Rundschau - Oberländer Wochenzeitung
Imst | Kultur | 27. Oktober 2020 | Manuel Matt

Der Gesang der Sirene – und ihr Aufbegehren

Der Gesang der Sirene – und ihr Aufbegehren <br />
Das Imster Theaterforum Humiste präsentiert „Der Weibsteufel“ – und bietet mit dem Klassiker von Karl Schönherr der kulturellen Verarmung durch die Corona-Pandemie die Stirn. RS-Foto: Matt
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„Der Weibsteufel“: Theaterforum Humiste feiert Premiere mit Drama von Karl Schönherr

Das klinisch-sterile Bühnenbild mag ein Zeichen der Zeit sein. Die vielen leeren Plätze trotz ausverkaufter Premiere, jedoch dem Abstandsgebot wegen, sind es aber auf jeden Fall. Dennoch bietet das Theaterforum Humiste in der Bühne Imst Mitte gewitzt der Corona-Pandemie die Stirn: Zurzeit mit „Der Weibsteufel“ des Tiroler Dramatikers Karl Schönherr, nach dem ersten Gastspiel am vergangenen Samstag noch an zwei Wochenenden zu erleben.
Von Manuel Matt

Alles ehrbare Berufe hätten seine Brüder erlernt – und doch habe er, der kleinste und schmächtigste Sohn, die schönste Frau gefunden. Fehlt zum Glück des Alten (Helli Maier) und seiner jungen Gattin (Stefanie Bauer) nur noch das schönste Haus, mitten am Marktplatz der nahegelegenen Stadt. Bis dahin ist aber es eine bescheidene Hütte in den Bergen, fernab von jeglicher Zivilisation, in der das Ehepaar haust – und Schmuggelei, die für das nötige Kleingeld sorgen soll. Längst wäre das Geld beisammen, wäre da nicht der eifrige, wenn auch junge Grenzjäger (Peter Mair), der eben erst den Dienst angetreten hat und bereits das Geschäft stört. Mittelfristig soll er dem Alten aber endgültig das Handwerk legen: Indem er dessen Frau verführt, die anschließend ihren Gatten ans Messer liefern soll. Derselbe ist aber längst im Bilde, versteht sich als Schlauester unter allen Füchsen – und setzt seine Füchsin ganz bewusst auf den Grenzjäger an, um sich des leidigen Widersachers elegant zu entledigen.

Naivität & Rebellion. Dass dieser Plan eigentlich bereits im Vorhinein unweigerlich zum Scheitern verurteilt ist, zeigt zuvor bereits die Eröffnungsszene, die bei unheimlicher Klanguntermalung die scheinbar treu ergebene Füchsin in ihren wahren Farben zeichnet: Kalt, berechnend – und insgeheim aufbegehrend gegen die Entmachtung ihres Geschlechts. Das lässt das Publikum geradewegs hinter die Fassade der Naivität blicken – und macht das bekannteste Werk des Tiroler Schriftstellers Karl Schönherr unter der Regie von Michael Rudigier zur griechischen Tragödie, deren Ende für die Zuschauer offensichtlich ist, nur nicht für die Figuren selbst. So bemerkt der alternde Schmuggler erst viel zu spät die schleichenden Veränderungen im ehelichen Machtverhältnis. Der Grenzjäger mag das drohende Unheil zwar erahnen – und doch bis zum Schluss nicht so recht begreifen.

Gesprengte Ketten. Mag er ein gerissener Schmuggler oder pflichtbewusster Grenzjäger sein: Hinter jedem gestandenen Mann steht insgeheim eine Frau, die ihn und seine Spielchen längst durchschaut hat. Wie leicht sich dann männliches Gehabe mit etwas Raffinesse in gewünschte Bahnen lenken lässt, demonstriert Stefanie Bauer eindrücklich – und verkörpert glaubhaft die unter Druck passierende Verwandlung der naiven Ehefrau zum letztlich skrupellosen „Weibsteufel“, der patriarchale Fesseln sprengt, um über sein Schicksal endlich selbst bestimmen zu können. Fein nuanciert spielt Peter Mair derweil den Grenzjäger, der als Verführer seine Sporen verdienen will – nur um in weiblichen Händen so weich wie Wachs zu werden und schließlich in den Wahnsinn abzudriften. Neben beiden Routiniers kehrt auch Helli Maier auf die Bühne Imst Mitte zurück: Mit Bravour wohlgemerkt, zeichnet er seinen Schmuggler doch als Mensch mit Sehnsüchten und Schwächen, als Sünder, dem Abscheu und Mitgefühl gleichermaßen gebührt.

Nur nicht zögern. Mühelos hält so die alpenländische Dreiecksgeschichte rund eineinhalb Stunden den Spannungsbogen aufrecht. Das schlichte Bühnenbild aus Paletten und Plastikplanen schärft dabei nicht nur das Blick für das Wesentliche, sondern ist vielleicht auch als Hommage an Schönherr als Arzt zu verstehen, der in seinem „Weibsteufel“ mit medizinischer Präzision eine Geschlechterdynamik offenzulegen wusste, die in ihren wesentlichen Zügen die Zeit noch immer überdauert. Sputen sollten sich hingegen jene, die dem aktuellen Schauspiel in der Bühne Imst Mitte zumindest einmal leibhaftig beiwohnen möchten: Gelegenheit gibt es dafür nämlich nur noch am 30. und 31. Oktober sowie am 6., 7. und 8. November – freitags und samstags um 20 Uhr, sonntags bereits um 18 Uhr. Karten lassen sich im Internet auf www.humiste.at oder ganz altmodisch unter Tel. 0664 6360646 reservieren.
Der Gesang der Sirene – und ihr Aufbegehren <br />
Keine Befreiung ohne Opfer: Stefanie Bauer als „Weibsteufel“ im gleichnamigen Stück von Karl Schönherr, momentan Programm in der Bühne Imst Mitte RS-Foto: Matt
Der Gesang der Sirene – und ihr Aufbegehren <br />
Zwei Männer, gegeneinander ausgespielt von der Frau, die Trophäe und Lockvögel hätte sein sollen: Helli Maier als alternder Schmuggler und Peter Mair als Grenzjäger RS-Foto: Matt
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