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Social-Media-Verbot für Jugendliche unter 16?

RUNDSCHAU-ITler Alexander Scheiber und Redakteurin Christina Hötzel blicken auf die Pro- und Contra-Seite

Mit dem bereits umgesetzten Social-Media-Verbot für unter 16-Jährige in Australien und einem kürzlich beschlossenen Verbot für unter 15-Jährige in Frankreich erhält die internationale Debatte neue Dynamik. Auch in Österreich wird zunehmend über Sinn und Grenzen solcher Regelungen diskutiert. Vor diesem Hintergrund greifen wir das Thema eines möglichen Social-Media-Verbots für Jugendliche auf und ordnen die möglichen Auswirkungen auf Jugendliche, Eltern und Gesellschaft ein.
28. Jänner 2026 | von Harald Gstrein
Social-Media-Verbot für Jugendliche unter 16?
Schutz oder Einschränkung? Internationale Vorstöße zu Social-Media-Verboten für Jugendliche sorgen auch in Österreich für Diskussionen.

Foto: AdobeStock
Alexander Scheiber, ITler RUNDSCHAU:

Wir behandeln den Umgang mit Social Media gern als eine Frage der Disziplin: Wer sich schlecht fühlt, soll weniger scrollen. Das klingt vernünftig – ist aber die Logik eines Erwachsenen.


Für viele Jugendliche scheint Social Media eine ständige Dauerprüfung aus Vergleich, Bewertung und ständiger Verfügbarkeit zu sein. Gebaut von Plattformen, deren Geschäftsmodell Aufmerksamkeit ist. Diverse Studien zeigen im Durchschnitt nur kleine negative Zusammenhänge zwischen digitaler Nutzung und Wohlbefinden. Das ist aber keine Entwarnung, sondern vielmehr ein Hinweis: Die Effekte sind ungleich verteilt. Einige verwenden Social Media unauffällig, andere rutschen in problematische Nutzung – mit Kontrollverlust, Schlafmangel, Streit zu Hause. Diese problematische Nutzung nimmt zu. Die WHO Europa berichtet von einem Anstieg von sieben Prozent (2018) auf elf Prozent (2022). Hier kann nicht mehr von Randgruppen gesprochen werden. Und wer sagt: „Geh halt früher schlafen“, unterschätzt die Mechanik: endlose Feeds und Benachrichtigungen, Streaks, FOMO (Fear of Missing Out). Mehrere Studien bestätigen Zusammenhänge zwischen intensiver Nutzung und schlechterem Schlaf. Und dann ist da noch der Vergleichsdruck, vor allem dort, wo Körper und Selbstwert an Likes gekettet sind. Meta-Analysen zeigen Zusammenhänge zwischen Online-Vergleichen und Risiken für Körperbild- und Essprobleme. Somit besteht auch die Gefahr, dass (Cyber-)Mobbing nicht nach der Schule endet, sondern ins Kinderzimmer weiterwandert. Natürlich gibt es auch Vorteile: Community, kreative Räume, Unterstützung in diversen Problemstellungen. Es stellt sich aber die Frage: Warum müssen diese positiven Funktionen an ein System gekoppelt sein, das gleichzeitig Sog-Design und Datenprofiling normalisiert? Der ehemalige US-Surgeon-General warnt, man könne derzeit nicht sagen, Social Media sei für Kinder und Jugendliche ausreichend sicher. Mein Standpunkt ist nicht unbedingt „verbieten“. Vielmehr braucht es Standards statt Moralpredigten. Zeitlimits am Handy sind hilfreich, aber nur ein „privater Airbag“ und lösen das Problem nicht wirklich. Europa bewegt sich Richtung Schutzpflichten – etwa mit DSA-Leitlinien (DSA = Digital Services Act) zum Schutz Minderjähriger: Es sollen weniger manipulative Voreinstellungen, mehr Privatsphäre und echte Transparenz angeboten werden. Es geht also nicht darum, Jugendlichen Verantwortungslosigkeit in Bezug auf die Nutzung von Social Media vorzuwerfen und von 13-Jährigen Selbstkontrolle zu erwarten – vielmehr geht es darum, wie wir mit Systemen umgehen, die mit Milliarden darauf trainiert wurden, (Selbst-)Kontrolle zu unterlaufen.

Christina Hötzel, Redakteurin RUNDSCHAU Telfs: 

Australische Eltern erleben auf einmal komplett verwandelte Kinder, und das nur aufgrund des Social-Media-Verbots. Irgendwie beschleicht mich als Mutter das Gefühl, dass das nicht so einfach geht.


Die Gefahren exzessiver Social-Media-Nutzung sind dabei unbestritten, und nicht nur Jugendlichen unter 16 Jahren täte ein gewisses Maß gut. Nur der Sprung von relativ unregulierter Nutzung zu einem kompletten Verbot erscheint dann doch etwas abrupt. Den Ball zur Selbstkontrolle allein 13-Jährigen oder ihren Eltern zuzuspielen, ist auch zu kurz gedacht. Trotzdem sind Eltern ganz klar in der Pflicht, sich zu kümmern, den Dialog zu suchen und herauszufinden, wie das eigene Kind Social Media nutzt und die damit verbundenen Gefahren anzusprechen. Viele Schulen probieren es derzeit mit wochenlangem freiwilligen Verzicht. Dabei wird aber gleich das erste Problem eines Verbots sichtbar: Kontrollierbarkeit. Denn plötzlich werden aus den „unmündigen“ 13-Jährigen findige Tech-Genies. Solidarität kann man ihnen auch nicht absprechen, denn scheitert nur ein Klassenmitglied, nehmen sofort alle die vorher vereinbarte „Strafe“ in Kauf. Ein Mangel an Informationsveranstaltungen zur Kriminalprävention, zu den beliebten Social-Media-Apps und ihren Besonderheiten, zum Datenschutz und vielem mehr herrscht auch nicht. Die Bemühungen, Jugendliche vor hochemotionalisierenden, radikalisierenden, gewaltvollen und frauenfeindlichen Inhalten zu schützen, wie Vizekanzler Andreas Babler auf der Seite des Bundesministeriums verspricht, sind nötig und sinnvoll. Jugendliche, die sich in einer vulnerablen Lebensphase der Orientierungssuche befinden, kommen auf Social Media mit ungefilterten Inhalten in Verbindung, richtig, aber auch nicht nur dort. „Kindern, aber auch den Eltern zuliebe, müssen wir rasch handeln“. Rasch ist oft nicht gleich überlegt, und Verbote machen Dinge oft erst richtig interessant. Einer Initiative zur Regulierung würde ich sofort zustimmen. Plattformen zu geeigneten und verhältnismäßigen Maßnahmen zum Schutz Minderjähriger zu verpflichten, anstatt den Zugang gänzlich zu sperren, erscheint mir die bessere Lösung. Soziale Medien sind für Jugendliche ein wichtiger Ort geworden, um sich auszutauschen und zu informieren. Wohin weichen sie im Fall eines Verbotes aus? Gängige Alterskontrollen lassen sich von technikaffinen Jugendlichen oft mühelos umgehen – häufig, ohne dass Eltern oder Lehrkräfte das überhaupt erkennen, und Mama geht dann nicht zum Lachen, sondern für ein bisschen eigenen Brain-Rot in den Keller? Ist ein Ausbildungsgebot, auch für Eltern, da nicht die bessere Alternative? Von Fake News und Betrugsversuchen sind schließlich nicht nur Minderjährige bedroht. Bis zu einem Verbot durch die EU, denn Österreich kann ein solches nicht allein beschließen, kann außerdem noch viel Zeit vergehen.


 

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