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„Die Liebe führte mich hierher“

Neue evangelische Pfarrerin will im Oberinntal Begegnung, Gemeinschaft und Vertrauen stärken

Die Liebe führte sie zurück nach Tirol, eine neue berufliche Aufgabe ins Oberinntal: Nach Jahren in Rom und Wien ist die evangelische Pfarrerin Anna Vinatzer aus Südtirol nun in Landeck angekommen. Im RUNDSCHAU-Interview spricht sie über Heimat, Ökumene, Einsamkeit und darüber, wann sie sich wirklich angekommen fühlen würde.

29. September 2026
„Die Liebe führte mich hierher“
Die Südtirolerin Anna Vinatzer arbeitet seit einem Monat in Landeck. Foto: Martina Schomacker
RUNDSCHAU: Sie haben in Rom und Wien gelebt und gearbeitet. Was hat Sie dazu bewogen, ins Oberinntal bzw. nach Landeck zu wechseln?
Anna Vinatzer: Die Liebe! Ich bin seit zwei Jahren mit einem waschechten Oberinntaler verheiratet. Einige Jahre lang haben wir eine Fernbeziehung zwischen Wien und Innsbruck geführt und immer wieder überlegt, wo wir als Familie leben möchten. Als mein Vertrag in der Wiener Pfarrgemeinde im Sommer 2026 auslief, stand eine Entscheidung an. Die Stelle im Oberinntal hat mich auch deshalb angesprochen, weil die Gemeindesituation hier ganz anders ist als in Wien. Nach zehn Jahren Wien, wo ich auch meine Ausbildung begonnen habe, habe ich eine neue Herausforderung gesucht, und ich freue mich jetzt darauf, die Menschen und ihre Orte kennenzulernen.

RUNDSCHAU: Was war Ihr erster Eindruck von der evangelischen Gemeinde und den Menschen hier? Gab es bereits eine Begegnung, die Ihnen besonders in Erinnerung geblieben ist?
Anna Vinatzer: Mein erster Eindruck war: Diese Gemeinde ist unglaublich weitläufig! In Wien konzentrierte sich vieles auf einen Ort. Hier bin ich unterwegs, um die Menschen zu treffen, manchmal über viele Kilometer hinweg. Jeder Weg hat sich bisher gelohnt. Ich bin sehr herzlich aufgenommen worden und erlebe ein engagiertes Team von Ehrenamtlichen, das mich bei meiner Arbeit unterstützt. Eine einzelne Begegnung herauszugreifen, fällt mir nach diesem ersten Monat schwer. Was mir in Erinnerung bleibt, ist vielmehr die Offenheit, die mir überall begegnet: in den Schulen, auf den Friedhöfen, in den katholischen Gemeinden und natürlich in unserer eigenen Gemeinde.

RUNDSCHAU: In einem Abschiedstext schreiben Sie, dass Sie mit Ihrer Familie wieder näher an Ihren Wurzeln in Südtirol und Tirol sein möchten. Was bedeutet Heimat für Sie?
Anna Vinatzer: Ich habe in den vergangenen 20 Jahren an verschiedenen Orten studiert und gearbeitet. Jeder dieser Orte ist ein Stück meiner Heimat geworden. Vielleicht hat das auch damit zu tun, dass ich als Tochter einer Deutschen und eines Südtirolers schon als Kind mehr als einen Ort als Zuhause erlebt habe. Mit den Jahren ist mir aber noch wichtiger geworden, mit meinen beiden Kindern endlich den Menschen nahe zu sein, die wir lieben und die unsere Familie sind: meinen Geschwistern und vor allem meinem Mann. Ich hätte mir auch gewünscht, meine Eltern in ihrem letzten Lebensabschnitt aus der Nähe begleiten zu können. Dass mir das nicht möglich war, schmerzt mich. Umso dankbarer bin ich, jetzt in der Nähe meiner Familie leben zu dürfen.

RUNDSCHAU: Wie erklären Sie jemandem, der die evangelische Kirche im Bezirk kaum kennt, was Ihre Gemeinde ausmacht?
Anna Vinatzer: Da komme ich noch einmal auf das Wort Heimat zurück. Ich erlebe Menschen, für die unsere Gemeinde ein Stück Heimat ist. Sie gestalten sie mit und kümmern sich umeinander. Andere suchen Anschluss, Freundschaften oder einfach einen Ort, an dem sie willkommen sind. So möchte ich Gemeinde verstehen: als Gemeinschaft, in die sich jede und jeder mit den eigenen Möglichkeiten einbringen kann. Man darf aber auch einfach da sein. „Jeder kann, niemand muss“ – dieser Gedanke ist mir wichtig. Getragen wird unsere Gemeinschaft von der Botschaft Jesu, die Menschen willkommen heißt und niemanden ausschließt.

RUNDSCHAU: Landeck ist katholisch geprägt. Wo erleben Sie Gemeinsamkeiten zwischen den Konfessionen, und wo wünschen Sie sich mehr Austausch?
Anna Vinatzer: Meine bisherigen Begegnungen mit katholischen Kolleginnen und Kollegen, sowohl in den Gemeinden als auch in der Krankenhausseelsorge, waren von großer Offenheit und Herzlichkeit geprägt. Es sind sogar einige bekannte Gesichter aus meiner Studienzeit in Innsbruck dabei. Man hilft einander und freut sich über den Austausch. Obwohl die evangelische Kirche hier eine kleine Minderheit ist, habe ich mich bisher sehr wertgeschätzt gefühlt. Mein Vorgänger Richard Rotter hat sich stark für die Ökumene eingesetzt und tut das weiterhin. Auf dieser guten Zusammenarbeit können wir aufbauen. Dazu gehören etwa die ökumenischen Taizé-Gebete in unserer Kirche in Landeck und die ökumenischen Gottesdienste in der Johanneskirche in Imst. Wo weiterer Austausch und neue Angebote gewünscht sind, möchte ich gemeinsam mit den Menschen hier herausfinden.

RUNDSCHAU: Als Pfarrerin fallen Sie hier womöglich stärker auf als in Wien. Welche Reaktionen erleben Sie auf eine Frau im Pfarramt?
Anna Vinatzer: Ehrlich gesagt ist mir bisher keine besondere Reaktion aufgefallen. Vielleicht liegt das auch daran, dass ich erst seit einem Monat hier bin. Die Menschen, denen ich begegnet bin, waren jedenfalls sehr offen. Darüber freue ich mich.

RUNDSCHAU: Was haben Sie aus Ihrer Zeit in Floridsdorf mitgenommen, das Sie in Landeck einbringen möchten?
Anna Vinatzer: Wie wichtig es ist, Orte der Begegnung zu schaffen. Einsamkeit gibt es nicht nur in der Großstadt. Auch hier begegne ich Menschen, die dazugehören und gesehen werden möchten. In Wien habe ich gern mit Gruppen gearbeitet – mit älteren Menschen, Eltern und Jugendlichen. Solche Möglichkeiten wünsche ich mir auch im Oberinntal. Orte, an denen Jung und Alt zusammenkommen, feiern und lachen, aber auch trauern können. Orte, an denen wir gemeinsam glauben und ebenso gemeinsam zweifeln dürfen.

RUNDSCHAU: Wenn Sie in einem Jahr auf Ihren Start in Landeck zurückblicken: Woran würden Sie erkennen, dass Sie gut angekommen sind?
Anna Vinatzer: Wenn Menschen von sich aus auf mich zukommen – auch mit Sorgen, Lebenskrisen oder Zweifeln. Und wenn Gemeindemitglieder sich trauen, mir ehrlich zu widersprechen oder Kritik zu äußern. Dann sind Beziehungen gewachsen, die das tragen. Das wäre für mich ein schönes Zeichen, dass ich angekommen bin.


Amtseinführung

Die offizielle Amtseinführung von Pfarrerin Anna Vinatzer in der Evangelischen Pfarrgemeinde Oberinntal – Landeck und Imst findet am 4. Oktober um 15 Uhr in der Markuskirche in Landeck statt. Die Amtseinführung wird von Superintendent Olivier Dantine vorgenommen. Im Anschluss an den Gottesdienst wird zu einem Empfang und zur persönlichen Begegnung eingeladen.
 
„Die Liebe führte mich hierher“
Der evangelischen Pfarrerin ist es wichtig, Orte der Begegnung zu schaffen. Foto: Birgit Dosser

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