Aus dem Ötztal ins Herz der Republik
Ein Gespräch mit dem Nationalratsabgeordneten Jakob Grüner
Unter dem steinernen Blick der Pallas-Athene-Statue betrete ich das ikonische Parlamentsgebäude am Wiener Ring. Zwischen emporragenden Marmorsäulen werde ich ins hauseigene Restaurant geführt, wo mich der frisch gebackene Nationalrat aus dem Ötztal, Jakob Grüner, begrüßt. Schon wenig später entspinnt sich – im Oberländer Dialekt – ein Gespräch über Herkunft, Haltung und einem Leben zwischen Akten und Ausschüssen.
24. November 2025
Nationalratsabgeordneter Jakob Grüner (ÖVP) Am Redner:innenpult.
Foto: Parlamentsdirektion/Johannes Zinner)
Foto: Parlamentsdirektion/Johannes Zinner)
Herr Grüner, Sie sind im Ötztal aufgewachsen. Wie hat Ihre Kindheit im Tiroler Oberland Ihren weiteren Lebensweg geprägt?
Meine Mutter stammt aus Sölden, mein Vater aus Längenfeld, aufgewachsen bin ich in Oetz. Ich habe eine Schwester und war von klein auf ein richtiger Vereinsmensch: Ob Traditionsvereine oder Sportvereine, das Vereinsleben hat meine Jugend stark geprägt. Ich war immer schon gerne unter Leuten. Bis zum Bundesheer war das Ötztal mein Lebensmittelpunkt. Seit 2007 lebe ich zwar in Innsbruck, aber man hört’s am Dialekt, wo ich herkomme. Da ich seit 10 Jahren mit einer Unterländerin verheiratet bin, bin ich mir meiner Oberländer Eigenschaften durchaus bewusst (lacht).
Hatten Sie schon früh den Wunsch, politisch aktiv zu werden – oder hat sich dieser Schritt erst im Laufe Ihrer beruflichen Stationen ergeben?
Nein, geplant war das nie – ich bin so zu sagen Quereinsteiger. Nach meinem Jus- und Wirtschaftsrechtsstudium war ich zunächst klassisch als Konzipient in Innsbruck und Wien tätig, habe die Rechtsanwalts- und Richterergänzungsprüfung am Oberlandesgericht Innsbruck abgelegt und mich 2018 in die Liste der Wiener Rechtsanwälte eingetragen. Als unser zweites Kind zur Welt kam, wir haben eine 8-jährige Tochter und einen 6-jährigen Sohn, entschieden meine Frau und ich, wieder nach Tirol zurückzugehen, schließlich ging ich nur der Ausbildung wegen in die Bundeshauptstadt. Dass ich im Anschluss in den Landesdienst eintrat, war eher Zufall: Das Land Tirol schrieb eine Stelle aus, die mir zeitlich gelegen kam. Nach einem Hearing war ich sodann ab 2019 eine Art „Verbindungsmann“ des Landes Tirol in Wien, jedenfalls als verlängerter Arm aktiv – ein außergewöhnlicher Job und eine unglaubliche Chance. Meine Aufgabe war es, für Tirol in Wien zu lobbyieren, Gesetze mitzuverhandeln, bevor sie in den Ministerrat gingen, sohin lange bevor sie ihm Nationalrat landen. Jede Tirolerin und jeden Tiroler in allen Ministerien habe ich besucht … vermutlich habe ich aber ein paar ausgelassen (schmunzelt). Ich war eng an der Legistik, an der Politik und habe jedenfalls gelernt, wie unser Staat funktioniert. Im Anschluss wurde ich noch Büroleiter von Landeshauptmann Günther Platter sowie – zu Beginn – von Landeshauptmann Anton Mattle, bevor ich meinen Traum einer eigenen Rechtsanwaltskanzlei 2023 realisieren konnte. Ich bin bewusst wieder aus dem Landesdienst ausgetreten und in die Selbstständigkeit gewechselt. Die Möglichkeit für den Nationalrat zu kandidieren, hat sich im Vorjahr sodann wieder ergeben, als Freiberufler habe ich mir diese Entscheidung nicht leicht gemacht. Meinen Beruf für die Politik aufzugeben war keine Option. Dies gibt mir Unabhängigkeit. Heuer im März wurde ich schließlich für den Wahlkreis Innsbruck und den Landeswahlkreis Tirol für die Volkspartei zum Nationalrat angelobt.
Es gibt wahrscheinlich keinen „klassischen“ Alltag eines Nationalratsabgeordneten. Aber wie sieht eine typische Arbeitswoche für Sie aus – zwischen Innsbruck, Wien, Familie und Ihrer Kanzlei?
Meine Familie unterstützt mich, sonst wäre dies nicht möglich. Mein Arbeitstag in Innsbruck sieht zumeist so aus, dass ich ganztags auf Terminen bin, zumeist in der Kanzlei, zwischendurch oder abends auf Veranstaltungen und Gremialsitzungen. Das Telefon ist mein ständiger Begleiter, ein Akku am Tag reicht nicht. Glücklicherweise habe ich, was die Kanzlei betrifft, ein sehr gutes Team, natürlich sitze ich aber auch selbst an den Akten. Hinzu kommen Gerichtsverhandlungen. Der Tag hat 24 Stunden, Wochenenden sind Arbeitstage. Meine Tage in Wien spielen sich hingegen ganztags im Parlament ab: Nationalratssitzungen, Ausschüsse, politische Termine. Die eigentliche politische Arbeit passiert aber darüber hinaus: nur im Plenum zu sitzen und die Hand zu heben, wäre zu wenig. Damit am Ende noch genügend Familienzeit bleibt, braucht es ein gutes Zeitmanagement und Abstriche etwa bei Hobbys. Denn letztlich sind beide Berufe keine 9-to-5-Jobs. Und es braucht Humor. Jeden Tag.
Bis zu Ihrem Antritt zum Nationalrat waren Sie zusätzlich etwa Honorarkonsul eines EU-Staates, Bankaufsichtsrat, Mitglied in Beiräten und Stiftungen. Wie geht sich dies alles aus?
Wie gesagt, in dem ich Abstriche mache. Ich muss bei jeder Tätigkeit überlegen, welchen Hut ich trage. Bin ich als Rechtsanwalt unterwegs oder als Nationalrat? Hier braucht es eine saubere Trennung. Mit Beginn meiner politischen Tätigkeit habe ich vieles ab- und zurückgelegt. Etwa bei Unvereinbarkeiten, jedenfalls aber auch aus Zeitgründen. Ehrenamtliches ist mir geblieben.
Sie sind Mitglied in mehreren Ausschüssen, unter anderem für Justiz, Menschenrechte, Konsumentenschutz und dem Rechnungshof. Welche politischen Kernanliegen prägen Ihre Arbeit dort?
Durch meinen beruflichen Hintergrund bin ich naturgemäß bei den Justizthemen besonders eng dran. Ein großer Teil der Gesetzgebung im Zivilrecht läuft über das Justizministerium – und der Großteil dessen landet letztlich im Justizausschuss. Dieser ist ein sehr aktiver, fachlich getriebener Ausschuss, in dem viele Juristinnen und Juristen sitzen. Parteipolitik spielt dort weniger eine Rolle, das ist mir auch sehr recht. Mein Hauptanliegen ist die Verwaltungsvereinfachung – ich vermeide bewusst den Begriff „Bürokratieabbau“, dieses Wort kann niemand mehr hören. Ich bin selbstkritisch – wir stehen uns hier seit vielen Jahren einfach selbst im Weg, ich bin auch verärgert. Wenn wir hier nicht endlich gemeinsam größere Reformen zusammenbringen, wird die Politik auch nicht ihr verlorenes Vertrauen zurückgewinnen.
Welche sind die Anliegen, die Tirol – speziell das Tiroler Oberland – betreffen und die Sie bewusst stärker ins Blickfeld rücken möchten?
Im Tiroler Oberland gibt es einige Dauerbrenner: die Verkehrsbelastung und den Tourismus, Stichwort Saisonkontingente, Lohnnebenkosten etc. Das dominierende Thema ist aber auch hier die Inflation. Wohnen, Energie, Lebensmittel: Alles wird teurer, und das spüren die Menschen jeden Tag. Die Politik muss hier dringend liefern.
Seit Kurzem tagt der Pilnacek-Untersuchungsausschuss, in dem auch Sie Mitglied sind. Wie sieht Ihre Funktion dort aus – und wie kann man sich den Ablauf eines solchen Ermittlungsprozesses vorstellen?
Untersuchungsausschüsse sind ein wesentliches demokratisches Instrument – sie sichern die parlamentarische Kontrolle, sind ein Minderheitenrecht, und das ist gut und wichtig so. Was mich jedoch stört, ist der Missbrauch dieses Instruments für parteipolitisches Kleingeld. Wenn etwas aufzuklären ist, dann soll es aufgeklärt werden: durch die Justiz, durch die Ermittlungsbehörden und – ergänzend – durch die politische Kontrolle im U-Ausschuss. Aber häufig steht eben nicht die Sache im Vordergrund, sondern Parteipolitik. Meine Rolle dort ist klar: Ich bin – entsprechend der Fraktionsgröße – einer von mehreren Mitgliedern im Ausschuss. Und ein U-Ausschuss ist kein politisches Schauspiel, sondern vom Ablauf her einem Gerichtsverfahren sehr ähnlich. Er dauert den ganzen Tag, Auskunftspersonen werden unter einem strengen Regelwerk befragt, und es geht zur Sache. Mein Anspruch ist es, einen sachlichen, objektiven Beitrag zur Aufklärung zu leisten. Der Untersuchungszeitraum ist klar definiert: Er beginnt mit dem Tag des Todes und umfasst die darauffolgenden Ermittlungen. Vorangegangene Themen spielen für diesen Ausschuss keine Rolle. Es geht um Fragen wie: Wurde korrekt ermittelt – ja oder nein? Und es geht darum, Verschwörungstheorien mit Fakten zu begegnen. Ein Blick in ihren Wikipedia Eintrag offenbart: Sie sind Major bei den Tiroler Schützen, Mitglied der Rechtsanwaltskammer und Mitglied einer katholischen Studentenverbindung.
Besonders interessiert mich aber Ihre Mitgliedschaft im „Ritterorden vom Heiligen Grab zu Jerusalem“. Wie wird man in einen solchen Orden aufgenommen – und was bedeutet diese Aufnahme?
Der Ritterorden vom Heiligen Grab zu Jerusalem ist ein päpstlicher, vom Vatikan anerkannter Orden. Der Orden entstand aus dem Bedürfnis, Pilger im Heiligen Land zu unterstützen. In den Orden kann man nicht einfach eintreten – man bewirbt sich nicht. Man wird angesprochen. Das Besondere ist, dass sowohl Geistliche als auch Laien Mitglieder sein können. Und natürlich ist der Orden eine starke Gemeinschaft, in der man sehr viele Menschen aus den unterschiedlichsten Bereichen kennenlernt. Mit so einer Vereinigung muss man sich identifizieren können – mit ihrer Geschichte und ihrem Auftrag. Durch die Mitgliedschaft war ich in den vergangenen Jahren auch öfter in Rom, zuletzt bei einer Generalaudienz des neuen Papstes, bei der ich in der ersten Reihe sitzen durfte. Das sind besondere Momente. Grundsätzlich mag ich die Unterschiedlichkeit von Vereinen: Sportvereine, Schützen, Ritterorden, Studentenverbindung – überall trifft man andere Menschen, andere Generationen, andere Traditionen. Ich bin gern unter Leuten, das macht mir Freude.
Sie haben bereits erwähnt, dass Hobbys bei Ihnen derzeit zu kurz kommen. In Ihrem Portraitvideo auf der Parlamentshomepage erzählen Sie, dass Ihr erster Job, der eines Snowboardlehrers war. Bleibt heuer also keine Zeit mehr für ein paar Schwünge am Ötztaler Gletscher?
Ein bisschen Sport mache ich schon – aber natürlich viel zu wenig. Mein eigentlicher Ausgleich ist die Familie. Mit den Kindern gehe ich wandern, wir machen Ausflüge, gehen schwimmen – das ist die Zeit, die mir am meisten Kraft gibt. Eigener Sport für mich bleibt dabei eher auf der Strecke. Wenn ich es vergangenes Jahr zweimal auf die Piste geschafft habe, war das schon viel – aber ich gehe wirklich gern. Und ich bin zuversichtlich, dass das wieder mehr wird, sobald die Kinder größer sind.
Was wäre ein politisches Ziel, an dem Sie gemessen werden möchten – etwas, von dem Sie sagen würden: „Wenn mir das gelingt, hat sich mein Einsatz im NR gelohnt“?
Wenn am Ende der Legislaturperiode die Menschen sagen: „Der Staat funktioniert wieder besser, die Verwaltung ist einfacher, die Bürokratie weniger belastend“, dann hat sich auch mein Einsatz gelohnt. Kompetenzverteilung, die Neuverteilung einiger Aufgaben zwischen Bund und Ländern, womit eine Verfassungsänderung einhergeht … dafür stehe ich. Und ich bin selbstkritisch, Politik braucht wieder mehr Demut. Denn es sind nicht immer nur die anderen schuld, letztlich braucht es für jedes Thema Mehrheiten und geht es sohin nur gemeinsam - parteiübergreifend. Wenn ich hier einen aktiven Beitrag leisten kann und man am Schluss sagt: „Der Grüner hat etwas weitergebracht“, dann würde ich mich freuen.
Meine Mutter stammt aus Sölden, mein Vater aus Längenfeld, aufgewachsen bin ich in Oetz. Ich habe eine Schwester und war von klein auf ein richtiger Vereinsmensch: Ob Traditionsvereine oder Sportvereine, das Vereinsleben hat meine Jugend stark geprägt. Ich war immer schon gerne unter Leuten. Bis zum Bundesheer war das Ötztal mein Lebensmittelpunkt. Seit 2007 lebe ich zwar in Innsbruck, aber man hört’s am Dialekt, wo ich herkomme. Da ich seit 10 Jahren mit einer Unterländerin verheiratet bin, bin ich mir meiner Oberländer Eigenschaften durchaus bewusst (lacht).
Hatten Sie schon früh den Wunsch, politisch aktiv zu werden – oder hat sich dieser Schritt erst im Laufe Ihrer beruflichen Stationen ergeben?
Nein, geplant war das nie – ich bin so zu sagen Quereinsteiger. Nach meinem Jus- und Wirtschaftsrechtsstudium war ich zunächst klassisch als Konzipient in Innsbruck und Wien tätig, habe die Rechtsanwalts- und Richterergänzungsprüfung am Oberlandesgericht Innsbruck abgelegt und mich 2018 in die Liste der Wiener Rechtsanwälte eingetragen. Als unser zweites Kind zur Welt kam, wir haben eine 8-jährige Tochter und einen 6-jährigen Sohn, entschieden meine Frau und ich, wieder nach Tirol zurückzugehen, schließlich ging ich nur der Ausbildung wegen in die Bundeshauptstadt. Dass ich im Anschluss in den Landesdienst eintrat, war eher Zufall: Das Land Tirol schrieb eine Stelle aus, die mir zeitlich gelegen kam. Nach einem Hearing war ich sodann ab 2019 eine Art „Verbindungsmann“ des Landes Tirol in Wien, jedenfalls als verlängerter Arm aktiv – ein außergewöhnlicher Job und eine unglaubliche Chance. Meine Aufgabe war es, für Tirol in Wien zu lobbyieren, Gesetze mitzuverhandeln, bevor sie in den Ministerrat gingen, sohin lange bevor sie ihm Nationalrat landen. Jede Tirolerin und jeden Tiroler in allen Ministerien habe ich besucht … vermutlich habe ich aber ein paar ausgelassen (schmunzelt). Ich war eng an der Legistik, an der Politik und habe jedenfalls gelernt, wie unser Staat funktioniert. Im Anschluss wurde ich noch Büroleiter von Landeshauptmann Günther Platter sowie – zu Beginn – von Landeshauptmann Anton Mattle, bevor ich meinen Traum einer eigenen Rechtsanwaltskanzlei 2023 realisieren konnte. Ich bin bewusst wieder aus dem Landesdienst ausgetreten und in die Selbstständigkeit gewechselt. Die Möglichkeit für den Nationalrat zu kandidieren, hat sich im Vorjahr sodann wieder ergeben, als Freiberufler habe ich mir diese Entscheidung nicht leicht gemacht. Meinen Beruf für die Politik aufzugeben war keine Option. Dies gibt mir Unabhängigkeit. Heuer im März wurde ich schließlich für den Wahlkreis Innsbruck und den Landeswahlkreis Tirol für die Volkspartei zum Nationalrat angelobt.
Es gibt wahrscheinlich keinen „klassischen“ Alltag eines Nationalratsabgeordneten. Aber wie sieht eine typische Arbeitswoche für Sie aus – zwischen Innsbruck, Wien, Familie und Ihrer Kanzlei?
Meine Familie unterstützt mich, sonst wäre dies nicht möglich. Mein Arbeitstag in Innsbruck sieht zumeist so aus, dass ich ganztags auf Terminen bin, zumeist in der Kanzlei, zwischendurch oder abends auf Veranstaltungen und Gremialsitzungen. Das Telefon ist mein ständiger Begleiter, ein Akku am Tag reicht nicht. Glücklicherweise habe ich, was die Kanzlei betrifft, ein sehr gutes Team, natürlich sitze ich aber auch selbst an den Akten. Hinzu kommen Gerichtsverhandlungen. Der Tag hat 24 Stunden, Wochenenden sind Arbeitstage. Meine Tage in Wien spielen sich hingegen ganztags im Parlament ab: Nationalratssitzungen, Ausschüsse, politische Termine. Die eigentliche politische Arbeit passiert aber darüber hinaus: nur im Plenum zu sitzen und die Hand zu heben, wäre zu wenig. Damit am Ende noch genügend Familienzeit bleibt, braucht es ein gutes Zeitmanagement und Abstriche etwa bei Hobbys. Denn letztlich sind beide Berufe keine 9-to-5-Jobs. Und es braucht Humor. Jeden Tag.
Bis zu Ihrem Antritt zum Nationalrat waren Sie zusätzlich etwa Honorarkonsul eines EU-Staates, Bankaufsichtsrat, Mitglied in Beiräten und Stiftungen. Wie geht sich dies alles aus?
Wie gesagt, in dem ich Abstriche mache. Ich muss bei jeder Tätigkeit überlegen, welchen Hut ich trage. Bin ich als Rechtsanwalt unterwegs oder als Nationalrat? Hier braucht es eine saubere Trennung. Mit Beginn meiner politischen Tätigkeit habe ich vieles ab- und zurückgelegt. Etwa bei Unvereinbarkeiten, jedenfalls aber auch aus Zeitgründen. Ehrenamtliches ist mir geblieben.
Sie sind Mitglied in mehreren Ausschüssen, unter anderem für Justiz, Menschenrechte, Konsumentenschutz und dem Rechnungshof. Welche politischen Kernanliegen prägen Ihre Arbeit dort?
Durch meinen beruflichen Hintergrund bin ich naturgemäß bei den Justizthemen besonders eng dran. Ein großer Teil der Gesetzgebung im Zivilrecht läuft über das Justizministerium – und der Großteil dessen landet letztlich im Justizausschuss. Dieser ist ein sehr aktiver, fachlich getriebener Ausschuss, in dem viele Juristinnen und Juristen sitzen. Parteipolitik spielt dort weniger eine Rolle, das ist mir auch sehr recht. Mein Hauptanliegen ist die Verwaltungsvereinfachung – ich vermeide bewusst den Begriff „Bürokratieabbau“, dieses Wort kann niemand mehr hören. Ich bin selbstkritisch – wir stehen uns hier seit vielen Jahren einfach selbst im Weg, ich bin auch verärgert. Wenn wir hier nicht endlich gemeinsam größere Reformen zusammenbringen, wird die Politik auch nicht ihr verlorenes Vertrauen zurückgewinnen.
Welche sind die Anliegen, die Tirol – speziell das Tiroler Oberland – betreffen und die Sie bewusst stärker ins Blickfeld rücken möchten?
Im Tiroler Oberland gibt es einige Dauerbrenner: die Verkehrsbelastung und den Tourismus, Stichwort Saisonkontingente, Lohnnebenkosten etc. Das dominierende Thema ist aber auch hier die Inflation. Wohnen, Energie, Lebensmittel: Alles wird teurer, und das spüren die Menschen jeden Tag. Die Politik muss hier dringend liefern.
Seit Kurzem tagt der Pilnacek-Untersuchungsausschuss, in dem auch Sie Mitglied sind. Wie sieht Ihre Funktion dort aus – und wie kann man sich den Ablauf eines solchen Ermittlungsprozesses vorstellen?
Untersuchungsausschüsse sind ein wesentliches demokratisches Instrument – sie sichern die parlamentarische Kontrolle, sind ein Minderheitenrecht, und das ist gut und wichtig so. Was mich jedoch stört, ist der Missbrauch dieses Instruments für parteipolitisches Kleingeld. Wenn etwas aufzuklären ist, dann soll es aufgeklärt werden: durch die Justiz, durch die Ermittlungsbehörden und – ergänzend – durch die politische Kontrolle im U-Ausschuss. Aber häufig steht eben nicht die Sache im Vordergrund, sondern Parteipolitik. Meine Rolle dort ist klar: Ich bin – entsprechend der Fraktionsgröße – einer von mehreren Mitgliedern im Ausschuss. Und ein U-Ausschuss ist kein politisches Schauspiel, sondern vom Ablauf her einem Gerichtsverfahren sehr ähnlich. Er dauert den ganzen Tag, Auskunftspersonen werden unter einem strengen Regelwerk befragt, und es geht zur Sache. Mein Anspruch ist es, einen sachlichen, objektiven Beitrag zur Aufklärung zu leisten. Der Untersuchungszeitraum ist klar definiert: Er beginnt mit dem Tag des Todes und umfasst die darauffolgenden Ermittlungen. Vorangegangene Themen spielen für diesen Ausschuss keine Rolle. Es geht um Fragen wie: Wurde korrekt ermittelt – ja oder nein? Und es geht darum, Verschwörungstheorien mit Fakten zu begegnen. Ein Blick in ihren Wikipedia Eintrag offenbart: Sie sind Major bei den Tiroler Schützen, Mitglied der Rechtsanwaltskammer und Mitglied einer katholischen Studentenverbindung.
Besonders interessiert mich aber Ihre Mitgliedschaft im „Ritterorden vom Heiligen Grab zu Jerusalem“. Wie wird man in einen solchen Orden aufgenommen – und was bedeutet diese Aufnahme?
Der Ritterorden vom Heiligen Grab zu Jerusalem ist ein päpstlicher, vom Vatikan anerkannter Orden. Der Orden entstand aus dem Bedürfnis, Pilger im Heiligen Land zu unterstützen. In den Orden kann man nicht einfach eintreten – man bewirbt sich nicht. Man wird angesprochen. Das Besondere ist, dass sowohl Geistliche als auch Laien Mitglieder sein können. Und natürlich ist der Orden eine starke Gemeinschaft, in der man sehr viele Menschen aus den unterschiedlichsten Bereichen kennenlernt. Mit so einer Vereinigung muss man sich identifizieren können – mit ihrer Geschichte und ihrem Auftrag. Durch die Mitgliedschaft war ich in den vergangenen Jahren auch öfter in Rom, zuletzt bei einer Generalaudienz des neuen Papstes, bei der ich in der ersten Reihe sitzen durfte. Das sind besondere Momente. Grundsätzlich mag ich die Unterschiedlichkeit von Vereinen: Sportvereine, Schützen, Ritterorden, Studentenverbindung – überall trifft man andere Menschen, andere Generationen, andere Traditionen. Ich bin gern unter Leuten, das macht mir Freude.
Sie haben bereits erwähnt, dass Hobbys bei Ihnen derzeit zu kurz kommen. In Ihrem Portraitvideo auf der Parlamentshomepage erzählen Sie, dass Ihr erster Job, der eines Snowboardlehrers war. Bleibt heuer also keine Zeit mehr für ein paar Schwünge am Ötztaler Gletscher?
Ein bisschen Sport mache ich schon – aber natürlich viel zu wenig. Mein eigentlicher Ausgleich ist die Familie. Mit den Kindern gehe ich wandern, wir machen Ausflüge, gehen schwimmen – das ist die Zeit, die mir am meisten Kraft gibt. Eigener Sport für mich bleibt dabei eher auf der Strecke. Wenn ich es vergangenes Jahr zweimal auf die Piste geschafft habe, war das schon viel – aber ich gehe wirklich gern. Und ich bin zuversichtlich, dass das wieder mehr wird, sobald die Kinder größer sind.
Was wäre ein politisches Ziel, an dem Sie gemessen werden möchten – etwas, von dem Sie sagen würden: „Wenn mir das gelingt, hat sich mein Einsatz im NR gelohnt“?
Wenn am Ende der Legislaturperiode die Menschen sagen: „Der Staat funktioniert wieder besser, die Verwaltung ist einfacher, die Bürokratie weniger belastend“, dann hat sich auch mein Einsatz gelohnt. Kompetenzverteilung, die Neuverteilung einiger Aufgaben zwischen Bund und Ländern, womit eine Verfassungsänderung einhergeht … dafür stehe ich. Und ich bin selbstkritisch, Politik braucht wieder mehr Demut. Denn es sind nicht immer nur die anderen schuld, letztlich braucht es für jedes Thema Mehrheiten und geht es sohin nur gemeinsam - parteiübergreifend. Wenn ich hier einen aktiven Beitrag leisten kann und man am Schluss sagt: „Der Grüner hat etwas weitergebracht“, dann würde ich mich freuen.





