Zu wenig Kassenärzte für zu viele Kinder
Tirolweit fehlen Kinderärzte: Die RUNDSCHAU sprach mit zwei Kassenkinderärzten aus Telfs und Völs
Sowohl in Tirol als auch in ganz Österreich stagniert die Zahl an Kinderkassenärzten, während Privatpraxen deutlich zunehmen. Von Obsteig bis Völs gibt es lediglich zwei niedergelassene Ärzte im Bereich der Kinder- und Jugendheilkunde: Dr. Christian Hilkenmeier in Telfs und Dr. Thomas Giner in Völs. Die RUNDSCHAU hat mit beiden Kinderfachärzten über die aktuelle Situation gesprochen.
Nina Zacke
5. Dezember 2023
Kinder aus allen Tiroler Gemeinden haben eine gute medizinische Versorgung vor Ort verdient, deshalb braucht es mehr Kassenärzte. Foto: iStock
Von Nina Zacke
In ganz Tirol gibt es immer weniger Kinderärzte mit Kassenvertrag. Im Bezirk Innsbruck-Land behandeln lediglich fünf Kassenkinderärzte, von Völs bis ins Oberland sind es zwei: ein Kinderarzt in Telfs und einer in Völs. Während Kassenstellen nicht nachbesetzt werden, nimmt die Anzahl an Wahlärzten allerdings zu. Gerade kürzlich eröffnete eine Kinderfachärztin mit privater Praxis im westlichen Mittelgebirge.
GROSSE SUMMENBELASTUNG AN PATIENTEN. In Österreich haben nur knapp 300 Kinderärzte einen Kassenvertrag. Das entspricht einer Betreuungsquote von einem Kassenkinderarzt pro 5000 Kinder und Jugendliche. „Es ist eine große Summenbelastung an Patienten. Es fehlen einfach zu viele Ärzte mit Kassenvertrag, weswegen viele Kinderärzte etwa in Innsbruck keine neue Patienten mehr aufnehmen, weil sie am Limit sind“, schildert der in Völs niedergelassene Kinderkassenarzt Thomas Giner die prekäre Situation. Gerade wenn die Kinder in der Herbst- und Winterzeit nahezu dauerhaft schniefen, husten oder fiebern, nehmen auch die Arztbesuche zu. Bis zu 160 kleine Patienten sieht der Telfer Kinderarzt Christian Hilkenmeier an manchen Tagen in der kälteren Saison. Ohne sein Team, das dem Kinderkassenarzt in der Vor- und Nachbehandlung assistiert, und einer Organisation im Praxisablauf könnte diese Masse an Patienten nicht bewältigt werden. Ganz praktisch heißt das: Mehrere Behandlungsräume und Assistentinnen, die beispielsweise Warzen vereisen, Spritzen vorbereiten oder Kleinkinder im Rahmen der Mutterkindpass-Untersuchung wiegen, abmessen und beruhigen. „Wenn ich das alles selber tun müsste, würde es nicht funktionieren“, weiß der Telfer Mediziner ganz genau. Für Giner sind es täglich bis zu 130 Kinder. „Ich betreue Kinder und Jugendliche aus den umliegenden Gemeinden, leider muss ich aber sagen, es sind sehr viele“, sagt der Völser Kinderarzt ganz offen. Für Giner ist die Belastung der vielen Patienten nicht nur auf die fehlenden Kassenstellen im Oberland zurückzuführen, sondern vor allem auch aufgrund der zwei nicht besetzten Kassenstellen in Innsbruck. Trotz der Menge an Patienten kommt es jedoch in beiden Praxen zu keinem Aufnahmestopp. Sowohl in der Ordination in Telfs als auch in Völs wird jedes Kind, je nach Krankheitszustand, am selben Tag behandelt. Dabei sind die Ärzte samt Team stets bestrebt, die Wartezeiten möglichst kurz zu halten.
MEHR PATIENTEN, WENIGER ZEIT. Für Wahlärzte und Privatpatienten funktioniert das medizinische System. Für Patienten, die auf einen Kassenarzt angewiesen sind, nicht. Denn die Rechnung ist einfach: Wenn Privatärzte weniger, aber besser zahlende Patienten behandeln, müssen die übrig geblieben Kassenärzte eine größere Zahl an Patienten bewältigen. Klar ist deshalb, dass aufgrund der Vielzahl an kleinen Patienten die Betreuungszeit pro Kind kürzer wird. Oftmals sind das nicht mehr als fünf Minuten. „Es wäre angenehmer, mehr Zeit für die einzelnen Kinder und Jugendlichen zu haben“, gibt der Völser Kinderarzt Thomas Giner ganz offen zu. „Was auf der Strecke bleibt, ist meist das Gespräch mit den Eltern“, so Giner weiters. Auch wenn beide Kinderärzte eine qualitativ gute Behandlung von allen Kindern ermöglichen, heißt das dennoch, dass Mütter oder Väter samt krankem Kind im Gepäck oftmals einen weiten Weg auf sich nehmen müssen, um überhaupt zu einem Kinderkassenarzt zu gelangen. Wer etwa in Oberperfuss ein krankes Kind zuhause hat, muss also zwanzig Minuten nach Telfs zur Kassenpraxis fahren. Und das nur, wenn ein Auto vorhanden ist. Wer mit öffentlichen Verkehrsmitteln unterwegs ist, braucht noch länger. Einfach, weil ein eigener Kassenfacharzt für Kinderheilkunde in unzähligen Tiroler Gemeinden fehlt!
STIPENDIEN SOLLEN MEDIZINSTUDIERENDE AN KASSENVERTRAG BINDEN. Problematisch sieht auch die Zukunft der Kassenärzte aus. So bleiben bereits jetzt immer wieder Kassenstellen unbesetzt, etwa in Innsbruck oder in St. Johann, die bereits über 50-mal ausgeschrieben wurde. Um den Ärztebedarf von morgen zu decken, vergibt die Österreichische Gesundheitskasse (ÖGK) deshalb für Medizinstudierende an Österreichs Universitäten ab dem dritten Studienjahr in Allgemeinmedizin, Kinder- und Jugendheilkunde, Frauenheilkunde und Geburtshilfe, Psychiatrie und psychotherapeutische Medizin sowie Kinder- und Jugendpsychiatrie Stipendien. Im vergangenen Studienjahr waren es rund 50 ÖGK-Stipendien in der Höhe von monatlich 923 Euro. Wer das Stipendium in Anspruch nimmt, verpflichtet sich nach der Berufsausbildung zur Übernahme eines Kassenvertrages für mindestens fünf Jahre in einer ÖGK-Bedarfsregion. Warum es in Fachgebieten wie der Kinder- und Jugendheilkunde immer weniger Niederlassungen mit Kassenvertrag gebe, versteht Hilkenmeier auch nicht. „Für mich persönlich ist eine Kassenordination eine tolle Sache“, sagt er. Er komme jeden Tag gern in die Ordination. „Je mehr Patienten, desto interessanter sind auch die Fälle.“ Der Kinderfacharzt ist überzeugt, dass Jungärzte heutzutage nicht bereit seien, täglich so viel Arbeitsleistung zu erbringen. Die geltenden Tarifbestimmungen führen dazu, dass für viele Ärzte der Beruf des Kassenarztes unattraktiv ist. Laut ÖGK bestehen Limitierungen in der Anzahl von Leistungen, die verrechnet werden können. Je öfter ein Kind in die Praxis kommt, umso weniger Leistungen können abgerechnet werden „Das macht die Kassenarbeit für viele uninteressant“, ist sich Giner sicher. Die kleineren Kinder, die im Herbst und Winter häufiger kommen, müssten deshalb aus den Tarifbestimmungen herausgenommen werden.
ES BRAUCHT MEHR KASSENKINDERÄRZTE. Laut Statistik stagniert die Zahl der Kassen-Vertragsärzte österreichweit, während die Anzahl der Wahlärzte konstant ansteigt. Die freie Arztwahl findet Christian Hilkenmeier prinzipiell gut. Dennoch sei die gesamtgesellschaftliche Tendenz in seinen Augen besorgniserregend. Denn: Die Menschen wollen sich Zeit erkaufen, Zeit für Dinge, die medizinisch nicht immer relevant seien, erklärt Kinderarzt Thomas Giner. „Wir wollen den Kindern eine gute Versorgung bieten, deswegen braucht es mehr Ärzte, die die Kassenstellen besetzen“, sagt Giner.
In ganz Tirol gibt es immer weniger Kinderärzte mit Kassenvertrag. Im Bezirk Innsbruck-Land behandeln lediglich fünf Kassenkinderärzte, von Völs bis ins Oberland sind es zwei: ein Kinderarzt in Telfs und einer in Völs. Während Kassenstellen nicht nachbesetzt werden, nimmt die Anzahl an Wahlärzten allerdings zu. Gerade kürzlich eröffnete eine Kinderfachärztin mit privater Praxis im westlichen Mittelgebirge.
GROSSE SUMMENBELASTUNG AN PATIENTEN. In Österreich haben nur knapp 300 Kinderärzte einen Kassenvertrag. Das entspricht einer Betreuungsquote von einem Kassenkinderarzt pro 5000 Kinder und Jugendliche. „Es ist eine große Summenbelastung an Patienten. Es fehlen einfach zu viele Ärzte mit Kassenvertrag, weswegen viele Kinderärzte etwa in Innsbruck keine neue Patienten mehr aufnehmen, weil sie am Limit sind“, schildert der in Völs niedergelassene Kinderkassenarzt Thomas Giner die prekäre Situation. Gerade wenn die Kinder in der Herbst- und Winterzeit nahezu dauerhaft schniefen, husten oder fiebern, nehmen auch die Arztbesuche zu. Bis zu 160 kleine Patienten sieht der Telfer Kinderarzt Christian Hilkenmeier an manchen Tagen in der kälteren Saison. Ohne sein Team, das dem Kinderkassenarzt in der Vor- und Nachbehandlung assistiert, und einer Organisation im Praxisablauf könnte diese Masse an Patienten nicht bewältigt werden. Ganz praktisch heißt das: Mehrere Behandlungsräume und Assistentinnen, die beispielsweise Warzen vereisen, Spritzen vorbereiten oder Kleinkinder im Rahmen der Mutterkindpass-Untersuchung wiegen, abmessen und beruhigen. „Wenn ich das alles selber tun müsste, würde es nicht funktionieren“, weiß der Telfer Mediziner ganz genau. Für Giner sind es täglich bis zu 130 Kinder. „Ich betreue Kinder und Jugendliche aus den umliegenden Gemeinden, leider muss ich aber sagen, es sind sehr viele“, sagt der Völser Kinderarzt ganz offen. Für Giner ist die Belastung der vielen Patienten nicht nur auf die fehlenden Kassenstellen im Oberland zurückzuführen, sondern vor allem auch aufgrund der zwei nicht besetzten Kassenstellen in Innsbruck. Trotz der Menge an Patienten kommt es jedoch in beiden Praxen zu keinem Aufnahmestopp. Sowohl in der Ordination in Telfs als auch in Völs wird jedes Kind, je nach Krankheitszustand, am selben Tag behandelt. Dabei sind die Ärzte samt Team stets bestrebt, die Wartezeiten möglichst kurz zu halten.
MEHR PATIENTEN, WENIGER ZEIT. Für Wahlärzte und Privatpatienten funktioniert das medizinische System. Für Patienten, die auf einen Kassenarzt angewiesen sind, nicht. Denn die Rechnung ist einfach: Wenn Privatärzte weniger, aber besser zahlende Patienten behandeln, müssen die übrig geblieben Kassenärzte eine größere Zahl an Patienten bewältigen. Klar ist deshalb, dass aufgrund der Vielzahl an kleinen Patienten die Betreuungszeit pro Kind kürzer wird. Oftmals sind das nicht mehr als fünf Minuten. „Es wäre angenehmer, mehr Zeit für die einzelnen Kinder und Jugendlichen zu haben“, gibt der Völser Kinderarzt Thomas Giner ganz offen zu. „Was auf der Strecke bleibt, ist meist das Gespräch mit den Eltern“, so Giner weiters. Auch wenn beide Kinderärzte eine qualitativ gute Behandlung von allen Kindern ermöglichen, heißt das dennoch, dass Mütter oder Väter samt krankem Kind im Gepäck oftmals einen weiten Weg auf sich nehmen müssen, um überhaupt zu einem Kinderkassenarzt zu gelangen. Wer etwa in Oberperfuss ein krankes Kind zuhause hat, muss also zwanzig Minuten nach Telfs zur Kassenpraxis fahren. Und das nur, wenn ein Auto vorhanden ist. Wer mit öffentlichen Verkehrsmitteln unterwegs ist, braucht noch länger. Einfach, weil ein eigener Kassenfacharzt für Kinderheilkunde in unzähligen Tiroler Gemeinden fehlt!
STIPENDIEN SOLLEN MEDIZINSTUDIERENDE AN KASSENVERTRAG BINDEN. Problematisch sieht auch die Zukunft der Kassenärzte aus. So bleiben bereits jetzt immer wieder Kassenstellen unbesetzt, etwa in Innsbruck oder in St. Johann, die bereits über 50-mal ausgeschrieben wurde. Um den Ärztebedarf von morgen zu decken, vergibt die Österreichische Gesundheitskasse (ÖGK) deshalb für Medizinstudierende an Österreichs Universitäten ab dem dritten Studienjahr in Allgemeinmedizin, Kinder- und Jugendheilkunde, Frauenheilkunde und Geburtshilfe, Psychiatrie und psychotherapeutische Medizin sowie Kinder- und Jugendpsychiatrie Stipendien. Im vergangenen Studienjahr waren es rund 50 ÖGK-Stipendien in der Höhe von monatlich 923 Euro. Wer das Stipendium in Anspruch nimmt, verpflichtet sich nach der Berufsausbildung zur Übernahme eines Kassenvertrages für mindestens fünf Jahre in einer ÖGK-Bedarfsregion. Warum es in Fachgebieten wie der Kinder- und Jugendheilkunde immer weniger Niederlassungen mit Kassenvertrag gebe, versteht Hilkenmeier auch nicht. „Für mich persönlich ist eine Kassenordination eine tolle Sache“, sagt er. Er komme jeden Tag gern in die Ordination. „Je mehr Patienten, desto interessanter sind auch die Fälle.“ Der Kinderfacharzt ist überzeugt, dass Jungärzte heutzutage nicht bereit seien, täglich so viel Arbeitsleistung zu erbringen. Die geltenden Tarifbestimmungen führen dazu, dass für viele Ärzte der Beruf des Kassenarztes unattraktiv ist. Laut ÖGK bestehen Limitierungen in der Anzahl von Leistungen, die verrechnet werden können. Je öfter ein Kind in die Praxis kommt, umso weniger Leistungen können abgerechnet werden „Das macht die Kassenarbeit für viele uninteressant“, ist sich Giner sicher. Die kleineren Kinder, die im Herbst und Winter häufiger kommen, müssten deshalb aus den Tarifbestimmungen herausgenommen werden.
ES BRAUCHT MEHR KASSENKINDERÄRZTE. Laut Statistik stagniert die Zahl der Kassen-Vertragsärzte österreichweit, während die Anzahl der Wahlärzte konstant ansteigt. Die freie Arztwahl findet Christian Hilkenmeier prinzipiell gut. Dennoch sei die gesamtgesellschaftliche Tendenz in seinen Augen besorgniserregend. Denn: Die Menschen wollen sich Zeit erkaufen, Zeit für Dinge, die medizinisch nicht immer relevant seien, erklärt Kinderarzt Thomas Giner. „Wir wollen den Kindern eine gute Versorgung bieten, deswegen braucht es mehr Ärzte, die die Kassenstellen besetzen“, sagt Giner.







