Rundschau - Oberländer Wochenzeitung
Imst | Chronik | 28. September 2021 | Manuel Matt

Begleitende Vermittler zwischen zwei Welten

Begleitende Vermittler zwischen zwei Welten
Höchst motiviert zugunsten ihres Klientels: Die mobilen Jugendarbeiter Massimo Bertagnolli (l.) und Sara Wilhelm (r.) mit Jugendzentrumsleiter Philipp Scheiring (M.), der nunmehr die gesamte Jugendarbeit in der Stadt koordiniert. RS-Foto: Matt
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Startschuss für die Neuetablierung der Mobilen Jugendarbeit in Imst: Sara Wilhelm und Massimo Bertagnolli im RS-Gespräch

Wer beruflich Einlass finden möchte als Erwachsener in das Leben von Jugendlichen, dem wird der erhobene Zeigefinger nicht viel nützen. Jedweder Ausbildung zum Trotz braucht’s eben Verständnis, ein Einlassen – und eine gewisse Coolness schadet sicher auch nicht. Als mobile Jugendarbeiter haben Sara Wilhelm und Massimo Bertagnolli nicht nur in diesen Aspekten wohl beste Karten. Seit drei Wochen sind sie in Imst in Amt und Würden – und gewährten der RUNDSCHAU gemeinsam mit Chef Philipp Scheiring ein Kennenlern-Gespräch.
Von Manuel Matt

„Beide sind Profis, die einfach wissen, was sie tun“, schwärmt Philipp Scheiring als Leiter des Imster Jugendarbeit. Gemeint sind natürlich die beiden Neuzugänge in seinem Team, Sara Wilhelm und Massimo Bertagnolli: Als eigenständig agierende, mobile Jugendarbeiter werden sie künftig ihre Runden im gesamten Stadtgebiet drehen, jeden Tag unmittelbar greifbar sein für jene, die an der Schwelle zum Erwachsensein stehen. Profis seien sie tatsächlich, schmunzeln beide: Wie eigentlich jeder. „Weil wir ja alle selbst vor nicht allzu langer Zeit einmal Jugendliche waren.“

WER WIR SIND. Freilich bringen sie noch viel mehr mit als Jugend im Herzen: Sara ist ausgebildete Sozialpädagogin, Mittelschullehrerin mit Pians als vorherigem Arbeitsplatz und bringt bereits Erfahrung mit in der offenen, mobilen Jugendarbeit. Gereizt habe sie die Rückkehr in dieses spezielle Berufsfeld allein schon ob der Vielfalt im alltäglichen Tun, des Unterwegsseins, „und auch wegen der Herausforderung, der Möglichkeit, in Jugendräume zu kommen“, erklärt die 39-jährige, in Imst lebende Pitztalerin. Ähnlich ist die Motivation bei ihrem aus dem Trentino stammenden Kollegen, den das Leben 2003 hierher gebracht hat und der heute in Sautens lebt. Studiert hat Massimo Politikwissenschaften mit Fokus auf Erziehungswissenschaften. Sein bisheriges Wirken zeigt sich dann äußerst vielfältig: Er ist ausgebildeter Bergwanderführer, arbeitete als Betreuer im Flüchtlingsheim und ehrenamtlich im Jugendbereich. Obendrein hat Bertagnolli auch noch Konzerte, Festivals und andere Kulturveranstaltungen organisiert. Viele Zutaten also, die der 37-Jährige in den fröhlich blubbernden Topf wirft, der die Imster Jugendarbeit ist.

WAS WIR TUN. So ganz privat haben Jugendarbeiter selbstverständlich auch ihre Leidenschaften – und so gibt’s dementsprechend haufenweise interessenstechnische Andockpunkte. „Dass wir uns gerne in der Natur aufhalten, beispielsweise“, verrät Sara. „Oder auch Musik, Jugendkultur“, ergänzt Massimo, „und sportliche Aktivitäten.“ Wenn der Kontakt dann mal geknüpft ist, geht’s vor allem um eines: Um’s Begleiten, sind sich beide einig. Wichtig sei da Begegnung auf „Verständnis für jugendliche Subkulturen“, weiß Massimo. „Authentizität, Begeisterung“ gehöre ebenso dazu, ergänzt seine Kollegin – „und auch der Mut, sich auf die andere Welt einzulassen“. Ein gutes Beispiel sei da ein Bild, das Erwachsene nicht selten auf die Palme bringt: Lautes Musikhören in der Öffentlichkeit. Wer da nicht gleich zornentbrannt hinstürmt, sondern ehrliches Interesse zeigt und sich erkundigt, ist da ziemlich sicher sogleich im regen Austausch mit entzückten Jugendlichen. Das mache es dann auch viel leichter, Einblick in die Perspektive von Erwachsenen zu geben und auch Vermittler zu sein, nennt Philipp „eine wesentliche Aufgabe“ der mobilen Jugendarbeit. „Im Dialog lässt sich dann auch für gewisse Thematiken und Problematiken sensibilisieren“, erklärt Massimo. Das reiche von eher simplen Dingen wie dem Vermeiden von Müll bis hin zu schwereren Brocken wie Rassismus oder Sexismus.

WAS WIR BIETEN. Höchstes Augenmerk gilt aber ebenso dem Eingehen auf Bedürfnisse. Die Palette sei da ziemlich breit, weiß Sara: Das reiche von Liebeskummer, Unsicherheit  über die berufliche Zukunft und Hilfe beim Finden eines Berufs bis hin zum Sprechen über Gewalt-erfahrungen, etwa in der Familie. „Dazu gehört auch das Unterstützen beim Verwirklichen von Projekten und Ideen“, fügt ihr Kollege bei. Zauberwort sei da das Hinführen zur sogenannten Selbstwirksamkeit, erklärt Philipp. Das klappt, indem man Jugendliche selbst Dinge tun lässt als gleich zu sagen: „Das kannst du nicht“, betont Sara. „Da übernimmt man dann gleich auch automatisch Verantwortung“, erklärt Massimo. Gestärkt werde so zugleich das Selbstwertgefühl. „Allein schon durch das Lob“, weiß Philipp: „Das mag banal klingen, hat aber stets pädagogische Wirkung. Auch, weil viele zuhause keine Bestätigung kennen.“ Dass etwas mal nicht so funktioniert, gehöre auch dazu. „Scheitern ist okay“, verspricht Sara: „Es geht um’s Wachsen – und um’s Wiederaufstehen!“

WAS DIE JUGEND BRAUCHT. Die ersten Wochen im neuen Job haben Sara und Massimo in erster Linie damit verbracht, mit offenen Augen und Feingefühl durch die Stadt zu gehen und so manches Lieblingsplätzchen der Jugendlichen in Ruhe zu beobachten. Selbstredend nicht etwa, um zu spionieren, sondern: „Weil wir uns unser eigenes Bild machen wollen“, lautet die Devise. Vom Skaterplatz zum Beispiel, wie überhaupt von der Gegend in der Nähe des Sportzentrums – und auch am Postplatz. So rau zugehen, wie’s oft heißt, soll’s dort allerdings nicht zugehen. „Zumindest ist mir bisher nichts Besonderes aufgefallen“, sagt Massimo. Eine Feststellung, die wohl auch besorgte Erziehungsberechtigte beruhigen dürfte. Wie auch die Präsenz der Mobilen Jugendarbeit im Allgemeinen, hofft Philipp. Kennenlernen ließen sich viele Jugendliche derweil dann auch schon beim Siebdruck-Workshop während der Demokratiewoche, wo sich schon so mancher Wunsch herauskristallisiert hat: Nach mehr Plätzen im öffentlichen Raum zum Beispiel. Das würden auch Netzwerkpartner wie Schulleiter bei ersten Besuchen bestätigen. Auf der Suche nach Räumlichkeiten ist die mobile Jugendarbeit, nebenbei bemerkt, auch selbst. Im Gespräch ist das Sautter Haus am Eck zwischen Ball- und Schustergasse, dessen Anmietung für die Kulturbüro- und Ballhausmuseums-Leiterin jüngst per Gemeinderatsbeschluss fixiert wurde – aber auch ein Büro am Stadtplatz. Fixen Bürozeiten zum Trotz, werden Sara und Massimo einen Großteil ihrer Zeit so oder so auf der Straße verbringen, um auf Jugendliche zugehen zu können. „Zu 99 Prozent gemeinsam“, erklären beide. Weil’s halt doch Dinge gibt, die junge Frauen und Männer naturgemäß lieber dem eigenen Geschlecht anvertrauen – oder Antworten auf Fragen, die nur die andere Seite geben kann.

ANGST BRAUCHT‘S NICHT. Zu den Netzwerkpartnern zählt übrigens auch die Staatsgewalt. Kontakt geknüpft haben die Jugendarbeiter diesbezüglich bereits mit der Stadtpolizei, wobei ein positiver Ersteindruck zurückgeblieben sei. Der gezeigten Offenheit wegen. „Sonst würde es ja auch keine Gespräche geben“, erklärt Sara. Was beide Institutionen eint, sei ja auch das Ziel, die Jugendlichen gut – und eben straffrei – durch die Pubertät zu bringen, wie Philipp aufzeigt. Unterscheiden würde sich nur die Herangehensweise: „Wir arbeiten nicht repressiv, wir sind keine Kontrolleure.“ Fürchten muss sich so niemand vor ihnen, weil gepetzt wird nicht auch nicht. Denn was Jugendliche brauchen, seien Verständnis und Vorbilder. Mehr als alle Verbote, lautet der Schlusstenor in der Imster Jugendarbeit.
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