Wer finanziert morgen noch Journalismus?
Österreichs Medien im Würgegriff der Tech-Giganten
22. Mai 2026 | von
Niki Meze
Bei der Gesprächsrunde „Total Lokal – Zur Zukunft regionaler Redaktionen in Österreich“ diskutierten unter der Leitung von Corinna Milborn Friedrich Dungl/Geschäftsführer Verband der Regionalmedien Österreich, Xenia Daum /Geschäftsführerin Kleine Zeitung, Esther Mitterstieler/Landesdirektorin ORF Tirol und Silvia Lieb/CEO Moser Holding (v. r.) über die zunehmend angespannte wirtschaftliche Lage am Regionalmedienmarkt.
Fotos: Meze
Fotos: Meze
Der rote Faden zog sich dabei konsequent durch das gesamte Programm: Wie kann ein unabhängiger Medienstandort Österreich im Zeitalter von Silicon Valley, Künstlicher Intelligenz und digitaler Disruption bestehen? Bereits zur Eröffnung machte Silvia Lieb, Vorstandsvorsitzende der Moser Holding, deutlich, weshalb ein eigener Mediengipfel notwendig geworden sei. Mit deutlichen Worten sprach sie von der wohl schwierigsten Phase, die die heimische Medienlandschaft jemals erlebt habe. Noch nie seien finanzielle Herausforderungen so massiv gewesen, noch nie hätten globale Internetkonzerne so stark um Aufmerksamkeit und Werbegelder konkurriert. Der Kampf um Reichweite und wirtschaftliches Überleben bilde mittlerweile den Alltag österreichischer Medienhäuser.
VERTRAUEN STÄRKEN. Tirols Landeshauptmann Anton Mattle griff diesen Gedanken in seinem medienpolitischen Impuls auf und skizzierte erstmals konkrete Vorstellungen der Bundesländer zur Zukunft des Medienstandorts Österreich. Wettbewerb sei wichtig, sagte Mattle, „aber nicht der ruinöse“. Medienförderungen dürften keine Dauerlösung sein, sondern sollten Unternehmen helfen, Marktreife zu erreichen. Gleichzeitig bekannte er sich klar zur Verantwortung der Politik, geeignete Rahmenbedingungen zu schaffen. Zustell- und Vertriebsförderung, Reformen beim ORF, eine stärkere Digitalförderung sowie die Einführung einer wirksamen Digitalsteuer nannte Mattle als zentrale Hebel. Im Rahmen seines Vorsitzes der Landeshauptleutekonferenz kündigte Mattle zudem an, sich für ein klares Bekenntnis der Bundesländer zu einer unabhängigen, freien und insbesondere regional geprägten Medienlandschaft einzusetzen. Ziel sei es, regionale Medienanbieter in Print und Rundfunk nachhaltig zu stärken und die Bundesregierung zu raschen Maßnahmen zur Absicherung regionaler Medienangebote zu bewegen. Besonders wichtig erschien ihm zudem die Vermittlung von Medienkompetenz an junge Menschen. Ein mögliches Social-Media-Verbot für Unter-16-Jährige könne nur ein Teil der Antwort sein, entscheidend sei vielmehr, Kindern und Jugendlichen den bewussten Umgang mit Informationen beizubringen. „Nur wer Content liefert, ist wettbewerbsfähig“, betonte Mattle – verbunden mit dem Appell, das Vertrauen in Medien wieder zu stärken.
NEUE KOMMUNIKATIONSORDNUNG. Wie tiefgreifend sich die Kommunikationswelt bereits verändert hat, zeigte anschließend APA-CEO Clemens Pig auf. In seinem Vortrag über die „Neue Welt- und Kommunikationsordnung“ zeichnete er das Bild einer Medienrealität, in der „oft Maschinen die ersten Leser unserer Nachrichten“ seien. Algorithmen, Künstliche Intelligenz und automatisierte Informationsströme würden den Journalismus fundamental verändern – wirtschaftlich ebenso wie gesellschaftlich. Pig warnte davor, die Bedeutung unabhängiger Medien für demokratische Systeme zu unterschätzen. Gleichzeitig machte er deutlich, dass klassische journalistische Marken nur dann überleben werden, wenn sie neue Wege der Finanzierung, Distribution und Glaubwürdigkeit finden.
ALARMIERENDE LAGE. Die anschließenden Diskussionen zeigten ein bemerkenswert geschlossenes Bild: Trotz unterschiedlicher Interessen herrschte weitgehend Einigkeit darüber, dass Österreichs Medien enger zusammenarbeiten müssen. Der eigentliche Gegner sitze nicht im eigenen Land, sondern „in Übersee“ – bei wenigen dominierenden Technologiekonzernen aus dem Silicon Valley, die einen beträchtlichen Teil der regionalen beziehungsweise nationalen Werbegelder abschöpfen. Dabei fiel die Analyse der Zukunftsaussichten durchaus unterschiedlich aus. Maximilian Dasch, Präsident des Verbands Österreichischer Zeitungen, verwies darauf, dass Österreich im europäischen Vergleich noch immer über eine vergleichsweise starke Medienlandschaft verfüge. Deutlich alarmierender äußerte sich hingegen Christian Stögmüller, Präsident der österreichischen Privatsender. Es fehle an Tempo – insbesondere auf politischer Ebene. Seine düstere Prognose: Bis 2028 könnte die Hälfte der heutigen Privatsender verschwunden sein. Auch die Zukunft der Printmedien wurde offen diskutiert. Dass klassische Tageszeitungen in ihrer heutigen gedruckten Form möglicherweise nur noch fünf bis sieben Jahre bestehen könnten, blieb am Podium unwidersprochen. Dennoch überwog speziell im regionalen Bereich nicht ausschließlich Pessimismus. Silvia Lieb verwies darauf, dass die Moser Holding heute sogar mehr Abonnenten habe als zur Jahrtausendwende – wenngleich der Printtrend insgesamt klar rückläufig sei.
NÄHE ZÄHLT. Besonders intensiv wurde am späteren Nachmittag über die Zukunft regionaler Redaktionen debattiert. Dabei kristallisierte sich eine zentrale Erkenntnis heraus: Regionalität könnte gerade im digitalen Zeitalter zur größten Stärke heimischer Medien werden. Xenia Daum von der Kleinen Zeitung verwies auf internationale Beispiele erfolgreicher Regionaltitel und betonte die Bedeutung lokaler Präsenz. „Wir brauchen noch mehr Redakteure vor Ort“, sagte Daum. Nur mit glaubwürdigem regionalem Content könne man den globalen Tech-Giganten etwas entgegensetzen. Gleichzeitig müssten Medienhäuser die Sprache und Lebenswelt junger Leser besser verstehen. Marktanalysen der Kleinen Zeitung hätten gezeigt, dass Leser vor allem Journalismus über ihren unmittelbaren Lebensraum suchen – also Inhalte, die ihren Alltag direkt betreffen. Ähnlich argumentierte Friedrich Dungl vom Verband der Regionalmedien Österreich. Regionalzeitungen seien nicht nur Informationsmedien, sondern auch ein wesentlicher Bestandteil lokaler Krisenkommunikation. Behörden hätten in Stresstests festgestellt, dass flächendeckende Regionalmedien im Notfall eine entscheidende Rolle spielen. Das eigentliche Problem liege aus seiner Sicht weniger beim Inhalt als vielmehr beim Geschäftsmodell regionaler Medien. Umso dringlicher sei eine konkrete Vertriebsförderung – ausdrücklich auch für Gratismedien.
ZERBRECHENDE ÖFFENTLICHKEIT. Einen philosophischen Blick auf die gesellschaftlichen Folgen des Medienwandels lieferte der deutsche Medienwissenschaftler Bernhard Pörksen. In seinem Gespräch mit dem Schweizer Medienexperten Markus Spillmann über „die große Gereiztheit“ analysierte Pörksen eine Öffentlichkeit, in der traditionelle Informationsmärkte zunehmend zerbrechen und Polarisierung, Empörung sowie Vertrauensverlust wachsen. Allerdings schien der wissenschaftlich geprägte Beitrag mit seinem eher abstrakten Zugang zur Thematik beim Publikum nur bedingt Resonanz auszulösen: Auffallend viele Zuhörer griffen währenddessen zum Smartphone – wohl weniger, um Pörksens Thesen digital zu vertiefen, sondern vielmehr, um sich anderweitig zu beschäftigen.
UNVOLLSTÄNDIGER SCHLUSS. Zum Abschluss der Sonderedition verlagerte sich der Fokus allerdings überraschend stark auf die bevorstehende Nachfolge an der Spitze des ORF. Politikanalyst Peter Plaikner und Moderatorin Corinna Milborn widmeten ihre Schlussanalyse vor allem möglichen Kandidaturen – nicht zuletzt deshalb, weil mit Ingrid Thurnher, Clemens Pig und Markus Breitenecker gleich mehrere potenzielle Bewerber im Saal beziehungsweise auf den Podien vertreten waren. Eine umfassende Zusammenfassung der inhaltlichen Erkenntnisse des Tages blieb dadurch weitgehend aus.
ENTSCHEIDENDE JAHRE. Dennoch blieb eine zentrale Botschaft des Mediengipfels deutlich sichtbar: Die österreichische Medienlandschaft steht unter enormem Druck, doch Untergangsstimmung allein greift zu kurz. Vielmehr entscheidet sich gerade jetzt, ob es gelingt, regionale Stärke, journalistische Qualität und digitale Transformation miteinander zu verbinden – und damit die Grundlage für unabhängige Medien auch in Zukunft zu sichern.
VERTRAUEN STÄRKEN. Tirols Landeshauptmann Anton Mattle griff diesen Gedanken in seinem medienpolitischen Impuls auf und skizzierte erstmals konkrete Vorstellungen der Bundesländer zur Zukunft des Medienstandorts Österreich. Wettbewerb sei wichtig, sagte Mattle, „aber nicht der ruinöse“. Medienförderungen dürften keine Dauerlösung sein, sondern sollten Unternehmen helfen, Marktreife zu erreichen. Gleichzeitig bekannte er sich klar zur Verantwortung der Politik, geeignete Rahmenbedingungen zu schaffen. Zustell- und Vertriebsförderung, Reformen beim ORF, eine stärkere Digitalförderung sowie die Einführung einer wirksamen Digitalsteuer nannte Mattle als zentrale Hebel. Im Rahmen seines Vorsitzes der Landeshauptleutekonferenz kündigte Mattle zudem an, sich für ein klares Bekenntnis der Bundesländer zu einer unabhängigen, freien und insbesondere regional geprägten Medienlandschaft einzusetzen. Ziel sei es, regionale Medienanbieter in Print und Rundfunk nachhaltig zu stärken und die Bundesregierung zu raschen Maßnahmen zur Absicherung regionaler Medienangebote zu bewegen. Besonders wichtig erschien ihm zudem die Vermittlung von Medienkompetenz an junge Menschen. Ein mögliches Social-Media-Verbot für Unter-16-Jährige könne nur ein Teil der Antwort sein, entscheidend sei vielmehr, Kindern und Jugendlichen den bewussten Umgang mit Informationen beizubringen. „Nur wer Content liefert, ist wettbewerbsfähig“, betonte Mattle – verbunden mit dem Appell, das Vertrauen in Medien wieder zu stärken.
NEUE KOMMUNIKATIONSORDNUNG. Wie tiefgreifend sich die Kommunikationswelt bereits verändert hat, zeigte anschließend APA-CEO Clemens Pig auf. In seinem Vortrag über die „Neue Welt- und Kommunikationsordnung“ zeichnete er das Bild einer Medienrealität, in der „oft Maschinen die ersten Leser unserer Nachrichten“ seien. Algorithmen, Künstliche Intelligenz und automatisierte Informationsströme würden den Journalismus fundamental verändern – wirtschaftlich ebenso wie gesellschaftlich. Pig warnte davor, die Bedeutung unabhängiger Medien für demokratische Systeme zu unterschätzen. Gleichzeitig machte er deutlich, dass klassische journalistische Marken nur dann überleben werden, wenn sie neue Wege der Finanzierung, Distribution und Glaubwürdigkeit finden.
ALARMIERENDE LAGE. Die anschließenden Diskussionen zeigten ein bemerkenswert geschlossenes Bild: Trotz unterschiedlicher Interessen herrschte weitgehend Einigkeit darüber, dass Österreichs Medien enger zusammenarbeiten müssen. Der eigentliche Gegner sitze nicht im eigenen Land, sondern „in Übersee“ – bei wenigen dominierenden Technologiekonzernen aus dem Silicon Valley, die einen beträchtlichen Teil der regionalen beziehungsweise nationalen Werbegelder abschöpfen. Dabei fiel die Analyse der Zukunftsaussichten durchaus unterschiedlich aus. Maximilian Dasch, Präsident des Verbands Österreichischer Zeitungen, verwies darauf, dass Österreich im europäischen Vergleich noch immer über eine vergleichsweise starke Medienlandschaft verfüge. Deutlich alarmierender äußerte sich hingegen Christian Stögmüller, Präsident der österreichischen Privatsender. Es fehle an Tempo – insbesondere auf politischer Ebene. Seine düstere Prognose: Bis 2028 könnte die Hälfte der heutigen Privatsender verschwunden sein. Auch die Zukunft der Printmedien wurde offen diskutiert. Dass klassische Tageszeitungen in ihrer heutigen gedruckten Form möglicherweise nur noch fünf bis sieben Jahre bestehen könnten, blieb am Podium unwidersprochen. Dennoch überwog speziell im regionalen Bereich nicht ausschließlich Pessimismus. Silvia Lieb verwies darauf, dass die Moser Holding heute sogar mehr Abonnenten habe als zur Jahrtausendwende – wenngleich der Printtrend insgesamt klar rückläufig sei.
NÄHE ZÄHLT. Besonders intensiv wurde am späteren Nachmittag über die Zukunft regionaler Redaktionen debattiert. Dabei kristallisierte sich eine zentrale Erkenntnis heraus: Regionalität könnte gerade im digitalen Zeitalter zur größten Stärke heimischer Medien werden. Xenia Daum von der Kleinen Zeitung verwies auf internationale Beispiele erfolgreicher Regionaltitel und betonte die Bedeutung lokaler Präsenz. „Wir brauchen noch mehr Redakteure vor Ort“, sagte Daum. Nur mit glaubwürdigem regionalem Content könne man den globalen Tech-Giganten etwas entgegensetzen. Gleichzeitig müssten Medienhäuser die Sprache und Lebenswelt junger Leser besser verstehen. Marktanalysen der Kleinen Zeitung hätten gezeigt, dass Leser vor allem Journalismus über ihren unmittelbaren Lebensraum suchen – also Inhalte, die ihren Alltag direkt betreffen. Ähnlich argumentierte Friedrich Dungl vom Verband der Regionalmedien Österreich. Regionalzeitungen seien nicht nur Informationsmedien, sondern auch ein wesentlicher Bestandteil lokaler Krisenkommunikation. Behörden hätten in Stresstests festgestellt, dass flächendeckende Regionalmedien im Notfall eine entscheidende Rolle spielen. Das eigentliche Problem liege aus seiner Sicht weniger beim Inhalt als vielmehr beim Geschäftsmodell regionaler Medien. Umso dringlicher sei eine konkrete Vertriebsförderung – ausdrücklich auch für Gratismedien.
ZERBRECHENDE ÖFFENTLICHKEIT. Einen philosophischen Blick auf die gesellschaftlichen Folgen des Medienwandels lieferte der deutsche Medienwissenschaftler Bernhard Pörksen. In seinem Gespräch mit dem Schweizer Medienexperten Markus Spillmann über „die große Gereiztheit“ analysierte Pörksen eine Öffentlichkeit, in der traditionelle Informationsmärkte zunehmend zerbrechen und Polarisierung, Empörung sowie Vertrauensverlust wachsen. Allerdings schien der wissenschaftlich geprägte Beitrag mit seinem eher abstrakten Zugang zur Thematik beim Publikum nur bedingt Resonanz auszulösen: Auffallend viele Zuhörer griffen währenddessen zum Smartphone – wohl weniger, um Pörksens Thesen digital zu vertiefen, sondern vielmehr, um sich anderweitig zu beschäftigen.
UNVOLLSTÄNDIGER SCHLUSS. Zum Abschluss der Sonderedition verlagerte sich der Fokus allerdings überraschend stark auf die bevorstehende Nachfolge an der Spitze des ORF. Politikanalyst Peter Plaikner und Moderatorin Corinna Milborn widmeten ihre Schlussanalyse vor allem möglichen Kandidaturen – nicht zuletzt deshalb, weil mit Ingrid Thurnher, Clemens Pig und Markus Breitenecker gleich mehrere potenzielle Bewerber im Saal beziehungsweise auf den Podien vertreten waren. Eine umfassende Zusammenfassung der inhaltlichen Erkenntnisse des Tages blieb dadurch weitgehend aus.
ENTSCHEIDENDE JAHRE. Dennoch blieb eine zentrale Botschaft des Mediengipfels deutlich sichtbar: Die österreichische Medienlandschaft steht unter enormem Druck, doch Untergangsstimmung allein greift zu kurz. Vielmehr entscheidet sich gerade jetzt, ob es gelingt, regionale Stärke, journalistische Qualität und digitale Transformation miteinander zu verbinden – und damit die Grundlage für unabhängige Medien auch in Zukunft zu sichern.

