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Stanzach vor 100 Jahren

3. März 2026 | von Peter Linser
Stanzach vor 100 Jahren
Stanzach vor 100 Jahren.
Repro: Linser
ANDERE ZEITEN – ANDERE SITTEN. Als die weltliche und auch geistliche Obrigkeit als selbsternannter Zensor für die angeblich unbedarften Untertanen befand, was gut oder schlecht für sie sei, wurde sogar der kursierende Lesestoff in Augenschein genommen, um das Seelenheil der „Bauersleute“ zu gewährleisten. So auch in Stanzachs „Quasi-Leihbücherei“. 

Hochwürdiges f. b. Dekanalamt! Ich bin in Kenntnis gesetzt worden, dass in meiner Seelsorge Bücher kursieren und von den Leuten gelesen werden, die eben nicht für Bauersleute taugen und verdächtigen Inhalts sind. Und wer sind die Verteiler? Ein gewisser Rehbichler, angestellt bei der Dogana (= Zoll) in Reutte, der bei 700 Bände haben soll und den Band wöchentlich für 3 Kreuzer verleiht. Ich halte es für meine Pflicht, das hochw. f. b. Dekanalamt hierüber in Wissen zu setzen, dass die geeigneten Maßregeln getroffen werden können.  Einstweilen schließe ich ein Bändchen bei, das das Obige darthut. Wegen Mangel an Zeit konnte ich es nicht durchmustern. Ich werde fleißig Rundschau halten, um der quasi Leihbibliothek Rehbichlers zu Leibe zu gehen. Mit ausgezeichneter Hochachtung. Stanzach, 11. Jänner 1859, A. Falger, Seelsorger

Zwei Tage später ergab die Zensur mittels eifriger „Rundschau“ doch noch eine ergiebige Ausbeute, wie dem fürstbischöflichen Dekanalamt mitgeteilt werden konnte. 

Hochwürdiges f. b . Dekanalamt! Hiemit übersende ich den Erfolg einer Rundschau – es sind Romane im eigentlichsten Sinn des Wortes. Ich habe mit geeigneten Belehrungen und Verwarnungen, wie ich glaube, es nicht fehlen lassen. Dem Rehbichler wird das Dekanalamt die Bücher gütigst zukommen lassen wollen, und ich bin der Überzeugung, das Meine gethan zu haben, aber auch noch fernerhin machen zu sollen.  Stanzach, 13. Jänner 1859, Falger, Expositus
(Quelle: Pfarr- u. Dek. Archiv Btwg.) 

Peter Linser
 

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