Kreuz mit „politischer“ Vergangenheit
14. Oktober 2025 | von
Stefan Dietrich
Seit Jahrzehnten hängt dieses fast lebensgroße Kruzifix im Stiegenhaus der Telfer August-Thielmann-Volksschule. Viele Menschen gehen daran täglich vorbei, doch nur wenige dürften wissen, dass dieses Kreuz eine „politische“ Vergangenheit hat.
Am 25. Juli 1934 wurde in Wien Bundeskanzler Engelbert Dollfuß, der Führer des autoritären „Ständestaats“, von nationalsozialistischen Putschisten ermordet. Im konservativen Tirol löste der Mord besonders große Betroffenheit aus. Auch in Telfs beeilte man sich, den sogenannten „Märtyrerkanzler“ mit Trauergottesdiensten, Gedenkveranstaltungen und anderen Aktivitäten zu würdigen. Eine davon war die Errichtung eines Gedenkkreuzes an der St.-Georgen-Kirche durch die „vaterländischen“ – also ständestaatlichen – und kirchlichen Jugendorganisationen. Das Kreuz und die dazugehörigen Engel hatte der Bildhauer Andreas Einberger aus Zirbenholz geschnitzt, die Kupferblecharbeiten führte Josef Pischl aus. Am 29. September 1935 wurde das „Dollfuß-Kreuz“ mit einer pompösen Feier eingeweiht (Bild unten). Hunderte Kinder und Jugendliche und alles, was bei den „Vaterländischen“ der Region Rang und Namen hatte, nahmen daran teil.
Bei der politischen Bedeutung, mit der das Kruzifix aufgeladen war, überrascht es nicht, dass die Nationalsozialisten nach ihrer Machtergreifung im März 1938 das Ehrenmal für ihren alten Gegner Dollfuß unverzüglich entfernten. Allerdings wurde es nicht zerstört. Wohin das Kreuz damals verschwand, ist unklar. Sicher ist nur: Irgendwann nach dem Krieg fand es seinen Weg ins Schulhaus.