Hier verwurzelt und wieder entwurzelt

Seit mittlerweile sieben Jahren lebte die sechsköpfige Familie in Österreich. Seit einem Jahr war das Asylantenheim in Oberperfuss ihr Zuhause.RS-Foto: Hackl

Menschliche Schicksale bewegen, so auch in Oberperfuss: Dort verschwand nun eine gut integrierte Flüchtlingsfamilie

Vergangenen Freitag fand der „Lange Tag der Flucht“ statt. Asylsuchende, Asylanträge, Abschiebungen: Eine Thematik, der sich seit geraumer Zeit niemand entziehen kann. Das persönliche Schicksal einer sechsköpfigen Flüchtlingsfamilie sorgt aktuell in Oberperfuss für Betroffenheit. Seit sieben Jahren war die Familie in Österreich und seit einem Jahr lebte sie im hiesigen Asylantenheim. Im Juli wurde den Geflüchteten der zweite negative Asylbescheid zugestellt und eine Abschiebung nach Tschetschenien stand unmittelbar bevor. Nun ist die Familie – die Eltern und vier Kinder – verschwunden.

Integration entscheidet sich dort, wo Menschen unterschiedlichster Herkunft zusammenkommen. In Oberperfuss wird viel für das Miteinander getan. Trotzdem ereignen sich in puncto Flüchtlingsthematik immer wieder persönliche Tragödien. Die kürzlich verwundene Flüchtlingsfamilie sei bestens integriert gewesen, berichtet die ehrenamtliche Flüchtlingshelferin Elisabeth Schatz gegenüber der RUNDSCHAU: „Es ist eine Tragödie. Solche Dinge dürfen wir nicht still und heimlich passieren lassen. Die Familie hat nachweislich Deutsch gelernt, die Eltern haben sich mit gemeinnützigen Arbeiten aktiv eingebracht, die drei älteren Kinder besuchten die Volksschule, während das jüngste noch im Kindergarten war. Eine Abschiebung nach sieben Jahren ist unmenschlich. Die Leute haben hier Wurzeln geschlagen und alles für eine gute Integration getan. Beide Eltern haben eine Arbeitsstelle gefunden und hätten im Fall eines positiven Bescheids sofort erwerbstätig sein können.“

ES KAM ALLES ANDERS. Nach Zustellung des zweiten negativen Asylbescheids wurde Beschwerde beim Verfassungsgericht eingereicht. Die Antwort steht noch aus. Nun ist die Familie spurlos aus ihrer Unterkunft verschwunden. Es wird vermutet, dass sie weitergereist ist. „Die Stimmung im Asylantenheim ist seither sehr belastet. Jahrelang koexistiert die große Hoffnung auf das Bleiberecht neben der Angst vor der Abschiebung. Diese Ungewissheit verlangt den Menschen sehr viel ab“, weiß Schatz und fügt hinzu: „Österreich ist ein tolles Land und auch ich finde, dass es Gesetze braucht und es können nicht alle hier bleiben, aber Tragödien wie diese müssen vermieden werden.“

ZUSAMMENARBEIT IM DORF. Auch Bgm. Johanna Obojes-Rubatscher bedauert die Situation: „Ich finde es wirklich schade, wenn Menschen, die bereit sind ihren Beitrag zu leisten und sich mehr als bemühen, keine Chance erhalten. Da wird das Kind mit dem Bade ausgeschüttet. Der Familienvater hat kürzlich den LKW-Führerschein gemacht. Solche Leute werden händeringend gesucht.“ Als das Asylantenheim vor einigen Jahren eröffnet wurde, hat die Ortschefin einen Informationsabend organisiert und die Oberperfer mit ins Boot geholt, da so etwas laut ihr alle im Dorf betreffe. Schnell haben sich damals freiwillige Helfer zusammengetan und laut Obojes-Rubatscher viel bewirkt: „Die Asylwerber lernen die Sprache, setzen sich mit unserer Kultur auseinander und leisten gemeinnützige Arbeit, die der Gemeinde sehr dienlich ist.“ „Unterstürzung in unserer täglichen Arbeit erfahren wir von der Gemeinde. Wir sind gut vernetzt und die Zusammenarbeit sowie die Koordinierung der Bemühungen funktioniert auch mit dem Heimleiter Harald Gheri (Tiroler Soziale Dienste) sehr gut“, berichtet Schatz. Mehr Glück als die nun verwundene Familie hatten zwei andere Flüchtlingsfamilien in Oberperfuss. Sie erhielten vor einiger Zeit einen positiven Bescheid, leben bereits eigenständig in Mietwohnungen und bestreiten ihr neues Leben in ihrer neuen Heimat Tirol.

Von Beatrice Hackl

„Ich kann nicht für alle sprechen, aber die Flüchtlinge, die bei uns sind, wollen etwas tun und sich einbringen“, so Bgm. Johanna Obojes-Rubatscher. RS-Foto: Hackl
„Bei Asylverfahren sollte die jeweilige Situation – Kindeswohl und Herkunftsland – stärker berücksichtigt werden“, so die ehrenamtliche Helferin Elisabeth Schatz. RS-Foto: Schatz

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