Tradition seit mehr als 500 Jahren
Bataillonskommandant Herbert Schweißgut und Obmann Martin Schweißgut geben Einblicke in die Geschichte, die Werte und die Zukunft des Schützenwesens im Außerfern und in Tirol
Tiroler Schützen in Tracht, Ehrensalven und festliche Umzüge prägten am vergangenen Wochenende das Stadtbild von Reutte. Viele Menschen kennen die Geschichte und Bedeutung hinter diesen Traditionen allerdings kaum noch. Im Gespräch mit der RUNDSCHAU geben Bataillonskommandant Herbert Schweißgut vom Bataillon Ehrenberg und Martin Schweißgut, Obmann der Schützenkompanie Reutte, Einblicke in die Ursprünge des Schützenwesens, seine Werte und seine Bedeutung in der Gegenwart. Sie sprechen über Gemeinschaft, die Organisation des Schützenwesens, das Vereinsleben und die Rolle der Frauen im Außerferner Schützenwesen.
20. Juli 2026
Das Schützenwesen steht für Gemeinschaft und grenzüberschreitende Brauchtumspflege. So wird ein enger Austausch gepflegt, wie etwa beim Bezirks- und Bataillonsschützenfest in Reutte. Reuttes Bürgermeister Günter Salchner, Bataillonskommandant Herbert Schweißgut und SK-Obmann Reutte Martin Schweißgut (4. und 5. v. l.) begrüßten den Obmann und Hauptmann der SK Nonsberg aus dem Trentino. Foto: Franz
Heute steht das Schützenwesen nicht mehr für die Verteidigung des Landes, sondern für die Pflege von Tradition, Gemeinschaft und Brauchtum. Gleichzeitig sehen die Schützen ihre Aufgabe darin, die Geschichte und die damit verbundenen Werte an kommende Generationen weiterzugeben. Eine geistige und kulturelle Landesverteidigung bleibt damit weiterhin bestehen.
WURZELN BEI KAISER MAXIMILIAN. Für Herbert Schweißgut reichen die Ursprünge des Schützenwesens rund 500 Jahre zurück. Ausgangspunkt sei die Landlibell-Regelung Kaiser Maximilians I. aus dem Jahr 1511, auf die sich die Tiroler Schützen bis heute berufen. Damals dienten Schießübungen der Verteidigung von Orten und Regionen. Gleichzeitig entwickelte sich daraus ein sportlicher Wettstreit, den sowohl die Schützengilden als auch die Tiroler Schützen bis heute pflegen. Schon früh gehörten Schießbewerbe, Schützenfeste sowie das gemeinsame Ausrücken bei kirchlichen und festlichen Anlässen zum Schützenwesen.
MEHR ALS 1809. Oft wird dasTiroler Schützenwesen ausschließlich mit dem Tiroler Freiheitskampf und Andreas Hofer verbunden. Diese historische Persönlichkeit hat zwar eine große Bedeutung für die Tiroler Schützen, betont Herbert Schweißgut, doch die Geschichte der Schützen ist deutlich älter und reicht weit über die Freiheitskämpfe hinaus. Tatsächlich reichen die historischen Wurzeln sogar bis ins Mittelalter zurück.
WERTE PFLEGEN. Für Martin Schweißgut steht das Schützenwesen vor allem für Heimatverbundenheit und Identität. Herbert Schweißgut ergänzt, dass viele historische Werte heute verloren gehen. Umso wichtiger sei es, die Vergangenheit nicht zu vergessen. „Es gibt keine Zukunft ohne Vergangenheit“, hält er fest. Dazu gehören die Pflege von Traditionen, Gemeinschaft und kirchlichen Bräuchen. Ein Schützenfest sei untrennbar mit einer Feldmesse, dem Festakt und dem anschließenden Umzug verbunden. Gerade nach den Einschränkungen der Corona-Zeit habe das Vereinsleben wieder deutlich an Bedeutung gewonnen.
EINHEIT. Über die Landesgrenzen hinaus arbeiten die Schützen seit Jahrzehnten eng zusammen. Im Verbund der Alpenregionen pflegen Tirol, Südtirol, das Trentino und Bayern den Austausch. Trotz der Zugehörigkeit zu unterschiedlichen Staaten verbindet sie das gemeinsame Verständnis von Freiheit, Heimat und Tradition.
ZWEI BATAILLONE. Im Außerfern bestehen mit Ehrenberg und Lechtal zwei Bataillone. Sie setzen sich aus mehreren eigenständigen Schützenkompanien zusammen, die als Vereine organisiert sind.
EINE BESONDERE VEREINSSTRUKTUR. An der Spitze einer Kompanie stehen die Vereinsfunktionäre wie Obmann, Schriftführer und Kassier. Diese Funktionen benötigt jeder Verein nach dem Vereinsrecht. Bei den Schützenkompanien kommen militärisch geprägte Funktionen wie Hauptmann, Fähnrich oder Fahnenbegleiter hinzu, die vor allem bei Ausrückungen und Festen Aufgaben übernehmen. Je nach Kompanie können Obmann und Hauptmann dieselbe Person sein oder von zwei Personen ausgeübt werden. Dies ist wichtig zu verstehen, auch im Hinblick auf aktuelle gesellschaftliche Diskussionen.
ABWECHSELND. Im Außerfern findet jährlich ein gemeinsames Bezirks- und Bataillonsschützenfest statt. Dieses wird abwechselnd von den Bataillonen Ehrenberg und Lechtal ausgerichtet. Aufgrund der überschaubaren Größe des Bezirks hat sich dieses Modell seit vielen Jahren bewährt. Heuer fand das Schützenfest in Reutte statt.
EHRENSALVE. Ein häufig missverstandenes Element des Schützenwesens ist die Ehrensalve. Martin Schweißgut erklärt ihre Bedeutung: Mit dem Schuss in die Luft werde gezeigt, dass die Waffe leer sei und man dem Gegenüber in Frieden begegne. Herbert Schweißgut bezeichnet die Ehrensalve als höchste Ehrenbezeugung gegenüber Ehrengästen oder staatlichen Vertretern. Mit Lärm oder Einschüchterung habe diese Tradition nichts zu tun.
FRAUEN BEI DEN SCHÜTZEN. Frauen übernehmen im Schützenwesen heute zahlreiche Aufgaben. Vereinsrechtlich können sie sämtliche Funktionen ausüben – von der Schriftführerin über die Kassierin bis zur Obfrau. Auch am sportlichen Schießen nehmen sie selbstverständlich teil. Herbert Schweißgut verweist auf Vereinsmeisterschaften, Bataillonsschießen und Karabinerschießen, an denen Frauen ebenso teilnehmen wie Männer.
IM GEHWEHRZUG. Ein zentrales Thema des Gesprächs war die Frage nach Frauen im Gewehrzug. Im Tiroler Schützenbund wurde diese im Rahmen eines basisdemokratischen Meinungsbildungsprozesses behandelt. Von den 235 Schützenkompanien in Nordtirol stellten lediglich zwei einen Antrag auf eine Änderung. Die Abstimmung sprach sich schließlich klar für die Beibehaltung des Status quo aus. Frauen tragen daher beim Ausrücken weiterhin kein Gewehr. In den beiden Außerferner Bataillonen gab es bislang keinen Fall, in dem eine Frau den Wunsch geäußert hätte, beim Ausrücken ein Gewehr zu tragen. Herbert Schweißgut schildert dazu zwei unterschiedliche Sichtweisen aus den Diskussionen: Eine langjährige Schützenobfrau, die als Polizistin arbeitet, könne sich vorstellen, im Gewehrzug mitzumarschieren, da der Umgang mit der Waffe für sie zum Berufsalltag gehört. Andererseits berichtete er von einer Gruppe Marketenderinnen, die sich bewusst gegen eine Öffnung des Gewehrzuges aussprach. Die Frauen erklärten, dass sie als Marketenderinnen eine eng zusammengeschweißte Gemeinschaft bilden und befürchten, dieser Zusammenhalt könnte verloren gehen, wenn einzelne künftig in den Gewehrzug wechseln würden. Sie treten bei Ausrückungen und darüber hinaus als feste Gruppe auf und möchten diese Gemeinschaft bewahren.
PRÄGENDES VEREINSLEBEN. Unabhängig von dieser Diskussion können Frauen sämtliche Vereinsfunktionen übernehmen und an allen Schießbewerben teilnehmen. Beide Gesprächspartner betonen zudem ihre große Bedeutung für das Vereinsleben. Gerade langjährige Marketenderinnen hätten wesentlich zum Zusammenhalt sowie – etwa in der Kompanie Reutte – zur Organisation und zum Auftreten der Kompanien beigetragen. Das Schützenwesen versteht sich heute als lebendige Verbindung von Geschichte, Gemeinschaft und Brauchtum. Für Herbert und Martin Schweißgut ist dieses Miteinander der Grund, weshalb die Tradition auch nach mehr als fünf Jahrhunderten ihren festen Platz im Außerfern hat. Bei den Schützen sind junge Interessierte immer willkommen – unabhängig von Geschlecht.
WURZELN BEI KAISER MAXIMILIAN. Für Herbert Schweißgut reichen die Ursprünge des Schützenwesens rund 500 Jahre zurück. Ausgangspunkt sei die Landlibell-Regelung Kaiser Maximilians I. aus dem Jahr 1511, auf die sich die Tiroler Schützen bis heute berufen. Damals dienten Schießübungen der Verteidigung von Orten und Regionen. Gleichzeitig entwickelte sich daraus ein sportlicher Wettstreit, den sowohl die Schützengilden als auch die Tiroler Schützen bis heute pflegen. Schon früh gehörten Schießbewerbe, Schützenfeste sowie das gemeinsame Ausrücken bei kirchlichen und festlichen Anlässen zum Schützenwesen.
MEHR ALS 1809. Oft wird dasTiroler Schützenwesen ausschließlich mit dem Tiroler Freiheitskampf und Andreas Hofer verbunden. Diese historische Persönlichkeit hat zwar eine große Bedeutung für die Tiroler Schützen, betont Herbert Schweißgut, doch die Geschichte der Schützen ist deutlich älter und reicht weit über die Freiheitskämpfe hinaus. Tatsächlich reichen die historischen Wurzeln sogar bis ins Mittelalter zurück.
WERTE PFLEGEN. Für Martin Schweißgut steht das Schützenwesen vor allem für Heimatverbundenheit und Identität. Herbert Schweißgut ergänzt, dass viele historische Werte heute verloren gehen. Umso wichtiger sei es, die Vergangenheit nicht zu vergessen. „Es gibt keine Zukunft ohne Vergangenheit“, hält er fest. Dazu gehören die Pflege von Traditionen, Gemeinschaft und kirchlichen Bräuchen. Ein Schützenfest sei untrennbar mit einer Feldmesse, dem Festakt und dem anschließenden Umzug verbunden. Gerade nach den Einschränkungen der Corona-Zeit habe das Vereinsleben wieder deutlich an Bedeutung gewonnen.
EINHEIT. Über die Landesgrenzen hinaus arbeiten die Schützen seit Jahrzehnten eng zusammen. Im Verbund der Alpenregionen pflegen Tirol, Südtirol, das Trentino und Bayern den Austausch. Trotz der Zugehörigkeit zu unterschiedlichen Staaten verbindet sie das gemeinsame Verständnis von Freiheit, Heimat und Tradition.
ZWEI BATAILLONE. Im Außerfern bestehen mit Ehrenberg und Lechtal zwei Bataillone. Sie setzen sich aus mehreren eigenständigen Schützenkompanien zusammen, die als Vereine organisiert sind.
EINE BESONDERE VEREINSSTRUKTUR. An der Spitze einer Kompanie stehen die Vereinsfunktionäre wie Obmann, Schriftführer und Kassier. Diese Funktionen benötigt jeder Verein nach dem Vereinsrecht. Bei den Schützenkompanien kommen militärisch geprägte Funktionen wie Hauptmann, Fähnrich oder Fahnenbegleiter hinzu, die vor allem bei Ausrückungen und Festen Aufgaben übernehmen. Je nach Kompanie können Obmann und Hauptmann dieselbe Person sein oder von zwei Personen ausgeübt werden. Dies ist wichtig zu verstehen, auch im Hinblick auf aktuelle gesellschaftliche Diskussionen.
ABWECHSELND. Im Außerfern findet jährlich ein gemeinsames Bezirks- und Bataillonsschützenfest statt. Dieses wird abwechselnd von den Bataillonen Ehrenberg und Lechtal ausgerichtet. Aufgrund der überschaubaren Größe des Bezirks hat sich dieses Modell seit vielen Jahren bewährt. Heuer fand das Schützenfest in Reutte statt.
EHRENSALVE. Ein häufig missverstandenes Element des Schützenwesens ist die Ehrensalve. Martin Schweißgut erklärt ihre Bedeutung: Mit dem Schuss in die Luft werde gezeigt, dass die Waffe leer sei und man dem Gegenüber in Frieden begegne. Herbert Schweißgut bezeichnet die Ehrensalve als höchste Ehrenbezeugung gegenüber Ehrengästen oder staatlichen Vertretern. Mit Lärm oder Einschüchterung habe diese Tradition nichts zu tun.
FRAUEN BEI DEN SCHÜTZEN. Frauen übernehmen im Schützenwesen heute zahlreiche Aufgaben. Vereinsrechtlich können sie sämtliche Funktionen ausüben – von der Schriftführerin über die Kassierin bis zur Obfrau. Auch am sportlichen Schießen nehmen sie selbstverständlich teil. Herbert Schweißgut verweist auf Vereinsmeisterschaften, Bataillonsschießen und Karabinerschießen, an denen Frauen ebenso teilnehmen wie Männer.
IM GEHWEHRZUG. Ein zentrales Thema des Gesprächs war die Frage nach Frauen im Gewehrzug. Im Tiroler Schützenbund wurde diese im Rahmen eines basisdemokratischen Meinungsbildungsprozesses behandelt. Von den 235 Schützenkompanien in Nordtirol stellten lediglich zwei einen Antrag auf eine Änderung. Die Abstimmung sprach sich schließlich klar für die Beibehaltung des Status quo aus. Frauen tragen daher beim Ausrücken weiterhin kein Gewehr. In den beiden Außerferner Bataillonen gab es bislang keinen Fall, in dem eine Frau den Wunsch geäußert hätte, beim Ausrücken ein Gewehr zu tragen. Herbert Schweißgut schildert dazu zwei unterschiedliche Sichtweisen aus den Diskussionen: Eine langjährige Schützenobfrau, die als Polizistin arbeitet, könne sich vorstellen, im Gewehrzug mitzumarschieren, da der Umgang mit der Waffe für sie zum Berufsalltag gehört. Andererseits berichtete er von einer Gruppe Marketenderinnen, die sich bewusst gegen eine Öffnung des Gewehrzuges aussprach. Die Frauen erklärten, dass sie als Marketenderinnen eine eng zusammengeschweißte Gemeinschaft bilden und befürchten, dieser Zusammenhalt könnte verloren gehen, wenn einzelne künftig in den Gewehrzug wechseln würden. Sie treten bei Ausrückungen und darüber hinaus als feste Gruppe auf und möchten diese Gemeinschaft bewahren.
PRÄGENDES VEREINSLEBEN. Unabhängig von dieser Diskussion können Frauen sämtliche Vereinsfunktionen übernehmen und an allen Schießbewerben teilnehmen. Beide Gesprächspartner betonen zudem ihre große Bedeutung für das Vereinsleben. Gerade langjährige Marketenderinnen hätten wesentlich zum Zusammenhalt sowie – etwa in der Kompanie Reutte – zur Organisation und zum Auftreten der Kompanien beigetragen. Das Schützenwesen versteht sich heute als lebendige Verbindung von Geschichte, Gemeinschaft und Brauchtum. Für Herbert und Martin Schweißgut ist dieses Miteinander der Grund, weshalb die Tradition auch nach mehr als fünf Jahrhunderten ihren festen Platz im Außerfern hat. Bei den Schützen sind junge Interessierte immer willkommen – unabhängig von Geschlecht.
Johannes Pirchner 




