„Abenteurer des Jahres 2019“

Barbara Zangerl in der Eiger Nordwand bei der Begehung der Route „Odyssee“ Foto: Paolo Sartori

Die von „National Geographic“ gewürdigte Strengerin Barbara Zangerl hat am El Capitan und an der Eiger Nordwand Besonderes vollbracht

 

Klettersportlerin Barbara Zangerl aus Strengen und ihr italienischer Lebensgefährte Jacopo Larcher haben im Sommer 2018 die schwerste Freikletterroute am Eiger begangen. Und als erstes Team sind sie die 33 Seillängen und 1300 Klettermeter dieser „Odyssee“ genannten Route in einem Stück frei geklettert. Vor wenigen Tagen wurde die 30-Jährige von „National Geographics“ mit dem Award „Adventurer of the year“ ausgezeichnet.

 

Von Elisabeth Zangerl

 

„Lernen Sie den besten Kletterer der Welt kennen, von dem Sie (wahrscheinlich) noch nie etwas gehört haben“, schreibt National Geographic über das Strenger Ausnahmeklettertalent Barbara Zangerl – sie durfte kürzlich als eine von fünf Sportlern weltweit den Award „Abenteurer des Jahres 2019“ entgegennehmen. Die sympathische 30-Jährige, die Teilzeit als Röntgenassistentin im Krankenhaus Bludenz arbeitet, ist trotz dieses großen Komplimentes sehr bescheiden: „Dieser Preis ist natürlich eine große Ehre für mich – meiner Meinung nach gibt es aber nicht eine/n weltbesten Kletterer/in.“ In Bezug auf den zweiten Teil des Satzes sagt sie: „In der Gesellschaft bin ich schon eher unbekannt – für mich steht weniger die Vermarktung meiner Person als vielmehr das Klettern im Vordergrund.“ Mit 14 Jahren begann die Strengerin ihre Kletterkarriere mit Dietmar Siegl und Bernd Zangerl in der Kletterhalle in Flirsch – vom Bouldern wagte sich Zangerl zum Seilklettern und über das alpine Sportklettern bis hin zum Alpinklettern. Die Abenteurerin des Jahres beschreitet mittlerweile seit Jahren die schwierigsten Routen der Welt, etwa die von Roger Schäli, Robert Jasper und Simon Gietl 2015 eingerichtete Route „Odyssee“ an der Eiger Nordwand. Zangerl und ihr Lebensgefährte Jacopo Larcher aus Bozen schafften im Sommer 2018 die erste Wiederholung der Begehung, nämlich die erste durchgehende freie Begehung (frei begehen bedeutet, dass nur die Felsstruktur verwendet wird zur Fortbewegung, keine technischen Hilfsmittel außer Haken und mobile Sicherungsmittel wie Keile, die man ausschliesslich zur Absicherung verwendet).

 

BEIM ERSTEN MAL DURCHSTIEGEN. „Die Route Odyssee zu klettern, war schon länger ein großer Wunsch – auch gab es immer wieder Gespräche mit Roger Schäli im Vorfeld, die uns motiviert haben“, sagt Zangerl, die aber nicht damit gerechnet hat, dass sie die Route gleich beim ersten Versuch durchsteigen. An der Eiger Nordwand herrschen bekannterweise fast immer schwierige Witterungsverhältnisse, und das hat auch das Kletterpaar Zangerl/Larcher täglich mit Regen zu spüren bekommen: „Der untere Wandteil ist so steil, dass es deswegen nicht allzu nass war, die große Challenge war der mittlere Teil – hier haben wir ernsthaft überlegt umzudrehen. Der obere Wandteil war dann wieder steiler, insgesamt mussten wir vier extrem nasse Seillängen klettern“, resümiert Zangerl. Die beiden waren vier Tage und Nächte in der Wand, geschlafen haben sie in einem sogenannten Wandzelt – ein Schlafgemach, das in der Wand hängend aufgebaut wird. Sie mussten diesmal 33 Seillängen und 1300 Klettermeter bewältigen, nachdem das Paar bereits zwei einfachere Routen am Eiger geklettert ist: „Die Route Magic Mushroom hat 21 Seillängen, die Route Deep blue sea 10 Seillängen … Das waren für uns reine Einstiegsrouten, damit wir ein Gefühl bekommen, wie es ist, am Eiger zu klettern – die Odyssee selbst zieht sich aber dann durch den steilsten und schwierigsten Teil an der Wand.“

 

AM EL CAPITAN. Die Route Magic Mushroom am Eiger hat ihren Namen von einem freistehenden Turm, den es am Schluss zu klettern gilt und einem Pilz ähnelt. Eine gleichnamige Route gibt es im Yosemite National Park in den USA. Sie zählt zu den schwierigsten Kletterrouten der Welt, und auch diese sind Barbara Zangerl und Jacopo Larcher geklettert: Im Dezember 2017 waren sie das nur zweite Team, das die Route frei begangen hat. Zangerl war die erste Frau, die das Kunststück vollbracht hat, mit Magic Mushroom die zweitschwierigste aller Routen des El Capitan zu klettern. Der Schwierigkeitsgrad ist 8B+, was hierzulange 10+ entspricht – vergleichsweise wurde die Odyssee als einfacher, mit 8A+, hierzulange 10–, bewertet. „Allerdings waren die Witterungsverhältnisse an der Eiger Nordwand wesentlich schwieriger als an der Südwand des El Capitan“, ergänzt Barbara Zangerl, die gemeinsam mit Jacopo Larcher für den Durchstieg am El Capitan elf Tage benötigt hat, insgesamt waren 30 Tage Vorarbeit vonnöten. „Wir waren zwei Monate in den USA“, erinnert sich Barbara Zangerl – ihre Abenteuer an der Eiger Nordwand sind auf youtube zu sehen (www.youtube.com/watch?v=AZ1ax1Vm23E&t=27s)

Kletterass Barbara Zangerl: „Wir haben aber nicht damit gerechnet, dass wir das gleich beim ersten Versuch durchsteigen.“ RS-Foto: Zangerl
Barbara Zangerl am El Capitan, unten zu sehen: das Wandzelt, in dem das Kletterduo die Nächte verbracht hat. Foto: Francois Lebeau
Im Dezember 2017 beging Barbara Zangerl als erste Frau die Route „Magic Mushroom“ am El Capitan. Foto: Francois Lebeau
Die Wand des El Capitan im Yosemite National Park (USA) bei Nacht Foto: Francois Lebeau

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