„One day, one way!“
Auf 130 Kilometern des Lechwegs lernte Emanuel Lang laufend Neues über sich selbst
„Einmal den Lechweg vom Formarinsee bis zum Lechfall in Füssen durchwandern“ – dieser Wunsch steht auf vielen persönlichen Wunschlisten. Zahlreiche Wanderer haben ihn bereits verwirklicht. Emanuel Lang aus Grießau stellte sich einer noch größeren Herausforderung: Er lief den rund 130 Kilometer langen Lechweg an einem Tag, durchlebte intensive Emotionen und wuchs persönlich an dieser Aufgabe.
4. August 2026
Nach 22 Stunden Laufen hatte Emanuel das Ziel, die Lechfallbrücke bei Füssen, erreicht. Fotos: Privat
Emanuel Lang ist 46 Jahre alt und Vater von zwei Söhnen. Er beschreibt sich als positiven und wissbegierigen Menschen, der offen für Neues ist. Zum Sport fand er vergleichsweise spät: Mit 30 Jahren entdeckte er das Klettern für sich. Heute zählen Bergsteigen, Skitourengehen, Laufen, Paragleiten, Rennradfahren, Mountainbiken und Yoga zu seinen großen Leidenschaften. Auch ein wenig Verrücktheit gehört für ihn dazu. „Ich fiel öfter schon mit Dingen auf, die nicht ganz normal sind“, erzählt er der RUNDSCHAU. Während der Corona-Pandemie überlegte Emanuel gemeinsam mit seinem Bruder und Freunden, welches Projekt sie angehen könnten. Weil das Gute oft direkt vor der eigenen Haustür liegt, rückte schließlich der Lechweg in den Fokus.
EIN PROJEKT MIT BESONDEREM NAMEN. Die rund 130 Kilometer vom Formarinsee bis zum Lechfall in Füssen an einem Tag zu laufen und dabei der Originalroute ohne die sogenannten „Lechschleifen“ zu folgen – dieser Idee gab Emanuel einen Namen: „One day, one way“. Im Jahr 2021 versuchte er es zum ersten Mal, musste den Lauf jedoch bei Elmen/Klimm abbrechen. „Ich war zu schnell gestartet, kam zweimal in einen Regen und hatte vor allem beim Abwärtslaufen große körperliche Probleme“, schildert der Grießauer. Obwohl er sich selbst nicht als klassischen Läufer sieht, konzentrierte er sich danach verstärkt auf diese Sportart. Er umrundete laufend den Reuttener Talkessel und legte dabei 72 Kilometer zurück. Im Oktober 2025 nahm er am ersten Lechtal Backyard Ultra in Vorderhornbach teil. Bei diesem Format starten die Teilnehmer zu jeder vollen Stunde erneut auf dieselbe Runde. Wer nicht innerhalb von 60 Minuten an die Startlinie zurückkehrt, scheidet aus. Gewonnen hat der „Last One Standing“, also der letzte verbliebene Läufer. Im November 2025 absolvierte Emanuel außerdem den New-York-Marathon – für ihn „ein sehr intensives Erlebnis“. Beim Lechtal Backyard Ultra wurde ihm bewusst, dass er sowohl mental als auch körperlich in der Lage war, eine Strecke von über 100 Kilometern zu laufen.
Der zweite Versuch auf dem Lechweg fiel in eine emotional schwierige Lebensphase, die von großen privaten Veränderungen geprägt war. Vor diesem Hintergrund priorisierte Emanuel den Gedanken, den Lechweg an einem Tag zu laufen, gegenüber dem Plan, gemeinsam mit Kollegen zum 4.000er-Bergsteigen ins Wallis zu gehen. Nach dem gescheiterten Versuch im Jahr 2021 änderte Emanuel seine Strategie. Rund um ihn formierte sich ein Betreuerteam. „Ohne diese Unterstützung wäre alles nicht möglich gewesen. Ich bin Stefan Moosbrugger, meinem Sohn Leo und Martin Auer sehr dankbar, dass sie mich an den insgesamt 18 Support-Stellen so gut betreut haben“, erklärt Emanuel. „Ich fühlte mich körperlich in der Lage, diese umzusetzen. Mental hatte ich jedoch sehr zu kämpfen. Mit und durch starke Emotionen habe ich es aber geschafft“, gesteht er offen.
DER 7. JULI 2026. Die Bedingungen waren ideal: Das Wetter passte, und Emanuel fühlte sich bereit. Am Vorabend, dem 6. Juli, holte Stefan Moosbrugger ihn um 23 Uhr zu Hause in Grießau ab und brachte ihn zum Ausgangspunkt am Formarinsee. Auf der Fahrt zum Start frühstückte Emanuel. Er hatte sich vorgenommen, seine Kräfte klug einzuteilen, sich jede Stunde zu dehnen und die Aufenthalte an den Versorgungspunkten gut zu nutzen. Dennoch fand er zu Beginn nicht in seinen Rhythmus. „Es war bis Lech eine Tortur!“, erinnert er sich. Sein Körper habe ihm zahlreiche Warnsignale gesandt. Nach Lech besserte sich sein Zustand, und er kam gut ins Laufen. Den Tagesanbruch erlebte Emanuel auf der Strecke zwischen Lechleiten und Steeg. Gegen 9.30 Uhr erreichte er seinen Heimatort Grießau. Damit hatte er genau die Hälfte der Strecke hinter sich. Nach einer kurzen Regenerationspause setzte er seinen Lauf fort. Beim Doser Wasserfall in Häselgehr traf Emanuel auf ein junges Paar, das ebenfalls auf dem Lechweg unterwegs war. Die beiden hatten für den Weitwanderweg sieben Tage eingeplant und waren erstaunt, als Emanuel ihnen erklärte, noch am selben Tag bis Füssen laufen zu wollen. Besonders wichtig war für ihn, bei Klimm jene Stelle zu passieren, an der sein erster Versuch gescheitert war. „Das war sehr befreiend. Besonders gefreut hat mich, dass mich dort mein Sohn supportet hat.“ Körperlich fühlte er sich zu diesem Zeitpunkt so gut, dass er sich sogar bremsen musste, um seine Kräfte zu schonen. Gleichzeitig stiegen die Temperaturen, und ausreichendes Trinken wurde immer wichtiger. Der Abschnitt bei Vorderhornbach, den Emanuel vom Lechtal Backyard Ultra kannte, war für ihn „ein Lauf voller Erinnerungen“. In Höfen schloss sich Martin Auer an und begleitete ihn bis Wängle. Über den Frauensee führte die Strecke weiter nach Hinterbichl. „Dort trank ich ein alkoholfreies Bier und aß ein paar Honigwaffeln, die Martin dabei hatte. Das war vielleicht nicht sehr professionell, tat aber so gut!“, erzählt Emanuel, für den nicht die Jagd nach einem Rekord, sondern das Erlebnis des Laufens im Mittelpunkt stand.
Unterwegs erlebte er spontane Gemeinschaft: Eine Läuferin überholte ihn und lief anschließend gemeinsam mit ihm bis nach Pflach. Vom Kniepass an begleitete Martin Auer ihn erneut. Inzwischen dämmerte es, und Emanuel nahm die letzte Etappe in Angriff. Beim Alpsee erlebte er den Sonnenuntergang, am Schwansee war es bereits dunkel. Über den Kalvarienberg bei Füssen führten die letzten Meter hinunter zum Lechfall. „Als ich dort um 22.30 Uhr auf der Brücke stand, hatte ich einen Gedanken: Geschafft!“, berichtet Emanuel. Die überwältigende Ergriffenheit, die er von hohen Gipfeln kennt, stellte sich auf der Lechbrücke allerdings nicht ein. Stattdessen überwog die schlichte Gewissheit, das Ziel erreicht zu haben.
Rund 130 Kilometer und etwa 4.000 Höhenmeter (Höhendifferenz) lagen hinter ihm. Um 2 Uhr war Emanuel wieder zu Hause und lag im Bett. Am nächsten Morgen stand er ohne gröbere Beschwerden auf. Nach einem Erholungstag unternahm er gemeinsam mit Kollegen sogar eine kleine Bergtour auf die Kaisersteinspitze.
Ob bereits das nächste große Projekt Gestalt annimmt, lässt Emanuel Lang offen. Die entsprechende Frage beantwortet er etwas kryptisch: „Jetzt sehen wir, was die Zeit bringt.“
Sabine Schretter 




