Rundschau - Oberländer Wochenzeitung
Imst | Kultur | 20. Oktober 2020 | Manuel Matt

Wie man den Wind deutet – und sich selbst

Wie man den Wind deutet – und sich selbst
Ein Künstler, wo er hingehört – mittendrin in seinem Atelier, umringt von seinen geschaffenen Werken: Elmar Peintner RS-Foto: Matt
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Städtische Hörmann-Galerie, ab 20. November: Erste Einzelausstellung von Elmar Peintner in Imst seit 16 Jahren

Das verlorene Corona-Jahr wird auch das Jahr sein, in dem der international anerkannte Maler Elmar Peintner wieder in Imst ausstellen wird: Rund 30 Werke widmen sich ab 20. November der verlorenen Fähigkeit des „Wetterfühlens“ und der Sehnsucht nach Ruhe, Rückzug und den Orten, die beides versprechen. Eine Vernissage wird es voraussichtlich, den Umständen entsprechend nicht geben, der in Imst lebende Künstler öffnete aber zuvor dennoch sein Atelier – für ein Gespräch mit der RUNDSCHAU.
Von Manuel Matt

Neben Gastfreundschaft herrscht im Atelier von Elmar Peintner, bei ihm zuhause im Imster Stadtteil Lassigg ganz nahe am Starkenberger See, vor allem eines: Erstaunliche Produktivität – denn wohl kaum an einem anderen Ort lässt sich Kaffee und Schokocroissant in der Gesellschaft derart vieler, in diesem Jahr geschaffenen Kunstwerke genießen wie in diesem Raum, wo eine Fensterfront samt Tür einen Blick in den Garten erlaubt. „Einer meiner Rückzugsorte“, verrät der Künstler: „Nur fehlt für die Gartenarbeit so oft die Zeit…“

VOM VERLIEREN UND WIEDERFINDEN. Dabei ist die Zeit doch der springende Punkt, das Salz in der Ursuppe des Lebens – und irgendwie auch Dreh- und Angelpunkt der mit 20. November in die Hörmann-Galerie einziehenden Peintner-Ausstellung, die mitunter von der Zeit handelt, die wir seit Wochen, Monaten und gerade jetzt in diesem Moment erleben. Mit dem künstlerischen Fokus auf das uralte Phänomen des Wetterfühlens zieht Peintner eine Linie, die beim bloßen Primaten beginnt, hin zum wieder naturbedingten Wanken des modernen Menschen führt und doch nicht dort aufhört, sondern der Unendlichkeit entgegenstrebt, bis tief hinein in das Kaleidoskop der Gefühlswelt einer höherentwickelten Wirbeltierspezies, die diesen blauen Planeten beherrscht. Geschwungen wird das Zepter allerdings nicht zwangsläufig in luftigen Palästen, sondern eher in kleinen Rückzugsorten, die hier und dort sein können. Von ihnen zeigt sich Peintner fasziniert und stellt sie in den Mittelpunkt seines momentanen Schaffens und seiner kommenden Ausstellung, die „eine Wanderung sein soll, von Kleinstbehausung zu Kleinstbehausung – Rückzugsorte, die für das Ich stehen, Symbole sind“, erklärt Peintner, der sich an die selbstgebauten Hütten in den Wäldern seiner Kindheit und an sonnige Plätze an deren Bächen erinnert – oder auch nur an ein aufgeschlagenes Zelt im elterlichen Garten. Qualitätsmerkmal für einen ordentlichen Rückzugsort sei jedenfalls die Stille, die Freiheit von Ablenkungen, urteilt der Maler und schließt den Kreis zum Wetterfühlen als Fähigkeit, die einst unverzichtbar für das Überleben war und „uns heute fast schon abhanden gekommen ist. Ich glaube, dem Stress wegen, der Schnelllebigkeit und dem Fehlen der Zeit, die es für Zu- und Hinhören brauchen würde“, analysiert der Maler und empfiehlt Suchenden, bei sich selbst anzufangen und sich der Angst vor der Stille zu stellen. Denn nur sie erlaube, wirklich wahrzunehmen.

SCHICHT FÜR SCHICHT. Still ist es allemal in den etwa 30 Bildern, die allesamt heuer entstanden sind und gemeinsam die Ausstellung bilden – doch niemals wirklich leblos. In jedem Strich scheint den gezeigten Zimmern, Hütten, Hochständen, Baucontainern und Wohnwägen menschliche Erfahrungen innezuwohnen. Eingefangen in abstrakt-atmosphärischen Farbräumen, die das Wetter fühlbar werden lassen, erzählen Erinnerungen und Gefühle von Frieden und Zufriedenheit, aber auch von Einsamkeit, von Unfreiheit. Letztlich wartet aber alles nur darauf, endlich auf den Betrachter überspringen zu dürfen – aus einer raffinierten Mehrschichtigkeit heraus, die es so ungemein reizvoll erscheinen lässt, das Schaffen eines Mannes, der Malen und Zeichnen noch immer als Abenteuer begreift. „Immer mit offenem Ausgang“, sagt Peintner lächelnd – und schenkt Kaffee nach.

FÜR EINE HANDVOLL SCHILLING. Sie mögen ergebnisoffen sein, diese Abenteuer. In ihrer Gesamtheit führen sie aber alle zurück nach Perjen, in ein unauffälliges Haus gegenüber dem Gymnasium und einem Elfjährigen, der dort zur Schule geht, hin und wieder trotzdem das erste Läuten fast verschläft und irgendwann den Vater um 100 Schilling bittet. „Für Ölfarben“, schmunzelt Peintner, der eben erst seinen 66. Geburtstag feierte: „Weil ein Anstreicher, der damals unsere Jalousien gestrichen hat, zur mir meinte, das mache einen echten Künstler aus.“ Gezögert habe der alte Herr damals jedenfalls nicht „und ich glaube, er hat das mit dem Malen ganz gern gesehen, da er selbst immer gern gezeichnet hat“. An seinem damaligen Rückzugsort – einer zum Atelier umfunktionierten Dachkammer im Elternhaus – träumte Peintner dann von der Akademie der Bildenden Künste in Wien, die er später absolvieren soll. Zuvor aber schließt der angehende Maler die Ausbildung zum Lehrer ab – den Eltern zuliebe, als Absicherung vor einem brotlosen Künstlerdasein. Letztlich eine unbegründete Sorge, konnte Peintner sich doch ein Begabtenstipendium sichern, seine Kunstwerke schon während des Studiums verkaufen, ausstellen und internationale Preise erringen. Das Lehrerdasein wurde nie zum Brotberuf, bliebt Ausgleich und Leidenschaft. Seine Kunst bereist derweil bis heute die Welt und nimmt ihn mit – sogar bis nach Japan.

FREUDE. Über ein halbes Jahrhundert, gewidmet der Kunst und das bisher ganz ohne kreative Bremse, ohne Mal- oder Zeichenblockade. „Dem Himmel sei Dank“, meint der Künstler, den es nach Imst verschlagen hat, weil es damals einfach keine schönen Gründe mehr in Landeck gegeben habe. „Das mit dem Haus war damals Liebe auf den ersten Blick“, schwärmt Peintner – und nach so vielen Jahren wieder in Imst auszustellen, das sei auch „ein bisschen wie Heimkommen“ und mit großer Freude verbunden. Bis dahin bleibt es bei der Vorfreude, öffnet die Ausstellung „Wetterfühlen“ doch erst am Freitag, dem 20. November.  Bis zum 9. Jänner bleibt dann Zeit für einen Ausstellungsbesuch in der Städtischen Galerie Theodor von Hörmann – übrigens ein fabelhafter Rückzugsort, mag das Wetter da draußen auch noch so wüten.
Wie man den Wind deutet – und sich selbst
Eines von rund 30 Bildern, das bald die Hörmann-Galerie schmücken wird: „Zelt eines Kindes und entwurzeltes Pflänzchen“, 2020, Acryl, Bleistift und Eitempera, 38 auf 27 Zentimeter. Foto: Watzek
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