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Imst | Chronik | 12. April 2021 | Manuel Matt

Wachstum, betrachtet mit gemischten Gefühlen

Wachstum, betrachtet mit gemischten Gefühlen
Beim ersten Besuch im neuen Imster Kinderschutzzentrum: Bürgermeister Stefan Weirather, Vermieter Hansjörg Gottstein, Geschäftsführerin Petra Sansone und Landesrätin Gabriele Fischer (v.l.)RS-Foto: Matt
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Kinderschutz Imst eröffnet neue Räumlichkeiten am Gottstein-Areal bei der Bundesstraße

Zuvor am Stadtplatz angesiedelt, gewährte vergangene Woche das Imster Kinderschutzzentrum der Öffentlichkeit einen ersten Blick in die neuen, größeren Räumlichkeiten am Gottstein-Areal bei der Bundesstraße. Die Vergrößerung ermöglicht personelle Aufstockung und Psychotherapie in Kleingruppen, doch ist die Freude darüber nicht ganz ungetrübt – legt ein Ausbau der Kapazitäten doch auch steigenden Bedarf nahe.
Von Manuel Matt

Manche Dinge lassen sich nicht verhindern, aber beenden. Nicht vergessen oder gar ungeschehen machen, aber heilen. Tragisch bleibt es trotzdem und ein sensibles Thema, wenn Kinder und Jugendliche der Gewalt ausgesetzt sind. Um dennoch ein Aufwachsen in Sicherheit und Geborgenheit, frei von Not und Gewalt zu gewährleisten, wie es die Kinderrechtskonvention der Vereinten Nationen verlangt, braucht es Beratung und Unterstützung. In professioneller, individueller Form, kostenlos und vertraulich, wie es die Tiroler Kinderschutzzentren anbieten. Deren Bedeutung untermauert die für Kinder- und Jugendhilfe zuständige Landesrätin Gabriele Fischer: „Kinder sind das Wertvollste, das eine Gesellschaft zu bieten hat, gleichzeitig sind sie aber die schwächsten Mitglieder unserer Gesellschaft und brauchen daher besonderen Schutz vor Gewalt. Wir alle tragen Verantwortung für das Wohlergehen der Kinder und Jugendlichen.“

NOTWENDIGKEIT, ABER BITTER. Seit fast 20 Jahren gibt es auch in Imst ein Kinderschutzzentrum, das auch den Bezirk Landeck zu seinem Wirkbereich zählt. Es gebe Jubiläen, „die man lieber feiert“, meinte 2013 zum zehnjährigen Bestehen der damalige Landeshauptmann-Stellvertreter und frühere Imster Bürgermeister Gerhard Reheis – weil die Institution eben eine „bittere Notwendigkeit“ darstelle. Ähnlich sieht es der heutige Stadtchef Stefan Weirather beim Besuch der neuen, größeren Räumlichkeiten am Gottstein-Areal bei der Bundesstraße: Das Wachsen einer Firma könne man mit Stolz beachten, „beim Kinderschutz wär’s mir lieber, wenn man die Räumlichkeiten verkleinern könnte. Weil das bedeuten würde, dass das Problem geringer wird.“ Die Realität sei aber eine andere, erklärt Weirather – und deshalb sei er froh, dass sich neue Räumlichkeiten für den Kinderschutz finden haben lassen, um das bestehende Angebot stärken und weiterentwickeln zu können.

GEWALT UND IHRE VIELEN GESICHTER. Gewalt und ihre Auswirkungen lassen sich schwer in Zahlen fassen, gibt die Landesrätin zu bedenken. Möglich ist das allerdings hinsichtlich der Arbeit des Imster Kinderschutzzentrums: „2020 suchten 677 Klientinnen und Klienten Rat und Hilfe“, erklärt Petra Sansone, Geschäftsführerin der Tiroler Kinder und Jugend GmbH, und verweist auf 920 stattgefundene Beratungen sowie Prozessbegleitung und Psychotherapie im jeweiligen Ausmaß von 60 und 68 Stunden. Die nicht nur schöneren, sondern eben auch vergrößerten Räumlichkeiten ermöglichen derweil die personelle Aufstockung auf vier Mitarbeiter und Psychotherapie in Kleingruppen, informiert Sansone. Formen der Gewalt gebe es viele – physisch und psychisch, erfahren am eigenen Leib oder indirekt, wenn einem geliebten Mensch wehgetan wird, so Sansone: Das Leid bleibe dasselbe, entstehe Schmerz doch immer im selben Hirnareal. Besonders erschütternd sei aber sexualisierte Gewalt, sagt die Geschäftsführerin, wobei die Täter zumeist aus dem unmittelbaren Umfeld wie der Familie stammen würden. Das mache es Betroffenen dann auch so schwer, sich zu melden, warnt Sansone – aus Abhängigkeit und falsch verstandener Loyalität, wegen Schuld- und Schamgefühlen, der Umkehr von Täter und Opfer, dem gesellschaftlichen Tabu. Dabei würden globale Untersuchungen des Kinderhilfswerks der Vereinten Nationen zeigen, dass 20 Prozent der Frauen und fünf bis zehn Prozent der Männer angeben, in Kindheit und Jugend mit sexualisierter Gewalt konfrontiert gewesen zu sein. So ist auch im Bezirk Imst bei einer Einwohnerzahl von etwa 60000 Menschen von abertausenden Betroffenen auszugehen, zeigt Sansone auf.

EIN SCHEIN, DER TRÜGT. Ein Anliegen ist dem Kinderschutzzentrum auch Aufklärung und Prävention, etwa in Schulen und Vereinen. Als Schwerpunkt ihrer Arbeit sieht die Prävention auch Miriam Floriani, die im Dezember die Leitung der Kinder- und Jugendhilfe Imst übernommen hat. Erfasst (und absolut vertraulich behandelt) werden dort auch die Gefährdungsmeldungen. Jene sind 2020  mit 118 bezirksweiten Meldungen im Vergleich zum Vorjahr (165) auffallend stark gesunken, sogar auf den niedrigsten Wert seit 2016. Eine optische Verbesserung, die einen falschen Anschein erwecken könnte, lasse sich der Rückgang doch unter anderem auf die Corona-Krise zurückführen, wie Floriani erklärt: „Schulen, Kindergärten und Betreuungseinrichtungen waren immer wieder geschlossen, Leben im Außen fand kaum statt. Selten war es so leicht möglich, Gewalt, Missbrauch und Vernachlässigung an Kindern zu verbergen wie in Zeiten des Lockdowns.“ So könne wohl davon ausgegangen werden, dass die Dunkelziffer um ein Vielfaches höher ist. Untermauern würde das insbesondere die aktuelle Tendenz: „Bereits bis April dieses Jahres ist die Zahl der Wegweisungen, Betretungsverbote sowie Gefährdungsmeldungen in unserem Bezirk eklatant gestiegen“, warnt Floriani. Sie sei sich bewusst, dass das Melden einer Gefährdung „oft eine emotionale Gratwanderung“ darstelle – aber: „Bei einer Meldung an uns geht es nicht darum, jemanden zu verunglimpfen. Sondern darum, Probleme sichtbar zu machen und damit Kinder zu schützen.“
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