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Debatte über Ärztemangel

Erfolglose Stellenausschreibung: ÖGK nimmt Stellung

Die jüngste Ausschreibung freier Kassenarztstellen in Tirol, die am 12. März endete, macht das Nachbesetzungsproblem im Bezirk Landeck deutlich: Für keine der fünf offenen Planstellen gab es eine Bewerbung, berichtet Kammeramtsdirektor Dr. Günter Atzl.
7. April 2026 | von Herbert Tiefenbacher und Daniel Haueis
Debatte über Ärztemangel
Der Tiroler Ärztekammer-Präsident Dr. Stefan Kastner Foto: Ärztekammer für Tirol
Betroffen sind vier Allgemeinmedizin-Stellen – in Landeck (seit 2020 unbesetzt), Pians (seit 2022), Galtür (seit 2022) und St. Anton (seit 2023) – sowie die Augenarztstelle in Landeck, die seit 1. April wieder vakant ist. Die ausbleibenden Bewerbungen verdeutlichen die strukturellen Probleme im ländlichen Raum. Politisch wächst der Druck: Die Neos griffen die fehlende augenärztliche Versorgung Anfang Februar 2026 im Tiroler Landtag auf, forderten Reformen „um dem Mangel an Kassenärzten wirksam entgegenzutreten“ und kritisierten Ärztekammer und ÖGK. Kammeramtsdirektor Atzl hält dagegen: „Beide Institutionen bemühen sich gemeinsam in der Sache.“ Zugleich verweist er auf die Verantwortung auf Bundesebene und fordert die Neos auf, ihre Vertreter in der Österreichischen Gesundheitskasse (ÖGK) entsprechend zu bewegen, „damit die Stellenbesetzungen vorankommen“.

ÄRZTEMANGEL IM BEZIRK. Der Ärztemangel im Bezirk Landeck beschäftigt die Region seit Jahren. Besonders die Augenarztstelle sorgt für eine spürbare Versorgungslücke und Unbehagen bei den Patientinnen und Patienten. Die ÖGK betont, dass sie laufend Gespräche führt, um die augenfachärztliche Versorgung im Oberland sicherzustellen. Grundsätzlich gibt es hier zu wenig Fachärzte, die dem öffentlichen Gesundheitssystem zur Verfügung stehen. Die ÖGK relativiert die Lage insgesamt: Freie Planstellen bedeuten nicht automatisch Unterversorgung: Durch Vertragsausweitungen, zusätzliche Kapazitäten und Anstellungen in bestehenden Praxen wurde die Betreuung kontinuierlich ausgebaut. Seit zwei Jahren schaffen zudem Prämien für die Mitbetreuung aus unbesetzten Sprengeln, angepasste Honorare und Vertragsausdehnungen – etwa in St. Anton – zusätzliche Anreize.

WICHTIGER BAUSTEIN. Ein wichtiger Baustein ist die geplante Primärversorgungseinheit in Landeck. Die Ausschreibung ist noch für das zweite Quartal 2026 vorgesehen, die Umsetzung gilt für 2027 als realistisch. Vorgesehen ist ein multiprofessionelles Zentrum mit mehreren Allgemeinmedizinerinnen und -medizinern sowie ergänzenden Angeboten wie Physio-, Logo- und Psychotherapie sowie Sozialarbeit. Um gegenzusteuern, setzt die ÖGK auch auf flexible Arbeitsmodelle wie Gruppenpraxen und Jobsharing und versucht, junge Mediziner frühzeitig für den niedergelassenen Bereich zu gewinnen. Langfristig soll der Regionale Strukturplan Gesundheit 2030, der gemeinsam mit dem Land Tirol umgesetzt wird, für spürbare Entlas­tung sorgen: Für Landeck ist u.a. eine zusätzliche HNO-Kassenstelle bis 2028 vorgesehen. Auch in der Psychiatrie wurden Kapazitäten erweitert – eine entsprechende Stelle ist seit 1. Jänner 2026 besetzt. Der Strukturplan wurde auf Bezirksebene geplant und stets gemeinsam mit allen Partnern abgestimmt. Er wird jährlich evaluiert und bei Bedarf angepasst, um eine gleichmäßige Versorgung in allen Bezirken sicherzustellen und eine Konzentration der medizinischen Angebote auf Innsbruck zu verhindern.

PROBLEMFALL PIANS. Ein strukturelles Hindernis zeigt sich in Pians: Die Kassenarztstelle ist seit 2022 unbesetzt – auch weil keine Hausapotheke geführt werden darf. Die ÖGK verweist auf gesetzliche Vorgaben wie den Mindestabstand zur nächsten öffentlichen Apotheke. Fazit: Trotz aller Maßnahmen bleibt Skepsis. Vor allem dort, wo selbst wiederholte Ausschreibungen ohne jede Bewerbung bleiben, sehen Kritiker weiterhin dringenden Handlungsbedarf.



Schwierig, aber …

Patientenversorgung unter Druck – auch im Bezirk

Ärztevertreter wie Kammerpräsident Dr. Stefan Kastner oder Bezirksärztevertreter Dr. Peter Obrist bemühen sich um zukunftsfähige Lösungen.

Die Ausgangslage ist derzeit in ganz Tirol nicht gerade günstig: „Die Sicherstellung einer wohnortnahen und qualitativ hochwertigen kassenärztlichen Patient:innenversorgung in Tirol steht vor zunehmenden Herausforderungen“, sagt etwa Ärztekammer-Präsident Dr. Stefan Kastner. Kassenärzte seien tagtäglich mit dem Mangel an Kassenstellen bzw. deren Besetzung, einem stetig steigenden Patientenaufkommen, strengen Limitierungen im Honorierungssystem und einer wachsenden Bürokratie (z. B. Diagnosecodierung, Arzneimittelbewilligungen, fehlenden Ansprechpartnern bei der Sozialversicherung etc.) konfrontiert. „Man behandelt, aber bekommt weniger Geld“, spricht Bezirksärztevertreter Dr. Peter Obrist ein Problem an. „So werden ab Überschreitung einer bestimmten Anzahl von Leistungen die Tarife halbiert, wodurch die notwendige Mehrarbeit sanktioniert wird“, sagt die Ärztekammer in einer Aussendung. Ein wesentlicher Stellhebel für künftige Reformen sei daher das Abrechnungssystem.

BEISPIEL LANDECK. Laut Kastner, der sein Chirurgie-Fachwissen am Krankenhaus St. Vinzenz in Zams und an der Uniklinik Innsbruck erworben hat und in „Zams“ bis 2014 als Oberarzt tätig war, ist die sich bereits seit Jahren abzeichnende Verschärfung der Situation im kassenärztlichen Bereich mittlerweile in immer mehr Fachrichtungen spürbar – derzeit gebe es tirolweit 29 unbesetzte ÖGK-Stellen (12 Allgemeinmediziner, 17 Fachärzte). Ein gravierendes Beispiel hierfür sei etwa die nun wieder unbesetzte Kassenstelle für Augenheilkunde in Landeck. Auch das belege, dass es für die Attraktivierung des Kassensystems Reformen der Sozialversicherung benötige. Die Primärversorgungseinheiten sind für Kastner wie für Obrist ein wichtiges Instrument in der Patientenversorgung, aber kein Allheilmittel gegen die aktuellen Versorgungsprobleme. „Wegen einer PVE hat man auch keinen Augenarzt da“, sagt Dr. Obrist. Es bedürfe der Bereitschaft der Sozialversicherungsträger, konkrete Maßnahmen zu setzen, um das Kassensystem zukunftsfit zu machen. Dr. Obrist – er lobt das grundsätzlich gute Gesundheitssystem in Österreich – stimmt ein und regt zudem an, das Dasein als Arzt attraktiver zu machen, etwa durch Bürokratieabbau, ÖGK-Entscheidungen wieder direkt in den Bundesländern, Unterstützung bei der Praxisgründung u. ä. m. Zudem regt er an, schon jetzt darauf zu achten, welche Fachärzte in den nächsten Jahren im Bezirk in Pension gehen werden, um mögliche Vorsorge treffen zu können. Dr. Obrists Fazit lautet in etwa: Es ist eine schwierige Situation, aber es gibt Handlungsmöglichkeiten.

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