Gibt es einen Neustart?

Die Projektentwicklungsfirma wird im Laufe des Jahres 2019 erneut entscheiden, ob das Kraftwerk an der Sanna weiterverfolgt wird. RS-Fots: Tiefenbacher

Kraftwerk Sanna liegt nun seit vier Jahren auf Eis – hier ein Rückblick und ganz aktuelle Überlegungen

 

Nachdem die Umsetzung des -Gemeindebeteiligungsmodells beim Kraftwerksprojekt Sanna scheiterte, entschloss sich die -Projektentwicklungsfirma Infra zu einer Nachdenkpause. -Mittlerweile zogen vier Jahre ins Land. Was sind die aktuellen Überlegungen? Was ist der Stand der Dinge? Die RUNDSCHAU fragte nach.

 

Von Herbert Tiefenbacher

 

Der Ausgangspunkt zur Auslotung der Möglichkeiten für ein Kraftwerk an der Sanna war der Kriterienkatalog zur Wasserkraft-Nutzung des Landes Tirol (März 2011). Die darin enthaltene Passage, dass nicht nur das Potenzial der Rosanna und der Trisanna, sondern auch jenes der Sanna zur Stromgewinnung interessant sei und genutzt werden sollte, entfaltete für die sieben Anliegergemeinden Strengen, Pians, Grins, Stanz, Tobadill, Landeck und Zams Empfehlungscharakter. Sie griffen die Anregung auf und entschieden sich, etwa dieselbe Stoßrichtung (Gemeindebeteiligungsmodell) zu verfolgen, die dem Kraftwerk Stanzertal zugrunde liegt. Mit der Aufgabe des Projektverantwortlichen wurde der damalige Pianner Bürgermeister Peter Rauchegger betraut. Zeitweise wurde diese Funktion zu zweit ausgeübt. Der Zweite war Bgm. Dr. Wolfgang Jörg. Man holte sich professionelle Partner ins Boot: Als Hauptgesellschafter das E-Werk Reutte und die „Energie West“ – und zur Projektentwicklung die Firma Infra, die mittlerweile in „ILF Business Consult“ umgetauft wurde.

 

KEINE KOSTEN FÜR GEMEINDEN. Die Gesamtkosten wurden auf 90 bis 100 Mio. Euro geschätzt. Anvisiert wurde eine Jahresproduktion von 83 Gigawattstunden. Das entspricht dem Verbrauch von rund 24000 durchschnittlichen Haushalten. Das rechtliche Fundament der Zusammenarbeit bildete eine Zusammenarbeitserklärung. Ziel dieser war es, das Kraftwerksprojekt gemeinsam zu entwickeln. Insgesamt wurden in die Projektentwicklung rund 2 Mio. Euro investiert. „Ad hoc kann ich diese Summe nicht bestätigen“, meinte Infra-GF Gerhard Langer. Die RUNDSCHAU verwies auf Medienberichte im Oktober 2014, in denen dieser Betrag genannt wurde. „Dann wird das schon stimmen“, sagte Langer. Auf die Zusatzfrage, ob auch die Gemeinden für die Projektentwicklung in ihre Kassen greifen mussten, antwortete Langer: „Die gesamten bisher angefallenen Projektentwicklungskosten hat Infra getragen. Die Gemeinden waren zu nichts verpflichtet“, betonte er. Baustart war für 2016 geplant. 2019/2020 sollte die Anlage ans Netz gehen.

 

WIDERSTAND. Bereits in der Projektierungsphase formierte sich Widerstand. Die Kraftwerksgegner sorgten auf verschiedenen Ebenen für gehörig Gegenwind. Die Debatte wurde sehr emotional geführt. Um eine möglichst große mediale Schlagkraft zu entwickeln, demonstrierten rund 300 Wildwassersportler und Raftingunternehmer beim Sanna-Riverfest gegen die Kraftwerkspläne. Vor allem wurde vor den Folgen der verbleibenden Restwassermenge gewarnt, weil dadurch die Sanna zu einem Rinnsal werde und für den Wildwassersport nicht mehr nutzbar wäre. Insgesamt am häufigsten wurde der Vorwurf erhoben, dass das Kraftwerk unrentabel sei und die Beteiligung am Projekt für die Gemeinden zu einem finanziellen Abenteuer werde, da der Strompreis am Boden liege. Das prognostizierte auch eine Studie eines Wirtschaftsprüfers. Bewohner am Lattenbach äußerten massive Sicherheitsbedenken. Deshalb formierte sich eine Bürgerinitiative, die neben anderen Aktivitäten Unterschriften sammelte, um bei der Umweltverträglichkeitsprüfung mitreden zu können.

 

VIEL PANIKMACHE. Die Gegenseite sah das anders. Für die Betreiber war das Kraftwerk aus energiewirtschaftlicher Sicht so attraktiv, dass sie dessen Weiterverfolgung für sinnvoll hielten. Dies wurde mit einer Wirtschaftlichkeitsberechnung von einem Energiespezialisten belegt. Diese Studie kommt auch zum Schluss, dass die Gemeinden ein „sehr geringes“ finanzielles Risiko eingehen würden. Der Betreiber war auch guter Dinge, was den Strompreis betrifft. Der damalige Stanzer Bgm. Alois Miemelauer stand hinter dem Projekt: Es sei viel Panik gemacht worden und die Argumente von der Zerstörung der Natur und dem Rinnsal Sanna würden nicht der Wahrheit entsprechen, meinte Miemelauer. Es gab Abstimmungsgespräche zwischen den Planern und den verschiedenen Interessenvertretern (Wildwassersportler, Anrainer und Touristiker etc.). Die dabei angebotenen Lösungen zu den Knackpunkten (Restwasser, Lattenbachsicherheit, Verkehrsbelastung usw.) überzeugten diese nicht ausreichend.

 

STIMMUNGSWANDEL. Im Zuge der öffentlichen Debatte begann die anfängliche Zustimmung der beteiligten Stadt- und Dorfparlamentarier zum Projekt zu bröckeln. Laut Medienberichten war ein Meinungswandel auch bei Bgm. Wolfgang Jörg zu be-obachten, worüber sich sein Pianner Amtskollege Peter Rauchegger verwundert zeigte. Die Überzeugungsarbeit der Projektbetreiber reichte nicht aus, um ein positives Abstimmungsergebnis für eine Kraftwerksbeteiligung im Zammer Gemeinderat zu erreichen. Die Abstimmung wurde im Oktober 2014 durchführt. Landeck zog knapp vor Weihnachten 2014 nach. Pians lehnte im März 2015 den Einstieg in die Kraftwerksgesellschaft ab. Danach verzichteten die weiteren vier Gemeinden (Grins, Tobadill, Stanz und Strengen) auf eine Beteiligung, weil sie Projektentwicklungskosten zu übernehmen gehabt hätten. Aufgrund dieser Entwicklung wurde das Vorhaben vorerst auf Eis gelegt. Man werde eine Nachdenkpause einlegen, hieß es damals seitens des Projektentwicklers Infra.

 

NEUSTART MÖGLICH. Seither ist das Projekt fast in Vergessenheit geraten – auch die Projektstudie zur Sanna, die Studierende des Master- und Bachelorstudienganges in Landeck im Auftrag der Stadt Landeck erarbeiteten und 2016 präsentierten. Erwartet wurde, dass die vorgestellten Ideen (wie z.B. den längsten Erlebnisweg der Welt mit Bienenmuseum, Hochseilgarten etc. zu errichten) einen Diskussionsimpuls zum Ausbau und zur Nutzung des Lebensraumes an der Sanna geben. Die erhoffte Resonanz blieb bislang jedoch aus. Aber zurück zum Kraftwerksprojekt: „Wir haben Jahr für Jahr überlegt, ob wir weitermachen oder nicht und haben bisher immer entschieden zuzuwarten. Wir werden bezüglich des Weitermachens aber weiterhin Überlegungen anstellen und im Laufe des Jahres 2019 erneut eine Entscheidung treffen“, sagte der Geschäftsführer Langer der Projektentwicklungsfirma. Für ihn ist das Sanna-Kraftwerk nach wie vor ein gutes und interessantes Projekt. Er verweist darauf, dass die Wasserkraft gegenwärtig in ganz Österreich einen hohen Stellenwert hat und sich die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen weiter positiv entwickeln. „Innerhalb von zwei Jahren ist der Strompreis fast um das Doppelte angestiegen“, sagt Langer.

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