Eine Welt, die 20 Jahre wuchs
Neo-Autor Martin J. Peer im RUNDSCHAU-Interview
Der Silzer Martin Peer hat mit „Die Chroniken von Balathar – Avulsion des Wassers“ sein erstes Fantasy-Epos vollendet. Hinter den 632 Seiten stehen zwei Jahrzehnte Gedankenarbeit, drei vollständige Fassungen, der mühsame Weg des Selfpublishings – und eine überraschende Nachricht von jenem Mann, dessen Stimme Peer seit Jahren begleitet.
13. August 2026
„Mein Ziel ist es, dass ein fremder Mensch mein Buch zur Hand nimmt und eine Freude damit hat“ – Neo-Autor Martin J. Peer im RUNDSCHAU-Interview. Foto: Hofer
Martin Josef Peer ist zwölf Jahre alt, als er Christopher Paolinis „Eragon“ liest und erfährt, dass dessen Autor selbst noch ein Jugendlicher war, als er zu schreiben begann. „Da habe ich mir gedacht: Das kann ich auch“, reminisziert der Silzer. Daraufhin setzt er sich an den Röhrencomputer der Familie und verfasst die ersten Seiten einer Geschichte. Nach etwa 20 Seiten versiegt der jugendliche Eifer zunächst. Balathar jedoch, jene Welt, die Peer bereits in Gedanken entworfen hat, bleibt in seinen Gedanken präsent und wächst über Jahre hinweg weiter. Figuren verändern sich, Reiche entstehen, Konflikte werden komplexer. Erst als Peer vor rund zwei Jahren vorübergehend ohne Arbeit ist und als bekennendes „Energiebündel“ nicht weiß, wohin mit seiner Zeit, klappt er den Laptop auf. Eigentlich will er nur einige Ideen festhalten, dann schreibt er weiter, bis mehrere hundert Seiten digital vor ihm liegen. Er bezeichnet sich als Perfektionisten, der lieber alles verwirft, als sich mit einer halbgaren Lösung abzufinden. Dreimal schreibt er den Roman vollständig. Zweimal löscht er das Dokument und beginnt von vorne. Rund 500 Arbeitsstunden fließen allein in den Schreibprozess. Am Ende stehen 632 Seiten – und der Auftakt einer auf vier Teile angelegten Reihe.
GEDANKENREICH. „Die Chroniken von Balathar – Avulsion des Wassers“ ist düstere, epische Fantasy. Die Menschheit dieser Welt hat sich vor rund 1.700 Jahren in vier Reiche geteilt: Wasser, Feuer, Erde und Wind. Jedes besitzt eigene Traditionen, politische Ordnungen und Formen der Magie. Der erste Band führt in das streng geordnete Wasserreich. Als Rebellen den Prinzen entführen, wollen sie ihn nicht töten, sondern gegen den eigenen Vater wenden und das Reich von innen erschüttern. Peer interessiert weniger der klassische Kampf zwischen Gut und Böse als die Frage, weshalb Menschen handeln, wie sie handeln. Seine Figuren seien nicht bloß „nett“ oder „böse“, sondern von Ängsten, Wünschen und Widersprüchen geprägt. Viele tragen Züge realer Menschen: von Familienmitgliedern, Kollegen, Freunden oder früheren Weggefährten. „Manchmal besteht eine Figur aus fünf verschiedenen Personen“, sagt Peer. Und immer stecke auch ein Teil von ihm selbst darin. Er lässt seine Figuren so reagieren, wie es ihrer inneren Logik entspricht. „Ich bestrafe meine Figuren, wenn sie dumme Entscheidungen treffen“, sagt er.
FANTASY ALS ZERRSPIEGEL. So weit Balathar von der realen Welt entfernt scheint, so gegenwärtig sind viele seiner Fragen. „Kunst ist immer politisch“, sagt Peer. Fantasy ermögliche es ihm, über Macht, Freiheit, Kapitalismus, Religion und gesellschaftliche Ordnung zu schreiben, ohne dem Publikum eine fertige Botschaft vorzusetzen. Im Wasserreich schützt eine strenge Ordnung die Menschen vor Chaos, beschneidet aber ihre Freiheit. Im Feuerreich herrscht nahezu vollständige Freiheit – allerdings ohne starke Institutionen. Reiche Familien dominieren dort das gesellschaftliche Leben, während andere in Abhängigkeit geraten. Ausgerechnet das „Reich der Freiheit“ bringt besonders viel Unfreiheit hervor. Peer entwirft keine ideale Ordnung, sondern zeigt die Kosten jeder Entscheidung. „Es gibt keine richtige Antwort, kein Schwarz und Weiß. Alles ist grau.“ Damit kreist der Roman um eine zentrale Frage: Wie viel Freiheit ist ein Mensch bereit, für Sicherheit aufzugeben – und welchen Preis darf eine Revolution verlangen? Die Rebellen wollen Befreiung, gefährden dabei aber jenes Land, das sie retten wollen. Die Herrschenden garantieren Stabilität, sichern ihre Macht jedoch mit immer schärferer Kontrolle. Wer recht hat, sollen die Leserinnen und Leser selbst entscheiden.
AUF EIGENE FAUST. Mit dem fertigen Manuskript beginnt eine zweite, beinahe ebenso abenteuerliche Reise. Als unbekannter Fantasy-Autor bei einem klassischen Verlag unterzukommen, erweist sich als schwierig. Print-on-Demand kommt für Peer ebenso wenig infrage wie der Verkauf aus dem eigenen Kofferraum. Sein Anspruch ist klar: Das Buch soll regulär über Buchhandlungen und Online-Shops bestellbar sein. Also organisiert er selbst, was sonst ein Verlag übernimmt: Lektorat, Buchsatz, Illustrationen, Covergestaltung, Druck, Vertrieb, Lagerung und Marketing. Er lernt Papierstärken und Bindungen kennen, vergleicht Druckereien und lässt eine Illustratorin in der Schweiz den Umschlag gestalten. Jedes Kapitel erhält eine eigene Grafik, der Schriftzug auf dem Cover wird geprägt. „Man sagt immer, man solle ein Buch nicht nach dem Einband beurteilen“, scherzt Peer. „Aber der hat so viel Geld gekostet – bitte beurteilt ihn danach.“ Nicht alles läuft glatt. Ein erstes Probeexemplar kommt mit einem kuriosen Fehldruck an: Statt des eigentlichen Inhalts ist auf dem Cover und jeder einzelnen Seite ausschließlich der Download-Link zu den Druckdaten zu sehen. Eine weitere Testfassung wird falsch formatiert, die Schrift ist kaum lesbar. Das nächste Kapitel beginnt beinahe zufällig: Aus Neugier stellt Peer sein Manuskript auf einer Plattform für Hörbuchsprecher ein – und erhält ausgerechnet eine Bewerbung von Johannes Steck, dessen Stimme ihn seit Jahren begleitet. Als die Produktion zunächst an den Kosten zu scheitern droht, ruft Steck den Silzer persönlich an. „Ich ging ans Telefon und hörte nur: ,Hallo, hier spricht Johannes Steck.‘ Ich erkannte seine Stimme sofort – das war ein überwältigender Moment“, erinnert sich Peer strahlend. Steck leitet das Manuskript schließlich an Audible, den zu Amazon gehörenden Hörbuchanbieter und -produzenten, weiter – dort zeigt man sich von dem Roman überzeugt und übernimmt die Finanzierung, Produktion und Vermarktung der Hörbuchfassung.
KOPFKINO. Der Roman ist seinem Vater gewidmet. Von ihm bekam Peer einst Wolfgang Hohlbeins „Drachenfeuer“ in die Hand gedrückt, mit ihm spielte er sein erstes Fantasy-Rollenspiel. Auch sein Großvater hat mehrere Bücher geschrieben. Nun setzt der Enkel diese familiäre Erzähltradition auf seine Weise fort – mit zwei Sonnen, uralten Göttern und einer Welt, deren Naturgesetze er bis ins Detail durchdacht hat. Am 29. September soll „Die Chroniken von Balathar – Avulsion des Wassers“ offiziell erscheinen – begleitet von Hörbuch, Lesung und Signierstunde. Der zweite Band ist bereits rund 200 Seiten weit, die Handlung aller vier Teile trägt Peer längst im Kopf. Vielleicht ist das die treffendste Beschreibung für Martin J. Peer: jemand, der eine Welt zwei Jahrzehnte lang mit sich herumträgt, sie dreimal neu schreibt und anschließend auch noch lernt, wie man Papier auswählt, Bücher lagert und Hörbuchverträge verhandelt. Einer, der im Interview von sich sagt, er bringe vieles nicht zu Ende – und nun ein 632 Seiten starkes Gegenargument in Händen hält.
GEDANKENREICH. „Die Chroniken von Balathar – Avulsion des Wassers“ ist düstere, epische Fantasy. Die Menschheit dieser Welt hat sich vor rund 1.700 Jahren in vier Reiche geteilt: Wasser, Feuer, Erde und Wind. Jedes besitzt eigene Traditionen, politische Ordnungen und Formen der Magie. Der erste Band führt in das streng geordnete Wasserreich. Als Rebellen den Prinzen entführen, wollen sie ihn nicht töten, sondern gegen den eigenen Vater wenden und das Reich von innen erschüttern. Peer interessiert weniger der klassische Kampf zwischen Gut und Böse als die Frage, weshalb Menschen handeln, wie sie handeln. Seine Figuren seien nicht bloß „nett“ oder „böse“, sondern von Ängsten, Wünschen und Widersprüchen geprägt. Viele tragen Züge realer Menschen: von Familienmitgliedern, Kollegen, Freunden oder früheren Weggefährten. „Manchmal besteht eine Figur aus fünf verschiedenen Personen“, sagt Peer. Und immer stecke auch ein Teil von ihm selbst darin. Er lässt seine Figuren so reagieren, wie es ihrer inneren Logik entspricht. „Ich bestrafe meine Figuren, wenn sie dumme Entscheidungen treffen“, sagt er.
FANTASY ALS ZERRSPIEGEL. So weit Balathar von der realen Welt entfernt scheint, so gegenwärtig sind viele seiner Fragen. „Kunst ist immer politisch“, sagt Peer. Fantasy ermögliche es ihm, über Macht, Freiheit, Kapitalismus, Religion und gesellschaftliche Ordnung zu schreiben, ohne dem Publikum eine fertige Botschaft vorzusetzen. Im Wasserreich schützt eine strenge Ordnung die Menschen vor Chaos, beschneidet aber ihre Freiheit. Im Feuerreich herrscht nahezu vollständige Freiheit – allerdings ohne starke Institutionen. Reiche Familien dominieren dort das gesellschaftliche Leben, während andere in Abhängigkeit geraten. Ausgerechnet das „Reich der Freiheit“ bringt besonders viel Unfreiheit hervor. Peer entwirft keine ideale Ordnung, sondern zeigt die Kosten jeder Entscheidung. „Es gibt keine richtige Antwort, kein Schwarz und Weiß. Alles ist grau.“ Damit kreist der Roman um eine zentrale Frage: Wie viel Freiheit ist ein Mensch bereit, für Sicherheit aufzugeben – und welchen Preis darf eine Revolution verlangen? Die Rebellen wollen Befreiung, gefährden dabei aber jenes Land, das sie retten wollen. Die Herrschenden garantieren Stabilität, sichern ihre Macht jedoch mit immer schärferer Kontrolle. Wer recht hat, sollen die Leserinnen und Leser selbst entscheiden.
AUF EIGENE FAUST. Mit dem fertigen Manuskript beginnt eine zweite, beinahe ebenso abenteuerliche Reise. Als unbekannter Fantasy-Autor bei einem klassischen Verlag unterzukommen, erweist sich als schwierig. Print-on-Demand kommt für Peer ebenso wenig infrage wie der Verkauf aus dem eigenen Kofferraum. Sein Anspruch ist klar: Das Buch soll regulär über Buchhandlungen und Online-Shops bestellbar sein. Also organisiert er selbst, was sonst ein Verlag übernimmt: Lektorat, Buchsatz, Illustrationen, Covergestaltung, Druck, Vertrieb, Lagerung und Marketing. Er lernt Papierstärken und Bindungen kennen, vergleicht Druckereien und lässt eine Illustratorin in der Schweiz den Umschlag gestalten. Jedes Kapitel erhält eine eigene Grafik, der Schriftzug auf dem Cover wird geprägt. „Man sagt immer, man solle ein Buch nicht nach dem Einband beurteilen“, scherzt Peer. „Aber der hat so viel Geld gekostet – bitte beurteilt ihn danach.“ Nicht alles läuft glatt. Ein erstes Probeexemplar kommt mit einem kuriosen Fehldruck an: Statt des eigentlichen Inhalts ist auf dem Cover und jeder einzelnen Seite ausschließlich der Download-Link zu den Druckdaten zu sehen. Eine weitere Testfassung wird falsch formatiert, die Schrift ist kaum lesbar. Das nächste Kapitel beginnt beinahe zufällig: Aus Neugier stellt Peer sein Manuskript auf einer Plattform für Hörbuchsprecher ein – und erhält ausgerechnet eine Bewerbung von Johannes Steck, dessen Stimme ihn seit Jahren begleitet. Als die Produktion zunächst an den Kosten zu scheitern droht, ruft Steck den Silzer persönlich an. „Ich ging ans Telefon und hörte nur: ,Hallo, hier spricht Johannes Steck.‘ Ich erkannte seine Stimme sofort – das war ein überwältigender Moment“, erinnert sich Peer strahlend. Steck leitet das Manuskript schließlich an Audible, den zu Amazon gehörenden Hörbuchanbieter und -produzenten, weiter – dort zeigt man sich von dem Roman überzeugt und übernimmt die Finanzierung, Produktion und Vermarktung der Hörbuchfassung.
KOPFKINO. Der Roman ist seinem Vater gewidmet. Von ihm bekam Peer einst Wolfgang Hohlbeins „Drachenfeuer“ in die Hand gedrückt, mit ihm spielte er sein erstes Fantasy-Rollenspiel. Auch sein Großvater hat mehrere Bücher geschrieben. Nun setzt der Enkel diese familiäre Erzähltradition auf seine Weise fort – mit zwei Sonnen, uralten Göttern und einer Welt, deren Naturgesetze er bis ins Detail durchdacht hat. Am 29. September soll „Die Chroniken von Balathar – Avulsion des Wassers“ offiziell erscheinen – begleitet von Hörbuch, Lesung und Signierstunde. Der zweite Band ist bereits rund 200 Seiten weit, die Handlung aller vier Teile trägt Peer längst im Kopf. Vielleicht ist das die treffendste Beschreibung für Martin J. Peer: jemand, der eine Welt zwei Jahrzehnte lang mit sich herumträgt, sie dreimal neu schreibt und anschließend auch noch lernt, wie man Papier auswählt, Bücher lagert und Hörbuchverträge verhandelt. Einer, der im Interview von sich sagt, er bringe vieles nicht zu Ende – und nun ein 632 Seiten starkes Gegenargument in Händen hält.





